„Tamil Nadu shuts the doors for Coca-Cola“ schreiben die Tageszeitung in Indien in diesen Tagen. Die Regierung des südindischen Bundesstaates Tamil Nadu hat beschlossen, dass die geplante Fabrik in Tamil Nadu nicht weiter gebaut werden kann. Nachdem bereits eine Coca-Cola-Fabrik im Bundesstaat Kerala schliessen musste, ist das eine erneute Abfuhr der Behörden an den Brausehersteller. Diese Schliessung hat trotz seiner Signalwirkung in den internationalen Medien kaum Beachtung gefunden. Der Bezug und die Nähe zu diesem Geschehnis in einem fernen Land fehlt, obwohl Coca-Cola von allen getrunken wird. Das ist der Trick des Konzerns: Je weiter weg vom Hauptkonsumenten, desto weniger negative Schlagzeilen werden geschrieben.

Wasser gehört allen

Die Gründe für die Schliessung der Fabrik liegen auf der Hand: In Plachimada in Kerala war der Grundwasserspiegel gesunken, weil der amerikanische Konzern dermassen viel Wasser bezog. Bis zu 500 000 Liter pro Tag. Zur Herstellung einer Flasche Cola benötigen sie das Vierfache an Wasser. Den Müll aus der Herstellung verschacherte Coca-Cola als Düngemittel an die Bauern. Die Verschmutzung des Wassers führte zu Hautausschlag der Bewohner. Diese Verseuchung des Wassers ist höchstwahrscheinlich dem Weltkonzern zuzuschreiben. Vier Jahre nach der Eröffnung der Fabrik 1999 in Kerala protestierten Frauenbewegungen im Distrikt, weil wegen des sinkenden Wasserspiegels die Brunnen austrockneten und sie Kilometer lang zu anderen Wasserquellen gehen mussten. Die Aktivitäten von Coca-Cola lösten 2007 Proteste aus und zwangen die Führungsriege des Konzerns zu einer Erklärung in Indien.

Es geht bei dieser aktuellen Schliessung aber nicht nur um das ewige Spiel Weltkonzern versus Entwicklungsland, Arm versus Reich, Privatunternehmen versus Staat und schon gar nicht um Kapitalismus versus Sozialismus. Es geht darum, wie in Indien in die Zukunft gehen möchte. Als Industrieland, das den reichen Länder als Zubringer dient, oder als Agrarstaat, der aber mit dem Wachstum des 21. Jahrhunderts nicht mehr mithalten kann. Vor zwei Wochen besuchte Premierminister Narendra Modi die deutsche Kanzlerin Angela Merkel an der Messe Hannover, wo er internationale Investoren und Konzerne überzeuge wollte, in Indien zu investieren. Das Wachstum von 6,5 Prozent im letzten Jahr soll im selben Tempo weitergehen.

Land - aber für wen?

Land – aber für wen?

(Can you) MAKE (it) IN INDIA

Zeitgleich zur Messe präsentierte die indische Regierung eine neue Kampagne: MAKE IN INDIA. Auf der Website präsentiert sich das Industrieland Indien selbstsicher mit einem Löwen. Auf der Seite wird künftigen Investoren aufgezeigt, in welchen Bereichen im wachsenden Industriestandort Indien investiert werden kann. Automobil, Chemikalien, Textil, Minen, IT, Food oder Elektronik sind nur einige davon. Zu jedem Sektor wird fein säuberlich dokumentiert, wo die Chancen liegen und wie die Industrie in den verschiedenen Sektoren wachsen könnte. Dabei ist Indien beispielsweise der sechstgrösste Hersteller von Chemikalien weltweit. Oder zweitgrösster Textilfabrikant der Welt. Der drittgrösste TV-Markt der Welt. Über 3000 Minen existieren im Land. Ölraffinerien gibt es auch. Die Wellness-Industrie wird auf 162 Milliarden Dollar geschätzt. Indien scheint internationalen Investoren viel zu bieten. Die Regierung glättet den Weg für den Kauf von Land – und damit den Zugang zu Ressourcen, billigen Arbeitskräften und einer Politik, die auch mal ein Auge zudrückt.

Etwa auch bei einer aktuellen Verfügung über Landrecht. Dabei verweist die Regierung immer wieder auf Entwicklung des Landes. Doch genau bei diesem Punkt scheiden sich in den letzten Wochen die Geister. Meine Organization Ekta Parishad kämpft um Land für die Ärmsten, während andere viel zu viel Land besitzen und es als Investitionsvehikel betrachten. Dabei muss sich Indien entscheiden: Möchte es auf Kosten der ärmsten Menschen weiter nach oben preschen und die Industrialisierung vorantreiben? Möchte Indien den Konzernen, die ihre umweltschädlichen Produkte nirgendwo anders herstellen können als in Entwicklungsländern – weil die Auflagen der Staaten in den westlichen Staaten zu streng und zu teuer sind – Boden bieten. Und zwar wortwörtlich Boden beziehungsweise Land anbieten, damit Konzerne dort Fabriken und Anlagen bauen können.

Die Regierung verspricht jede Menge Arbeitsplätze – aber reichen diese für die über eine Milliarde Menschen im Land? Mein Boss Aneesh von Ekta Parishad verneint: „Höchstens ein Drittel der Menschen kann ich solchen Fabriken und Herstellungsorten arbeiten. Die anderen sind direkt und indirekt von der Landwirtschaft und eben dem Land abhängig“, sagt er. Entschädigungen sollen die Bauern besänftigen, wenn sie Land hergeben. Aneesh lächelt: „Diese Summen sind auf den ersten Blick gross, aber verschwinden schnell, weil die Tribals und Bauern nicht gewöhnt sind, mit viel Geld umzugehen. Ich kenne einen Mann, der hat in Rajastan sein Land verkauft. Dann wurde dort eine Shoppingmall errichtet. Jetzt fährt dieser Mann die Besucher von dort in die Stadt mit einer Rikscha“. Weltkonzerne wissen genau, wo sie günstig und ohne allzu viele Auflagen produzieren können. Mir wird klar, dass ich mich nun tatsächlich in einem Land befinde, dass für den Westen produziert, und ich auch sehe, was passiert, wenn die Weltkonzerne hier ihre Fabriken aufschlagen. „Die Regierung möchte Wirtschaftskorridore einrichten, um die Indien zu einer Top-Destination für Produktion zu machen“, steht auf der Homepage.

Der Baustopp der Coca-Cola-Fabrik in Tamil Nadu hat gezeigt, dass internationale Konzerne nicht nur nach Indien kommen können, um auszubeuten, sondern auch Verantwortung übernehmen sollten. Dieser Baustopp ist aber nur ein kleines Geschehnis in einem riesigen Land, wo auf einer Homepage, die Einblick über Baugesuche gibt, aktuell über 20 000 Projekte aufgelistet sind. Das sind aber nur die grössten Bauvorhaben von internationalen und nationalen Grosskonzernen. Die Entwicklung der Industrialisierung kann und muss aber nicht zwangsläufig gestoppt werden. Die indische Politik darf aber die durch Korruption und Machenschaften nicht ausgeführten Auflagen und Gesetze nicht als heimliches Verkaufsargument für internationale Konzerne missbrauchen und sie damit nach Indien locken. Land, Wasser und Wald sind natürliche Ressourcen, die in erster Linie dem Volk zustehen, weil es damit ihren Lebensunterhalt bestreiten kann. Egal ob in den ländlichen Gegenden oder in den Städten. Wenn diese Ressourcen unter dem Zwang der Industrialisierung verschachert werden, ist Indien in einigen Jahren ausgebeutet, so dass die Konzerne weiterziehen und eine Bevölkerung hinterlässt, die in ihrem eigenen, aber eben verschmutzten Land nicht mehr leben kann.