Nehru Nagar ist ein Slum wie es wohl Millionen auf der ganzen Welt gibt: Wellblechdächer, kleine Hütten, Wände aus Karton, eine stinkender Bach in der Mitte, dafür kein fließend Wasser. Fließend ist hingegen das Englisch von Mohsin, dem jungen, für dieses Land untypisch groß gewachsenen Studenten, mit dessen Motorrad wir im Nordosten von Bhopal einen Damm entlang fahren. Ich habe Mohsin am Jubiläumsfest kennengelernt, als er uns Europäer unermüdlich alle Reden von Hindi auf Englisch übersetzt hat. Er hat sich die englische Sprache im Eigenstudium beigebracht und beherrscht sie so gut wie kein anderer.

Die Haltung, aber nicht die Brille von Gandhi

Mohsin kommt aus einer wohlhabenden, muslimischen Familie, absolviert eine Ausbildung in einem Privat-College und hat in seiner Freizeit ein Magazin mit gegründet. Es heisst The Optimist. Darin möchte das junge Redaktionsteam ausschliesslich über positive und inspirierende Nachrichten in Indien berichten – und nicht immer nur Tod, Elend, Vergewaltigungen und Korruption wiederkäuen. So wie es die indischen und sowieso alle Tageszeitungen auf der Welt tun. Nach dem Studium will Mohsin für ein paar Monate in einen Ashram ziehen, um dort zu schreiben und sich zu überlegen, wie er die Welt verbessern kann. Ganz nach Gandhi. Nur mit Hornbrille anstatt Rundglas.

Grün hinter den Ohren

Grüner Schal, grün hinter den Ohren

In der Siedlung angekommenen gehen wir durch die engen Gassen zwischen den Hütten hindurch auf eine Wiese – sagen wir – einen staubigen Platz. Dort sitzen in Halbkreisen viele Kinder, in der Mitte jeweils ein Erwachsener, der ein Buch in der Hand hält. Die Kinder schreiben auf Blöcke, in zerknautschte Hefte, manchmal auf loses Papier. Diese Kinder stammen aus den ärmsten Verhältnissen überhaupt. Die Familien sind so arm, dass sie die Kinder nicht an eine staatliche, geschweige denn an eine private Schule schicken können. Der Weg dahin, das Benzin oder die Schulhefte sind bereits zu teuer. Ich gehe durch das Freiluft-Klassenzimmer und erkundige mich nach den Fächern, die hier von Mohsin´s Mitstudenten nach Vorlesungsende unterrichten. Ein Unterricht ist es zwar nicht wirklich, sondern eher Nachhilfe: Englisch, Mathe, Geografie, Zeichnen.

Der verdreckte Bach

Besonders gut riecht es hier nicht

Ich setzte mich zu einigen Kids, die eine englische Geschichte um einen Frosch in einem Teich vorgelesen bekommen. Englisch kann ich, Mathe überhaupt nicht. Die Kinder winken mir scheu, der Ad-hoc-Lehrer begrüsst mich mit einem Kopfwiegen. Dann liest er weiter in der Geschichte, in der Kinder Frösche in einem Teich mit Brotkrumen bewerfen. Schliesslich kommt ein Junge und fragt den Lehrer etwas, drängt ihn zu einer raschen Antwort, klopft mit dem Zeigefinger auf sein Heft. Der junge Mann blickt mich an, deutet mit dem Kinn auf die Kids und das Buch, dann blicken mich die Kinder erwartungsvoll an. Unterricht von einem stranger?

Spontane Englischlektion

Spontane Englischlektion

Berlin und Bhopal ist eins

Seit einem halben Jahr vermisse ich die Berliner Gymnasiasten, mit denen ich über einem Zeitraum von zwei Jahren jeweils in einer Projektwoche Schülermagazine entwickelt habe. Immer wieder an neuen Schulen, immer wieder mit anderen Kids. Ein schöner Auftrag neben meiner Tätigkeit als Journalist. Nun sitzen plötzlich wieder 12-jährige Schüler vor mir, diesmal aber indische und keine deutschen. Obwohl sich in meinem Rücken nicht die Wand eines Schulzimmers in einem Berliner Stadtteil befindet, sondern gar keine Wand, weil wir in einem Slum sitzen und es draussen 20 Grad warm ist, die Kinder schmutzige Kleider tragen und nicht nach süsslichem Parfüm in einer rosa Flasche riechen, bleiben Kinder eben Kinder. Neugierig, witzig, schelmisch und aufgeweckt. So sind die Kinder in Bhopal, so waren die Kinder in Berlin.

Umlaute sind leise

Ich lese die Geschichte zu Ende, dann lesen meine temporären Schüler vor. Ein Mädchen mit einem Roßschwanz, einem grünen Halstuch und einem Grün-hinter-den-Ohren-Lächeln liest. Bei Wörtern wie road oder wearing stockt sie. Besonders die Worte mit Umlauten scheinen aus einem an Hindi gewöhnten Mund nur schwierig zu purzeln. Wenn sie das Wort nicht aussprechen kann, schaut sie mich mit großen Kulleraugen an, grinst verlegen. Ich lese es ihr vor, sie repetiert. Wir lesen, sprechen und erklären eine Stunde lang. Bis schliesslich die Mama ruft. Das Mädchen schüttelt mir die Hand beziehungsweise ist es kein Händeschütteln, sondern ein kleines Daumen-, Zeigefinger- und Händeschütteln-Spiel. Dann fragt sie, ob ich wieder komme. In diesem Moment durchfährt mich ein kleiner, wohliger Schauer, vom Nacken den Rücken hinab. Klar möchte ich wieder kommen!

Das Mädchen winkt mir noch eine Weile nach, neben ihr steht die Mama mit grünem Kopftuch und wiegt den Kopf. Ich bin so gerührt, dass ich über einen zotteligen Hund stolpere, der aber zu müde scheint, zuzubeissen. Auf der Rückfahrt geht die Sonne über dem See runter. Ich hole mir mit Mohsin noch eine indische Süssigkeit, grinse die ganze Zeit. Ist das jetzt dieses Glück, dass sich bei sozialer Arbeit einstellt? Ich werde wieder hin gehen, um dieses Gefühl genauer zu ergründen. Und das Händeschüttel-Spiel besser zu lernen. Und die Kinder wieder zu sehen.

Schulschluss

Schulschluss

Bildung ist das wichtigste Gut für Indien. Das weiss auch die Regierung des Landes. Aber wie bei so vielen Teilen des öffentlichen Lebens krankt das Bildungssystem an Korruption und Bürokratie. Die Korruption ist ein Krebsgeschwür, das sich durch alle Ebenen und Instanzen Indien´s zieht und das Land immer wieder in den Abgrund treibt. Obwohl eigentlich viele moderne Gesetze existieren, werden sie nicht implementiert. Wie etwas das Gesetz, dass alle Kinder zwischen acht und vierzehn Jahre das Recht auf kostenlose Bildung haben.

Die Realität sieht anders aus, wie ich an einem Education forum in Bhopal erfahre. An einem Donnerstagmorgen um elf Uhr treffen sich im Ghandi Bhawan Lehrer, Politiker, Schüler und Bildungsbeauftragte zu einer Konferenz. Als erstes kriegen es die Lehrer ab: Lehrer erscheinen nicht zur Arbeit, Lehrer schlagen Kinder, Lehrer müssen bis zu 200 Kinder in einer Klasse unterrichten, Lehrer wollen nur in den Städten und nicht auf dem Land unterrichten, Lehrer verdienen zu wenig, Lehrer können wegen der fehlenden Infrastruktur nicht unterrichten, Lehrer werden von der überbordenden Bürokratie erdrückt. Doch nicht nur die Lehrer sind Schuld an der mangelnden Bildung, sondern auch die Gesellschaft. Es gibt nämlich auch ganz viele Schulen in Indien, an denen Lehrer vorhanden sind, aber keine Schüler. Sie können nicht zur Schule kommen, weil die Eltern sie auf das Feld zur Arbeit schicken oder zu Hause für die Hausarbeit behalten. Das geht in ländlichen Gegenden so weit, dass Schulen auch wieder schliessen, weil sie niemand besucht.

Das "Education forum" bringt viele Missstände in Indien´s Bildungssystem ans Licht

Das „Education forum“ bringt viele Missstände in Indien´s Bildungssystem ans Licht

„Lehrer können nur in einer funktionierenden Infrastruktur unterrichten“, sagt Mr. Jami von Unicef Indien. Diese sei aber in zehntausenden von Schulen im ganzen Land mangelhaft. „Deshalb schicken immer mehr Eltern ihre Kinder in Privatschulen. Dieser Trend ist gefährlich, weil er ganze Familien ruinieren kann, die sich eine solche Schule gar nicht leisten können, aber auf alles verzichten, nur damit ihre Kinder dorthin können. Zudem werben sie die Lehrer aus den öffentlichen Schulen ab“. Eine Studentin präsentiert eine umfassende Studie, die sie über das indische Bildungssystem gemacht hat: „Besonders zu leiden haben die Kinder auf dem Land. Die Lehrer möchten sie nicht unterrichten, weil sie Arbeitsplätze in den Städten suchen“, sagt sie. Am Ende kommen die Betroffenen selbst noch zu Wort. Erstaunlich ist, dass die Kids frei und ohne Haspeln und Versprecher vor den hunderten von Leuten sprechen. Keine Ähms und Mhmms wie in Europa.

Ein Junge mit einer putzigen Krawatte erzählt, dass in seinem Dorf in Madhya Pradesh vier Lehrer vierhundert Kinder unterrichten. Ein Mädchen erzählt, dass ihr Lehrer anzügliche, sexuelle Bemerkungen macht und fordert mehr weibliche Unterrichtende. Die Infrastruktur ist laut den acht bis zwölfjährigen Schülern auf der Bühne miserabel: In vielen Klassenzimmern, die meistens openair sind, fehlen Stühle, der Unterricht findet auf dem Boden statt. Hefte oder Bücher sind Mangelware. Wohin das ganze Geld für die Bildung fliesst?, frage ich meinen Sitznachbar. Er winkt ab, grinst und sagt: „Natürlich in die Taschen der Politiker!“ Sehr nachdenklich werde ich, als ein kleines Mädchen mit einem blauen Kleid erzählt, dass ihr Lehrer sie immer wieder mit einem Stock schlägt.

Bildung ist der absolut einzige Weg, mit dem Indien den Sprung in die Zukunft schaffen kann: Wenn die Menschen gebildet sind, gibt es weniger Abhängigkeiten, weniger Korruption, weniger Armut, weniger Umweltverschmutzung und weniger Vergewaltigungen. Bildung entsteht aber in ganz kleinen Schritten. Eine Stunde lang ein englisches Buch lesen, einmal mehr zum Mülleimer laufen und einmal mehr ein Wort wiederholen – und auf die Kinder hören.