Als ich am Morgen aus dem Hotel trete, scheint die Sonne in Delhi (Hindi नई दिल्ली). Doch die Sonnenstrahlen erreichen mich nicht. Ein leicht grauer Nebel lässt die Sonne trüb erscheinen. Die Sonnenstrahlen können sich nur an die Stadt herantasten, aber sie nicht berühren. Delhi ist ständig unter einer Smog-Glocke abgeschirmt. Die Sonne scheint nie richtig, sondern nur vergilbt. Kein Wunder – die indische Hauptstadt ist die am schlimmsten verschmutzte Stadt der Welt.

Forscher der Weltgesundheitsorganisation haben sich für die Ermittlung dieser Zahlen auf die Rückbank einer Rikscha gesetzt und monatelang im Verkehr gemessen. Delhi ist ein Moloch, in dem inzwischen rund 25 Millionen Menschen leben und sich mit Autos und Bussen durch die Stadt zwängen. Es herrscht 24 Stunden Stau in dieser Megapolis. Da hilft auch die moderne U-Bahn nicht viel. Delhi, die Riesenhauptstadt dieses Riesenlandes. Delhi, die alte Dame. Delhi, der Moloch. Delhi, der Ort, an dem vor zwei Jahren fünf Männer eine junge Frau bestialisch vergewaltigt haben. Delhi, das L.A. Indiens wegen den vielen Strassen, die sich durch die Stadt pflügen, Delhi, der Puls von Indien, der meist schnell und selten langsam schlägt.

Delhi hat seit einigen Jahren eine U-Bahn. Sie ist sauberer und pünktlicher als in vielen europäischen Großstädten

Delhi hat seit einigen Jahren eine U-Bahn. Sie ist sauberer und pünktlicher als in vielen europäischen Großstädten.

Delhi ist wohl auch die einzige Hauptstadt der Welt, die eigentlich nur einen Stadtteil umfasst. Die Briten verlegten 1912 die Regierungssitze von Kalkutta in dieses neu geschaffene Quartier und nannten es kurzerhand New Delhi. Nach der Unabhängigkeit wuchs die Stadt so rasant, dass man auch neue Quartiere außerhalb des Regierungsviertel als New Delhi bezeichnete. Dieser Wachstum scheint auch siebzig Jahre nach der Unabhängigkeit nicht abzubrechen. Innerhalb der letzten zehn Jahre hat sich die Einwohnerzahl der Millionenstadt verdoppelt. Niemand weiß genau, wie viele Menschen aus den armen Staaten um den Stadtstaat herum in die Megapolis gezogen sind. Vielleicht 20, 25 Millionen sind es mittlerweile. Menschen in Slums zu zählen ist schwierig. Nur Mumbai, die bald größte Stadt der Welt mit voraussichtlich 50 Millionen Einwohnern im Jahre 2030, übertrifft Delhi in Indien.

Die Betonskelette bei Farinbad  sollen dem rasanten Wachstum der Stadt nachkommen

Die Betonskelette bei Faridabad sollen dem rasanten Wachstum der Stadt gerecht werden.

Das Platzen aus allen Nähten braucht Raum: Riesige Betonskelette säumen die Straße, als wir aus der Stadt hinaus Richtung Westen an Faridabad vorbei fahren. Wie Dominosteine aufgereiht steht hier ein grauer Wolkenkratzer nach dem anderen. Die langen Kraken der Baukräne und Gerüste umschließen die Giganten. Eine Wohnbatterie nach der anderen wird hochgezogen. Es sind wortwörtlich hunderte solcher Blocks, die jetzt noch leer stehen. Eine furchterregende Armee von Riesentürmen, über deren Köpfen eine rote Sonne untergeht. Die Wohnblocks sehen aus wie im Computerspiel Sim City und erinnern an einen düsteren Zukunftsfilm aus der Vergangenheit. Wer es in Indien geschafft hat, wohnt in diesen Wohnblocks. Nicht weil sie schön sind, sondern weil die Menschen hier vom Dreck, dem Lärm und den Menschenmassen der Stadt abgeschirmt sind.

Wie im Sciene-Fiction-Film Elysium

Die Ober- und Mittelschicht hat sich hier ein Paralleluniversum erschaffen. Wie im Film Elysium einen neuen Planeten. Slums stehen gegenüber der neuen Blocks. Eine Metapher für die wachsenden Unterschiede zwischen Arm und Reich – wie auch in den USA eine Mauer das Wohlstandsland USA vor dem zerrütteten Mexiko schützt. Anstatt Delhi gemeinsam zu einem besseren Ort zu machen, fällt es auseinander. Die Armen reinigen und bewachen die Gebäude, Kameras vertreiben Bettler. Das Trinkwasser wird angeliefert und bricht mal wieder der Strom zusammen, halten Generatoren die Kühlschränke und Waschmaschinen am laufen. Unten steht ein Wächter, weiter unten eine Tiefgarage. Fertig gestellt sind schon die Schilder, die das neue Wohnen anpreisen. Die Bezeichnungen für diese Siedlungen sind bezeichnend: Western Paradise, Garden City oder VIP Village und Impressions Plus. 

Neben den Betonhäusern schlängelt sich eine Betonschlange. Der Ausbau der Untergrundbahn aus der Stadt hinaus. In der Agglomeration kommt sie jedoch als Hochbahn daher. An den massiven Tragpfeiler und Bahnhöfen drehen Arbeiter die letzten Schrauben fest. In Betrieb ist die Bahn noch nicht. Es wohnen ja noch kaum Menschen in den Blocks. Aber die Geisterstadt, die jetzt schon größer wirkt als eine europäische Hauptstadt, wird bei meinem nächsten Besuch in Delhi mit Leben gefüllt sein Mit Hunderttausenden von Menschen, die die Aussicht auf Wohlstand in die Stadt gespült hat.

Urbane Großstadtaffen

Urbane Großstadtaffen

Wie alle Großstädte in Schwellenländern vereint Delhi Elend und Glamour, Reichtum und Armut, Starbucks und Slum, Monument und Konsument, Party und Bettler, Prostitution und Korruption. Die Leute in Delhi sehen ihre Stadt als Burg, umrundet von armen Bundesstaaten und Menschen, die in die Burg hineinströmen möchten, auf der Suche nach einem Job und einem besseren Leben. „Diese Festung wankt allmählich und droht zu implodieren“, sagt beziehungsweise beschreibt der Portier in meinem Hotel mit Händen und Füssen den Zustand der Stadt. „Too much people….not enough work… people from rural area come to city…too much traffic…….some day…..bum!“

Als ich den Portier das erste Mal angesprochen habe, hat er mir nicht geantwortet, sondern nur gelächelt. Ich habe nachgefragt, dann hat er mit halb geschlossenem Mund etwas gemurmelt. Dann hat er sich weg gedreht, einen Schwall rote Spucke auf die Straße gespuckt, sich entschuldigt und geantwortet. Mittlerweile sollte ich wissen, was geht, wenn ein indischer Mann mir nicht antwortet. Viele Typen hauen sich Tabak in den Mund, und wenn sich dieser dort ausbreitet, fällt das Reden schwierig, bis sie wie kleine Drachen rotes „Blut“ aus dem Mund speien.

Der Portier hat an seinem Hinterkopf ein kleines Schwänzchen à la Rodrigo Palacio. Das Erkennungsmerkmal der Brahmanen, der obersten Kaste. Sie waren meist Lehrer oder Gelehrte, viele sind Priester, weil es auch ein religiöser Titel ist. Im Indien von heute üben die Brahmanen aber alle Berufe aus. Er stammt aus Himachal Pradesh, gleich neben dem Himalaya-Gebirge. Seine Frau und die beiden Kinder wohnen dort. Er sieht sie alle paar Monate und schickt den Grossteil seines Gehalts an die Familie. Natürlich verdient er hier in Delhi mehr als im Gebirge. Dafür ist er einsam und schläft jede Nacht auf dem Fussboden in der Lobby. Vor der Nachtruhe sitzen wir auf der Treppe, rauchen zusammen eine Zigarette und beobachten die Hunde. Er lädt mich zu sich nach Hause ins Gebirge ein. „Auf dem Land ist es nicht so hektisch wie hier“, lächelt er. Wenn er wieder dorthin ziehen würde, dann wäre bereits ein nächster am Start, der seinen Posten übernimmt. Jeden Monat strömen in Indien eine Million Menschen auf den Arbeitsmarkt.

Mittel- und Oberschicht ist der falsche Begriff

Der Inder, der mit seinem BMW durch Delhi kurvt, setzt beim Hupen noch eine Zacken drauf, wenn ein Ochsengespann eines Landeis die Straße verstopft. Ich versuche mich bescheiden zu geben in Indien. Aber würde es nach meinem Schweizer Gehalt gehen, dann verdiene ich wohl gleich viel wie Modi´s Minister. Deshalb ist der Begriff Mittel-und Oberschicht für Indien nicht treffend. Er setzt die besser verdienenden Menschen im Subkontinent mit der europäischen oder amerikanischen Mittelschicht gleich. Der Unterschied ist aber noch immer exorbitant: Ein Inder der Oberschicht verdient rund 10 000 Franken anstatt 500 Franken im Jahr wie die meisten Inder. Vielleicht nennen wir sie deshalb Snobs, weil sie so auf Materielles fixiert sind. Leute, die das Geld um sich werfen anstatt bereits an die nächste Generation zu denken. Verübeln kann ich es ihnen nicht. Wir machen es genau gleich. Vielleicht noch falscher, weil wir uns immer wieder mit Vegan, Bio, natürlich abbaubar und Minergie gegen den Konsum tarnen.

Ich bahne mir einen Weg durch die vielen Menschen und Autos

Ich bahne mir einen Weg durch die vielen Menschen und Autos

Wer Delhi verstehen möchte, liest am besten das Buch Capital von Rana Dasgupta, „a portrait of Twenty-first Century Delhi“, erkennbar am wunderbaren, schwarzen Buchcover. Dasgupta skizziert dabei eine düstere Perspektive auf und schreibt, dass die Delhi nie zu Ruhe, Ordnung und Hygiene kommen wird. Der Überfall der Evolution auf diese gewaltige Metropole wird nicht abbrechen. Weil der Traum nach Wohlstand und Kapitalismus nicht abbrechen wird solange der Westen ihn vorlebt. Der in England geborene Autor zeigt das Leben der neuen Bohème in der Hauptstadt auf, das sich in der arroganten und aggressiven Gier nach Materialismus manifestiert.

Die Stadt macht die Menschen nicht glücklicher

Die Großindustriellen verachten das arme Indien und sind sich nicht zu schade, ihre Belegschaft in Gefängnisse, die sie Fabriken nennen, zu stecken. Das Buch zeigt den Bruch der Stadt Delhi auf. Wie der Titel schon impliziert, sind die Zeilen aber auch eine Kritik am Capitalismus. Und analysiert auch die Vergewaltigung der 23-jährigen Frau in einem Bus von Delhi 2012, die weltweit Wellen schlug. Aber Veränderungen führen zu Spannungen, die in Gewalt gipfeln. Wie auch meine Organisation Ekta Parishad versucht, die Dörfer und die Landbevölkerung wegen des Wachstumswahns nicht in Vergessenheit geraten zu lassen, ist beim Dasgupta auch eine Sehnsucht nach dem Landleben herauszulesen. Er wendet sich vom Versprechen nach Reichtum in den Städten ab – auch wenn Mumbai einen Drittel aller Steuereinnahmen Indiens generiert – und schreibt, dass es den Menschen in den Städten nicht besser geht als vor dreißig Jahren auf dem Land.

Ein erstaunliches Gebäude - so hässlich, das es fast schon wieder faszinierend wirkt

Ein erstaunliches Gebäude – so hässlich, das es fast schon wieder faszinierend wirkt

Obwohl die Großstadt als Lebensform in Delhi so falsch scheint, spüre ich dieses aufgeregte Kribbeln, das ich immer habe, wenn ich in einer Megametropole bin. Das war in Tokio, in Los Angeles, in Peking und jetzt auch in Delhi so. Ich bin geschäftlich in die Hauptstadt gereist. Meine Entwicklungsorganisation Ekta Parishad führt an diesem Wochenende einen yatra – einen Marsch – durch. Es ist ein Protestmarsch gegen eine Verfügung der Regierung, dass man Bauern vom Land enteignen kann, sofern dieses Land der prosperierenden Entwicklung von Indien zugute kommt. development kann dabei so ziemlich für alles benutzt werden, egal ob Fabrik, Spielplatz oder Wohnsiedlung. Mit dieser neuen Verfügung können Unternehmen und Investoren Bauern von ihrem Land vertreiben. Den landlosen Bauern und Arbeitern wird damit die Grundlage für ein Leben in Würde, Stolz und Sicherheit entzogen. Der Marsch von über 5000 Dalits und Adivasi von Palwal nach Delhi soll Premierminister Narendra Modi die Augen öffnen und ein Zeichen setzen.

Der Lotus-Tempel

Der Lotus-Tempel

Der Marsch endet im gnadenlosen Delhi, das für Erfolgsgeschichten, aber auch den Verlust der Traditionen Indiens steht. Eine Stadt, die zwar nichts will, aber trotzdem alles ein saugt, das mit Geld und Politik zusammenhängt. Es ist eine Weltstadt, die vom Geiste der Dörfer und der Händen derer ehemaligen Bewohnern geschaffen wurde. Ein Schlund, der mit seinen Politikern versucht, das Land zusammen zuhalten, es durch ihr Wirken aber gleichzeitig auseinander zieht – und die Kluft zwischen Arm und Reich im rasanten Tempo vergrössert.

Ich atme den Smog ein – wird es mir schlecht?

Auf der Fahrt durch die Stadt schnappe ich mir die englischsprachige Tageszeitung, die neben mir auf dem Sitz liegt. Einer der Artikel befasst sich mit der nicht nur bedenklichen, sondern alarmierenden Luftverschmutzung in Delhi. Passanten und Benutzer des öffentlichen Verkehrs und der Rikschas sind den Schadstoffen am meisten ausgesetzt. Es wird ernsthaft empfohlen, sich nicht draußen zu bewegen! Wir stecken natürlich auch im Stau auf der endlosen Straße in die Innenstadt. Ich öffne das Fester, weil im Auto drin zu warm ist. Ich nehme einen Schluck Abgas und Smog, lächle dem Mann mit den rot gefärbten Haaren im gegenüber Auto zu, er winkt zurück. Dann kommt die nächste Prise Abgas und Schadstoff. Ich atme regelmäßig, versuche herauszufinden, ob mir schlecht wird. Das nicht. Aber als ich mich zurück lehne, nicke ich fast augenblicklich ein.

Vielleicht kennt er ja die Zukunft der Megametropole. Diese kleinen Papageien werden seit Jahrhunderten für die Deutung der Zukunft eingesetzt.

Vielleicht kennt er ja die Zukunft der Megametropole. Diese kleinen Papageien werden seit Jahrhunderten für die Deutung der Zukunft eingesetzt.