Mit einem rasselnden Husten wache ich inmitten von tausenden Indern im Zug auf. Drei Tage hatte ich jetzt von diesen billigen indischen Zigaretten geraucht, weil es auf dem Land nichts anderes gab. Die Marke heißt Flake – ich las zuerst Fake. Denn bei dem Preis kann es doch nur eine Fälschung sein: 60 Rappen kostet eine Schachtel mit zehn Zigaretten. Vielleicht sollte ich mit dem Rauchen aufhören – aber eins nach dem anderen. Vegi werden, keinen Alkohol mehr trinken und aufhören zu rauchen ist ein bisschen viel auf einmal. Der Staub auf der Landstrasse durch Tilda, aufgewirbelt durch die unzähligen Trucks, hat meine Lunge auch arg strapaziert.

Bhopal kennt jeder

Den Menschen in meinem neuen Wohnort Bhopal erging es vor dreissig Jahren noch viel schlimmer: Bhopal im Bundesstaat Madhya Pradesh. Bei der Generation meiner Eltern klingelt´s, wenn sie Bhopal hören. Obwohl es eine unspektakuläre, durchschnittliche, indische Großstadt mit rund zwei Millionen Einwohnern ist, kennen sie im Westen viele.

Time-Magazin aus dem Jahre 1984 über die Katastrophe in Bhopal

Time-Magazin aus dem Jahre 1984 über die Katastrophe in Bhopal

Am 3. Dezember 1984 um 0.05 Uhr trat aus dem Fabrikgelände des US-amerikanischen Konzerns Union Carbide, der heute zu Dow Chemicals gehört, eine tödliche Wolke von Methylisocyanat aus. Das hochgiftige Gas wurde dort zur Herstellung von Düngermittel eingesetzt. Um Geld zu sparen (70 Franken pro Tag!) reduzierte das Management den Gasdruck im Gelände und setzte damit eine verheerende Kettenreaktion in Gang. Der Wind verteilte das austretende Gas in die dicht besiedelten Wohnviertel und Slums im Nordosten der Stadt. Rund 2000 Menschen starben auf der Stelle. Weitere 10 000 Opfer starben an den Nachwirkungen der Tragödie. Inzwischen ist die Zahl auf über 20 000 Tote gestiegen. Noch heute leidet Bhopal unter der Katastrophe: Krankheiten wie Krebs oder Grauer Star, aber auch Unfruchtbarkeit, werden weitervererbt. Noch immer kommen Säuglinge mit Behinderungen zur Welt. Den Opfern wurde nach langem Ringen die lächerliche Entschädigungssumme von 25 000 Rupien – rund 400 Schweizer Franken – gezahlt. Ein ordentliches Gerichtsverfahren, das die Leitung von Union Carbide in die Verantwortung zieht, gab es bis heute nicht. Da noch immer Gift in den Boden sickert, ist das Grundwasser in Bhopal kontaminiert. Wobei ich das Wasser in Indien nicht trinke – übrigens das Einzige, was ich Essens-technisch anders mache als die Inder. Wobei kann ich nach dieser Chemiekatastrophe in Bhopal Duschen, Zähneputzen….?

New Market, mein Stadtteil

New Market, mein Stadtteil

Bhopal, die Großstadt

Bhopal, die Großstadt

30 Jahre danach

Der Nebel über der Stadt, den ich zum ersten Mal in Indien sehe, lenkt meine Aufmerksamkeit nach draussen: Bhopal (Hindi: भोपाल), die Stadt der Seen, empfängt mich als Stadt des Nebels – und mit einer erschreckenden Kälte. In Tamil Nadu und Kerala wünschte ich mir – wenn die Moskitos wieder einmal besonders gnadenlos zuschlugen und ich wegen der feuchten Hitze nicht schlafen konnte – Kälte. Jetzt ist sie bei meiner Ankunft um sieben Uhr morgens unerwartet da. Ich krame meine Jacke hervor und blicke und auf mein iPhone. Zwölf Grad. Brrr! Ich schnappe mir am Bahnhof eine Rikscha (diese fahrenden Piaggio-Töffs mit einem Dreiersitz hinten) und fahre zu der Adresse, die auf einer Visitenkarte steht. Ich tuckere wieder durch eine indische Großstadt. Bhopal zählt als Hauptort des Bundesstaates Madhya Pradesh rund zwei Millionen Einwohner. Ich bin 30 Jahre nach dem Desaster von Bhopal nun mit 31 Jahren in dieser Stadt, wo ich nach Zürich und Berlin wohnen werde.

Muslimische Jungs und Streetart

Jungs und Streetart

Tradition trifft auf Moderne

Tradition trifft auf Moderne

Das Guesthouse – die Wohnung, beziehungsweise die WG – in der ich die nächsten sechs Monate hausen werde ist im Vergleich geradezu luxuriös. Die Betten sind zwar einfache Holzpritschen, eine der beiden Toilette besteht aus einem Loch im Boden, ein Sofa fehlt, der Esstisch ist klein. Die Gegend scheint aber ziemlich posh zu sein. Vor den Häusern stehen schicke Autos – also weisse, japanische Karren  – die Wohnungen sind mit Balkonen ausgestattet. Das weisse Haus ist mit Windsor Retreat angeschrieben. Nachts sitzt hier ein Wachmann. Warum verstehe ich nicht. Indien ist ein sicheres Land. Deshalb schläft er nach acht Uhr abends auch meistens auf seiner Pritsche vor der Einfahrt.

Wo ist mein Zuhause?

Am ersten Abend, als ich vom Office zum Guesthouse gelangen möchte will ich mir als Weltenbummler beweisen, dass ich auch in einer indischen Großstadt ganz gut alleine zurecht komme. Die Adresse habe ich mir auf einen Zettel notiert. Der Rikscha-Fahrer kennt und findet die Strasse nicht. Wir fahren dreimal im Kreis. Ich weiss, mein neues Heim ist nur ein Steinwurf von der großen Kreuzung entfernt. Ich werde es finden, verlasse die Rikscha. Es ist dunkel und plötzlich ähneln sich alle Strassen. Ich frage einen Gemüsehändler, der weiss es nicht. Ich frage einen Wachmann, der will es nicht wissen. Ich frage einen Jungen, der versteht mich nicht. Ich frage eine Oma, die verstehe ich nicht. Dann erblicke ich den Freund und Helfer: einen Polizisten. Er kennt die Adresse ungefähr. Und packt mich kurzerhand auf den Rücksitz seines Motorrads. Wir fahren an Müllbergen, Gemüsewagen, Schulbussen und Schneidereien vorbei, auch im Kreis. Anstatt Verbrecher zu jagen hilft der Polizist dem Fremdling nach Hause. Dann finden wir die Strasse. Ich bedanke mich mit einem Handschlag und mindestens zehn Dankeschön – dhanyavaad (auf Hindi: धन्यवाद). Schliesslich gehört eine Stadtführung nicht in das Aufgabenprofil eines Polizisten. Jetzt muss ich das Haus finden. Wie ich bemerke auch eine Sache der Unmöglichkeit. Ich kann nichts erkennen, weil die Flutlichter der Autos die ganze Sicht versperren. Ein Mann in einer Papeterie, die Notizhefte im überzeichneten 80er-Jahre-Look verkauft, kritzelt mir mit flinken Fingern eine halbe Stadtkarte. Schliesslich – nach eineinhalb Stunden – stehe ich vor dem Guesthouse.

Kaltes knappes Wasser

Wie der Name schon sagt ist das Guesthouse für Mitarbeiter und Gäste von Ekta Parishad gedacht. Manchmal schlafen in der Dreieinhalb-Zimmer-Wohnung sechs Leute, manchmal nur zwei. Es ist nicht nur eine Wohngemeinschaft, sondern auch eine Schlafzimmergemeinschaft. Auch ich teile mein Zimmer vorübergehend mit Laxman Die Wohnung hat eine geräumige Küche, einen Balkon zum Kleider trocknen und viele Decken. Decken sind notwendig. Denn das Einzige, was mir zu schaffen macht, ist die Kälte hier im Norden. Eine Heizung gibt es nicht. Warum sollte es auch? Im Hochsommer kann es in Bhopal bis zu 45 Grad warm werden!

Warmes Wasser kommt aus dem Eimer

Warmes Wasser kommt aus dem Eimer

Jetzt ist aber noch Januar und selbst in Indien Winter. Tagsüber 20 bis 24 Grad in der Sonne, nachts zehn bis zwölf Grad. Schlotternd verkrieche ich mich unter der Decke. Am Morgen sehne ich mich nach einer warmen Dusche. Der Duschkopf spuckt nur kaltes Wasser aus. Meine Mitbewohner zeigen mir die Technik: Sie füllen einen Plastikeimer mit Wasser, nehmen einen Mini-Brennstab, legen ihn über einen Plastikkleiderbügel, versenken das Konstrukt im Eimer und erwärmen das Wasser. Eine halbe Stunde lang. Eine gute Zeit, um eine Runde joggen zu gehen.

Joggen als Gratwanderung

Joggen ist in Indien nicht einfach. Die streunenden Hunde erfordern bereits um halb acht Uhr morgens meine volle Aufmerksamkeit. Einige sind selbst noch müde und schlurfen vor sich hin, andere beäugen mich kritisch, so dass ich anhalte. Jetzt verstehe ich auch, warum die indischen Jogger, die meinen Weg kreuzen, nur gehen und nicht laufen. Sie joggen zudem alle mit langen Trainerhosen. In Indien tragen nur Schuljungs kurze Hosen. Eine Frau joggt in einer Burka an mir vorbei. An den Augen erkenne ich, dass sie selbst beim Rennen und mit verdecktem Gesicht geschminkt ist. Bevor ich wieder im Guesthouse ankomme, bleibe ich vor einer Mauer mit indischer Street Art stehen: Ein wunderbares, auf den Punkt gebrachtes Motiv über das grösste Problem der Menschheit: Die Umweltverschmutzung.

Auf den Punkt gebracht

Auf den Punkt gebracht

Bhopal ist unerwartet grün und hügelig

Bhopal ist unerwartet grün und hügelig