Mein Arbeitsplatz liegt – wie könnt es anders sein – in einem Gandhi Center. Dort gibt es sauviele Plakate von Indiens Übervater. Eine kleine Gandhi Statue begrüsst mich beim Eingang. Stilgerecht mit Brille. Wie gut habe ich vor meiner Abreise beim Zürcher Label Viu eine Sonnenbrille mit runden anstatt eckigen Gläsern gekauft. Wie ein so hagerer und kleiner Mann wie Mahatma Gandhi so etwas Grosses wie das unabhängige Indien schaffen konnte, werde ich wohl erst im Laufe meines Einsatzes verstehen. Erst lerne ich seine 11. Prinzipien, besonders den letzten Punkt: Toleranz. Dann schaue ich mir den dreistündigen Streifen Gandhi von Richard Attenborough nochmals an.

Im Innenhof des Zentrums befindet sich ein Mausoleum. Gandhi liegt hier nicht begraben – das weiss ich auch ohne Kenntnis des Sanskrits an den Wänden. Seine Asche wurde nach dem Attentat traditionsgemäß im Fluss Ganges verstreut. Vor seinem Tod wünschte sich Gandhi als Unberührbarer, als Kastenloser, wieder geboren zu werden, um selber zu erfahren, wie sich das Leben am untersten Ende der Gesellschaft anfühlt. Aber vielleicht versammeln sich im Gandhi Bhawan die Seelen aller grosser Männer und Frauen, die gewaltlosen Widerstand leisteten. Neben Gandhi auch Martin Luther King. King sagte über Indiens Staatsgründer: „Gandhi ist der erste Mensch in der Geschichte, der Jesus Liebesethik zu einer wirksamen und sozialen Macht gesteigert hat“. Nelson Mandela, Martin Luther King, Gandhi – sie alle predigten Gewaltlosigkeit, die beiden letzteren wurden schlussendlich ermordet.

Gandhi´s Ehren

Gandhi´s Ehren

Das Büro von Ekta Parishad befindet sich auf der Seite des Gebäudes und ist voll gepflastert mit Plakaten, Zeitungsartikeln und farbigen Bildern von Adivasis, Dalits und Landlosen für die sich die Entwicklungsorganisation einsetzt. Dazwischen stehen Holzschreibtische, ein Wassertank, Zeitungsstapel und ein Faxgerät. Ich entdecke hier die Urvorfahren des Laptops. Der schwarze Koloss ist zehn Mal so dick und schwer wie meiner. Aber keine Sorge – er ist auch hier in Indien nicht mehr in Betrieb, sondern dient als Staubfänger und Fotounterlage.

Die zwölf Mitarbeiter des nationalen Büros in Bhopal arbeiten mit normalen Flachbildschirmen und Druckern wie sie in Millionen von Büros – egal ob im Westen oder Osten – stehen. Wer unter all den Fotos immer wieder auftaucht und auffällt ist Rajagopal P.V., der Gründer von Ekta Parishad. Diesem einzigartigen Menschen werde ich einen separaten Blogeintrag widmen. Seine Geschichte ist zu spannend, um sie nur kurz anzuschneiden. Ich bin als volunteer press & medida für die Kommunikation und Pressearbeit von Ekta Parishad zuständig, informiere über Social Media über die Tätigkeiten und Aktionen und agiere als Verbindungsglied zu den europäischen Supportern von Ekta Parishad. Ich schreibe also viele Texte auf Englisch und verbreite Nachrichten.

Der Koloss neben meinem Laptop ist auch ein Laptop

Der Koloss neben meinem Laptop ist auch ein Laptop

Keine Attitüde, sondern Realität

Seine Frau Jill nimmt mich diese Woche unter ihre Fittiche: Jill ist Kanadierin, Uniprofessorin in Toronto und ehemalige UN-Botschafterin. Sie hat eine große Nase und kleine Augen, die sich beim Lachen zu Schlitzen verschliessen, die filigranen Hände einer Cellistin. Seit Jahren tingelt sie für die Anliegen von Ekta Parishad und im Namen des gewaltlosen Widerstands durch die Welt und vor allem durch Indien. Zwischendurch unterrichtet sie Nonviolence an der University of Toronto. Sie spricht fließend Hindi und ist so „lovely“, dass ich ihr jeden Wunsch von den Lippen ablesen möchte. Anstatt über die neusten Zukunftstrends, die tollsten Reisedestinationen, den coolsten Designer oder die neusten Startups zu schreiben, geht es bei meinem neuen Arbeitgeber um Politik, Volkswirtschaft und Menschenrechte. Hier sind die Leute wirklich und wahrhaftig gegen Monsanto, weil das Unternehmen direkt oder indirekt die Bauern nicht nur ruiniert, sondern auch in den Selbstmord treibt. In den letzten Jahren haben 100 000 indische Bauern aus Verschuldung Suizid begangen. Hier ist niemand wie in Berlin´s alternativen Kneipen wegen des Gesprächsthemas gegen Monsanto, sondern weil es um Leben und Tod geht.

Ein Büro wie es Millionen auf der ganzen Welt gibt

Ein Büro wie es Millionen auf der ganzen Welt gibt – nur mit etwas anderen Arbeitskollegen als im Westen

Ich verfasse nach Anweisungen von Jill einen Brief – und zwar gleich an einen der wichtigsten Menschen der Welt: An Premierminister Narendra Modi himself. Wir fordern Indiens Staatsoberhaupt in unserem Schreiben auf, die Rechte der benachteiligten Landbevölkerung zu wahren und nicht nur im Interesse von Investoren und Unternehmen zu handeln. Jill ist gütig und geduldig mit mir, klärt mich über die politische Lage auf, korrigiert mein englisches Gewurstel. Nie müde, die richtigen Worte zu wählen, die korrekten Gedanken zu formulieren und die schlagenden Argumente zu platzieren. Unser Tun wird nur ab und zu von einem Inder mit einem Pullover, auf dem zwei Flamingos kuscheln, unterbrochen.

Der Vintage-Pullover wäre in einem Berliner Secondhand-Laden der Renner. Alle zwei Stunden serviert der Händler von nebenan den Mitarbeiter einen Tee. Chai ist der Kaffee der Inder. Ich muss mir meinen westlichen Kaffee draussen holen, zahle doppelt so viel wie für einen Chai und kriege Pulver mit Milch aufgegossen. Milch ist in Indien teuer. Genauso wie Kaffeepulver. Alles Dinge, die in der breiten Bevölkerung nicht verbreitet sind. Chai gibt es dafür überall und jederzeit. Ohne Chai geht in Indien nichts. Chai ist die Konstante im Chaos, Chai ist der gemeinsame Nenner der Schichten, Chai ist das Benzin der Menschen. Wie viel Liter Chai täglich in ganz Indien getrunken werden, frage ich mich? Ein halber Ozean wohl.

Chai, das Benzin der Menschen

Wir trinken Chai von Montag bis Samstag – genau, bis Samstag. Dann arbeiten ich auch. Wer sich für bessere Lebensbedingungen der Ärmsten einsetzt, ist andauernd am arbeiten. Es ist eine Lebensaufgabe, keine Aufgabenplanung. Das bedeutet aber nicht, dass meine Arbeitskollegen im Dauerstress sind. Vor zehn, halb elf Uhr morgens wird in keinem indischen Büro gearbeitet. Wenn der Chef nicht da ist, machen die Mitarbeiter gegen fünf oder halb sechs Feierabend. Nicht die Arbeitszeit, sondern die Masse an Menschen hält das Bruttosozialprodukt in Indien am laufen. Meine Arbeitskollegen und Mitbewohner lassen sich morgens besonders lange Zeit. In der ersten Woche wartete ich meist ungeduldig vor der Tür, mit geputzten Zähnen und den Turnschuhen angezogen, während der letzte gerade aus der Dusche kam und lachend meinte: „Don´t hurry, chicken curry.“

Der indische Arbeitsalltag unterscheidet sich dabei nicht durch die Büroeinrichtung oder den Arbeitsabläufen vom unsrigen (ausgenommen das offene Feuer vor dem Eingang, das die Räume wärmen soll – auch hier existiert keine Heizung), sondern in etwas, das man gar nicht sieht. Obwohl unsichtbar, fehlt es mir bei Abwesenheit sofort. Mir wird schlagartig bewusst, wie abhängig ich in den letzten vier Jahren als selbständiger Schreiberling vom World Wide Web geworden bin. Ist die Verbindung gekappt, werde ich arbeitsunfähig.

Telefon- anstatt Internetverbindung

Wenn die Internetverbindung mal wieder ausfällt, greift man zum guten alten Telefonapparat.

Das passiert hier im Büro nicht alle paar Monate, sondern alle paar Stunden und manchmal auch Minuten. Glasfaser-Breitband-Highspeed gibt es hier nicht. Sind die schirmartigen Striche oben rechts auf meinem Mac mal wieder verschwunden, breche ich in Panik aus, spüre den Ärger hochkommen. Meldungen wie „Dies kann einige Sekunden dauern“ werden zu „Dies kann einige Stunden dauern“. Die Internetverbindung, so scheint es, variiert nach Stärke des Windes. Bin ich endlich wieder online, erfolgt noch ein kurzer Stromausfall. Meine indischen Arbeitskollegen trinken währenddessen gelassen einen Chai-Tee und halten einen Schwatz. Offline. Dafür mit vielen Lachern, Schultern klopfen und Kopfnicken…also Kopf wiegen. Google ist für sie nicht das Tor zur Welt.

Der höchste Amtsträger im Bundesstaat zu Besuch

Der höchste Amtsträger im Bundesstaat zu Besuch (Zweiter v. links) in der Nachbarschaft

Roaming im eigenen Land

Je weniger meine Arbeitskollegen auf dem Internet verweilen, desto mehr telefonieren sie. Die Inder hängen andauernd am Handy. Wer in Indien telefoniert muss aber am Ende des Monats nicht wie in der Schweiz einen halben Monatslohn hinblättern, sondern kauft sich 1 GB Internet für zwei Franken. Für meine indische SIM-Karte brauche ich Laxman, einer der Menschen, mit dem ich 24 Stunden pro Tag verbringe. Er ist mein Mitbewohner (mit dem ich manchmal auch das Zimmer teile), er ist mein Arbeitskollege, er ist mein Bhopal-Führer, mein Übersetzer – und mittlerweile ein guter Freund. Wegen der Terrorgefahr in Indien braucht es für den Erwerb einer SIM-Karte einen Pass, ein Passfoto und einen Bürgen. Jeder der 30 indischen Bundesstaaten hat ein eigenes Netz. Telefoniert man von Madhya Pradesh nach Rajastan zahlt man Roaming. Wie wenn man von uns von Schweden nach Sizilien telefoniert. Um die SIM-Karte bei einer Reise zu Verwandten in einem anderen Indien-Land zu wechseln, besitzen viele Inder zwei Telefone. Ich besitze nun eine indische Telefonnummer. Der Besitz der SIM-Karte signalisiert für mich die endgültige Ankunft in einem neuen Land. Im Minutentakt erklingt im Büro eine kitschige Bollywood-Melodie. Abgehoben wird immer und jederzeit. Egal ob am Steuer, in einem Meeting, an einem Vortrag oder an der Hochzeit. Die Gespräche hören sich wie ein vorwärtsgespultes Tonband an. Bei Hindi scheinen fünf Wörter ein Wort zu sein. „Ai“ bedeutet okay, „ha,ha“ bedeutet auch okay. Übrigens heisst Nein auf Hindi: Nei, wie im Berner Dialekt.

Manchmal ist Indien aber auch genauso wie in den TV-Dokumentationen über das riesige Land. Nicht nur in Mumbai, sondern auch in Bhopal wird mein Essen in Dabbas (tiffins), diesen mehrteiligen, genial praktischen Metallbehältern, geliefert. Ich zahle 75 Rappen für ein Mittagessen. Manchmal denke ich: Je günstiger das Essen, desto besser. Es wird von einer ehemaligen Mitarbeiterin zu Hause zubereitet und dann von ihrem Sohn angeliefert. Heimische Küche schmeckt immer am besten!

Die praktischen Tiffins

Die praktischen tiffins

„No problem!“

Beim Mittagslunch sitzt Ganesh neben mir, von allen nur GK, tschikei, genannt. Der schlaksige Mann, der immer in einer Winterjacke im Büro sitzt, stochert mit den Händen in seinem Essen herum, schiebt mir ein Chapati (Hindi: चपाती) und ein körniges Gelee zu. Ich bedanke mich. Er antwortet mit DER englischen Antwort der Inder schlechthin: „NO PROBLEM“. Und schaufelt mir mehr Essen aus seinem Teller zu. GK hat fünfzehn Jahre lang in Libyen Maschinen zusammen gebaut. In seinem Pensionsalter kam er wieder nach Indien zurück. Als Ingenieur hatte er ein gutes Einkommen. „Warum er immer noch arbeite?“, frage ich. „Meine Frau hat ein grosses Herz und immer alle Freunde, Bekannte und Familienmitglieder eingeladen und beschenkt“, sagt er lachend. Deshalb müsse er jetzt weiter arbeiten. Die Arbeit scheint GK aber nicht im geringsten zu stören. Im Gegenteil, so interessiert wie er ist verbringt er seinen Lebensabend lieber unter Menschen als auf dem Sofa zu Hause. Sein Zuhause hat er auch im Büro dabei: In Form des leckeren Essens, das ihm seine Tochter jeden Tag liebevoll zubereitet. Ich solle noch von seinem Dessert probieren. Ein runder Würfel, der nach Ingwer und Zitrone schmeckt. Er ist so zart und wohlschmeckend, dass ich mir einbilde, etwas high zu werden.

Eine Meeting im Freien

Eine Meeting mit Farmern im Freien

Wir sind alles U(n)ser

Was man in Indien wirklich rasch lernt ist zu Teilen. Für mich als Einzelkind nie eine schlechte Lektion. Die eigenen Ansprüche in den Hintergrund zu stellen und in einer echten Gemeinschaft zu leben. Keiner virtuellen, keiner vordergründigen, die nur dem Karrieredenken entspringt, keiner egoistischen Zweckgemeinschaft, sondern einer realen, aus der Natur des Menschen heraus agierenden. Diese Gemeinschaft gibt und nimmt, nimmt aber auch und gibt dann. Es gibt in Indien kein Meins, sondern nur ein Unser. Ich esse so viel wie ich mag, und wenn es kein Essen mehr hat, kochen wir neues. Wenn ich kein Essen dabei habe, dann kriegst ich von jemandem essen. Hat jemand kein Essen dabei, dann gebe ich Essen. Ich hole mir auch nie einen Chai oder eine Banane für mich selbst, sondern für alle. Das letzte Hemd geben, heisst in Indien die letzte Unterhose geben.

Wenn du eine Rikscha reparieren musst und kein Werkzeug hast, dann holst du welches beim Nachbarn. Wenn du nur grosse Noten dabei hast, holst du beim Gemüsestand nebenan Wechselgeld. Wenn du duschen gehst und deine Flip-Flops nicht findest, dann nimmst du die deines Mitbewohner. Er nimmt sie aber auch von dir. Darauf musst du dich einlassen. Schnell habe ich mir auch angewöhnt, die Wasserflasche beim Trinken nicht an die Lippen anzusetzen, sondern die Schlücke in den Mund zu schütten. Nicht weil ich mich wie damals in der fünften Klasse (in der die Mitschüler vor dem Trinken immer mit dem T-Shirt den Flaschenhals abgewischt haben) vor den anderen ekle, sondern aus Anstand –  weil vielleicht jemand kommt und auch aus der Flasche trinkt. Der Besitz gehört der Gemeinschaft. Das hat nichts mit Kommunismus, sondern mit Zusammenhalt zu tun.

Denn bei 1,2 Milliarden Menschen hat es nicht für jeden alles. Damit es mehr wird, teilt man es. In Europa haben die Menschen das jetzt auch entdeckt und nennen es Sharing Economy. Ich sagS ja: Indien #future. Das Motto v0n Ekta Parishad beruht auch auf Teilen. Dem Teilen von Ressourcen: Das Wohl der Ärmsten für das Wohl von allen.

"Well being of the last for the well being of all".

„Well being of the last for the well being of all“ – das Motto von Ekta Parishad