Dunkelheit legt sich über Bhopal. Wir fahren Richtung Westen in den Westen. Als Millionenstadt bietet Bhopal der Ober-und Mittelschicht natürlich auch eine Shoppingmall an. Die DB mall. Sie vereint einen Pizza Hut und einen Blackberry-Shop unter einem Dach. Gucci und Hermès sehe ich (noch) nicht. Das wäre dann wohl die nächste Stufe der Verwestlichung. Passen würden diese kreischenden Labels alleweil. Wie in allen boomenden Ländern mit einer aufsteigenden Mittelschicht gilt in Indien wie auch in Russland oder China: Wer Geld hat, will es zur Schau stellen. Dafür sind schon die ganzen Ketten wie H&M, Benetton und Jack&Jones angekommen, und möchten noch weitere 1,2 Milliarden Menschen in ihre langweiligen Uniformen stecken. Ich hoffe, ich bin nicht so weit gereist, um zur bitteren Erkenntnis zu gelangen, dass sich die Welt und ihre Menschen sich in einigen Jahren wie ein graues H&M-T-Shirt zum Verwechseln ähnlich sehen werden.

Die DB mall ist nicht nur Shoppingcenter, sondern auch Laufsteg und Ausflugsziel. Damit dieses Bild nicht gestört wird, stehen am Eingang ein Metalldetektor und zwei Securities, die jeden Besucher abtasten. Dabei geht es aber nicht nur um die übliche Sicherheit im zweit gefährdetsten Terrorland der Welt nach den USA, sondern auch um Abschreckung. Kein armer Inder in zerlumpten Kleidern, mit dreckigen Füssen und verfilzten Haaren soll das Bild der neuen Elite stören. In der DB Mall bin ich abgeschirmt vom chaotischen überfüllten, lachenden, staubigen, herzhaften Indien, das ich bisher kennengelernt habe. Dieses Leben, das auch mein Leben geworden ist, fehlt mir in diesem Glaspalast bereits nach fünf Minuten.

Valentinstag in Indien. Geküsst wird genauso wenig wie an den anderen Tagen.

Valentinstag in Indien: Geküsst wird genauso wenig wie an anderen Tagen.

Die DB Mall ist der Prototyp einer Shoppingmall: Mit Marmorboden und Hüpfburg. Heute ist sie noch surrealer und kitschiger, weil in jedem Schaufenster Herzchen hängen. Es ist Valentinstag. Überall Ballone in Herzform, überall Liebe. In der Zeitung habe ich gelesen, dass junge Menschen in der Hauptstadt New Delhi einen kiss of love-Tag organisiert haben. Dabei haben sich hunderte Paare in der Öffentlichkeit geküsst. Einige wurden danach zusammen geschlagen. Küssen verboten ist in Indien wörtlich zu nehmen.

Die Menschen, die hier der Shoppingmall verkehren, sind besser gekleidet, zücken ihr iPhone 6 und trinken in einem englischen Pub Bier. Das mache ich auch. Das erste Bier seit Wochen. Dazu schauen wir uns Musik-Videoclips aus den Neunziger Jahren an – Nirvana, La Bouche und Take That. Ich fühle mich nicht nur in meine Jugend, zurückversetzt, sondern auch in den Westen gebeamt. Die leuchtenden Schaufenster, die Menschen mit den Einkaufstüten, der blitzblanke Boden und die
SUV´s, die unten ausgestellt sind, sind selbst für mich Reizüberflutung. Das Prestige, hier seine Runden drehen zu können, hat seinen Preis. Ein MacBook kostet mehr als in der Schweiz oder Deutschland. Nur eins haben die Inder noch nicht vom Westen übernommen: Wifi. Das gibt es weder im KFC noch im Starbucks. Im Umgang mit den Konsumgütern des Westens sind die Inder sowieso noch nicht geübt: Einige gehen unsicher die Rolltreppe hoch, andere straucheln durch die Schiebetüren der Geschäfte, andere kaufen sich teure Hemden, die nicht richtig sitzen.

Der Glaspalast, der Indien mit dem Konsum einnehmen willl

Genau gleich wie bei uns – außr die Palme in der Mitte.

Ich verirre mich in der Drogerie-Abteilung des ersten Supermarkts, den ich in Indien sehe. Mit Warenband und Sonderangebote inklusive. Hier gibt es jede Menge Ramsch, aber auch Produkte, die ich vom heimischen Angebot kenne. Ich finde mein Deo, dass ich seit Jahren benutze. Mit der Gesichtscreme wird es schwieriger. Der Herr, der die Abteilung betreut, möchte mir helfen. „Eine Gesichtscreme, bitte“, sage ich. Er bringt mir zehn verschiedene Tuben mit, die zwar total anders aussehen, aber auf jeder steht dasselbe geschrieben: Whitening effect. Auf einigen sogar 10x Whithening effect oder gar 100x whitening effect! Ich sage freundlich: „Nei“. Nein. „Kein Whitening effect“. Wir suchen zehn Minuten lang. Es gibt keine Gesichtscreme ohne diesen Effekt. Auch nicht von europäischen Brands wie Nivea. Sie haben sich an das indische Verständnis von Schönheit angepasst. Wie soll ich dem Herr diesen Umstand jetzt erklären, dass ich keinen Whitening Effekt benötige, sondern wenn schon, dann einen Bräunungseffekt. Irgendwie geht das nicht. Mein Englisch reicht nicht aus, um auf jeden Fall einen Hauch von Pietätlosigkeit zu vermeiden. Wir sind beide lost in translation.

Die Inder möchten alle weisser sein als sie sind. Eine hellere Hautfarbe strahlt Vertrauen, Kompetenz, Bildung und Sicherheit aus. Ich hingegen möchte im warmen Land etwas an Farbe gewinnen. In Indien haben deshalb fast alle Bollywoodstars helle Hautfarben. Der Hype um eine hellere Hautfarbe geht soweit, dass im Fernsehen Werbungen ausgestrahlt werden, wo ein Typ zuerst dunklere Haut hat und deshalb keinen Job und keine Frau findet. Dann streicht er sich mit einer Whitening-Creme ein und kriegt danach sofort Traumjob und Traumfrau. Ich nehme schliesslich eine Bodylotion – und eine Whitening-Zahnpasta. Ich bin in meiner ersten Shoppingmall mit meinem ersten indischen Luxusproblem konfrontiert.

Doch was mache ich überhaupt hier? Vor zwei Wochen sass ich noch neben Adivasis – neben Kastenlosen – jetzt neben Möchtegern-Westlern. Die bodenständigen Bauern waren mir allemal lieber. Ich arbeite für eine Bewegung, die sich für die Ärmsten einsetzt, aber jetzt sitze ich hier im Konsumtempel, der nur einem kleinen Teil der Bevölkerung offen steht. Als ich nach draussen trete und eine Rikscha suche, entdecke ich eine alte Frau über eine Mülltonnen gebeugt. Sie klaubt zerdrückte Pizzastücke heraus. Daneben rennt eine Maus aus einem Berg voller Verpackungskartons für HD-Fernsehgeräte. Das ist alles nicht richtig. Doch wo und was ist die richtige Welt? Warum sind die Unterschiede in Indien so frappant? Ich muss geduldig auf diese Antwort warten, obwohl sie mich zum Grübeln bringt. So sehr, dass ich dem Rikscha-Fahrer bei der Ankunft viel zu viel Rupien in die Hand drücke ohne zu motzen.