Ich fahre nach Bihar. In den ärmsten Bundesstaat von Indien. Mit Jill, der Frau des Gründers meiner Organisation Ekta Parishad. Sie ist meine Mentorin und unterstützt mich bei meiner Kommunikationsarbeit. Während der Zugfahrt ruft mich Jill an: „In welchem Zug bist du?“ Im Mihat Express. „Oh, dieser Zug hat immer zwischen drei und acht Stunden Verspätung!“, sagt sie. Tatsächlich, ich bin anstatt um 16 Uhr um 20 Uhr in Patna. Die Hauptstadt von Bihar hat so viele Einwohner wie die Schweiz und ist eine Ansammlung von heruntergekommenen Betonhäusern, Märkten und Autobahnbrücken. Eine dieser Brücken pflügt sich ihren Weg mitten durch die Stadt. Die massiven Betonpfeiler legen zeitweise einen Schatten über die Saris und Früchte, die in den Geschäften am Strassenrand feilgeboten werden. Weiter draussen wird eine weitere Brücke gebaut. Patna scheint aus Autobahnbrücken zu bestehen. Die Autobahn ist aber nicht für die Bewohner der Stadt, weil sich die meisten die Maut nicht leisten können, sondern für die Privilegierten, die so rasch als möglich durch den armen Bundesstaat Richtung Delhi brausen möchten. „Development“ nennt der Staat dieses Bauwerke. Ich frage mich, warum sie keine U-Bahn bauen.

Die massive Autobahnbrücke zerstückelt die Stadt Patna

Die massive Autobahnbrücke zerstückelt die Stadt Patna.

Auch am Stadtrand, wo das Büro von Ekta Parishad liegt, ist die Landschaft von Beton geprägt. Neubauten stehen neben Slums, Kinder betteln neben Autos deutscher Hersteller. Noch mehr Bettler, noch mehr Müll, noch mehr Dreck, noch mehr Beton. Ich übernachte in den Büroräumlichkeiten und teile mir das Zimmer mit Sanoj und Donat, zwei jungen Mitarbeitern meiner Organisation.

Donat ist erst 17 Jahre alt. Vor zehn Jahren hat Gründer Rajagopal P.V. den Jungen im Zug aufgegabelt. Er wandelte dort alleine durch die Abteile, weil er von seiner Familie ausgestossen wurde. Sie konnte nicht mehr aufkommen für Donat und haben ihn zurückgelassen. Weil der junge Mann während seiner Kindheit kaum gegessen hat, ist er klein gewachsen. Umso grösser ist dafür sein Charme und sein Selbstbewusstsein. Von einem Kindheitstrauma keine Spur. Stolz zeigt er mir auf seinem Handy seine Freundin. „Du hast schon eine Freundin?“ frage ich. „Na klar!“, meint Danot. „Wissen die Eltern, dass du ihr Freund bist?“, frage ich. „Nein, wir gehen nur manchmal spazieren auf den Wiesen“, sagt er. Dann möchte er meine Musik hören. A$AP Rocky findet er grossartig. Ich finde dafür sein Dal grossartig, dass er mir abends hinstellt.

Donat, das charmante Findelkind aus dem Zug

Donat, das charmante Findelkind aus dem Zug.

Sanoj ist hingegen eine ruhige Persönlichkeit, spricht fliessend Englisch und ist 27 Jahre alt. Er hat einen Master in Social Work und scheint das Büro von Ekta Parishad in Patna zu rocken. Zwar sitzt der Vizepräsident der Organisation ebenfalls hier. Doch Pradeep  scheint meist zu telefonieren oder an irgendwelchen Anlässen Reden zu schwingen. Die wirkliche Arbeit an der Basis macht Sanoj. Sein Vater arbeitet bei der Bahn. Dorthin wollte er nicht anheuern, sondern sich für die Benachteiligten in seinem Land einsetzen. Dafür kann er gratis mit dem Zug durchs Land fahren. Am Morgen stehen Danot und Sanoj auf dem Balkon und beobachten mich beim Yoga. Dann prusten sie los und halten sich an den Schultern vor Lachen. „Kommt runter und macht mit, ihr faulen Säcke!“.

Bihar ist ein politischer Brennpunk

Jill und ich fahren mit dem Fahrer ins Zentrum von Patna und holen dort Rosmarie ab. Rosmarie ist eine Schweizer Bewegungstherapeutin für „differently abbled people“. In Indien heisst es ansonsten „physically challenged people“ – doch ich mag den ersten Ausdruck besser. Sie möchte in Indien eine Schule für Behinderte mit ihrer Arbeit unterstützen. Auf der Fahrt sehe ich Heuballen, Ochsenkarren, Lehmhütten, Chai-Tee-Stände und Bahngleise. Am Horizont erkenne ich bizarr geformte Felsen, die wie Riesenreptilien in den Himmel ragen. In den Feldern sind rote, grüne und violette Punkte verstreut. Frauen, die Landarbeit verrichten. Dann nähert sich uns eine Horde Motorräder mit Männern darauf, die orange Fahnen in die Luft halten und Parolen rufen. Bihar ist ein politischer Brennpunkt und in gewissen Teilen von Naxaliten-Rebellen kontrolliert. Immer wieder flammen Strassenschlachten und Gewaltakte auf, die der Region in den letzten Jahren Kummer und Elend bereitet haben. Armut und Gewalt hängt unmittelbar zusammen. Die Verzweiflung der Menschen treibt sie dazu. Ich will diese Form von Gewalt nicht verurteilen, sondern verstehen.

Plötzlich ein Ehrengast

Ehrengast wegen der Hautfarbe.

Wir halten in Jhanabad vor einer Schule. Kaum trete ich in den Hauseingang werde ich von Blitzlichtern empfangen und Frauen legen mir einen Blumenkranz um den Hals. Unter einem Dach sitzen rund hundert Frauen uns schauen uns mit grossen Augen an. Ich schaue genauso verwundert. Was ist das für ein Empfang? Rosmarie und ich werden zusammen mit Pradeep von Ekta Parishad vorne an einen Tisch gesetzt. Hinter uns hängt ein Plakat mit Hindi-Lettern, vor uns sitzen die jungen Frauen. Sie werden an dieser Schule in Nähen und Tippen ausgebildet, um später in einem Büro zu arbeiten oder sich selbständig zu machen. Die Armut in den Dörfern hat sie in diese Schule gebracht. Von ihrer Feldarbeit können sie nicht mehr leben, ihre Männer vergeuden das Geld für Alkohol, die Kinder brauchen Nahrung. Die Schülerinnen sind Dalits, die durch ihre hier erworbene Fertigkeiten auf einen Job hoffen.

Der Journalist schreibt nicht, über ihn wird geschrieben

Ich stelle mich auf Hindi vor. Patrakar – Journalist sei ich. Dann lobe ich das Projekt mit einigen Worten. Pradeep sitzt neben mir und übersetzt. Ich habe das Gefühl, das er aber nicht alle meine Worte an das Publikum richtet. Pradeep ist wie ein typischer Politiker aus Indien. Nett, aber distanziert. Am liebsten würde er jetzt in einer Männerrunde hocken anstatt sich hier die Schule anzuschauen, denke ich mir. Die Frauen klatschen und grinsen. Schliesslich erhalte ich noch einen kleinen Pokal geschenkt und soll die Kleider anschauen. Mir ist das unangenehm. Es geht doch um das Projekt und nicht um zwei Weisse, die auf Besuch sind. Aber die Reporter der Lokalzeitungen schiessen unerbittlich Bilder, wie ich einen selbst genähten Teddybär hochhalte oder die Schülerinnen mir ihre Schreibmaschinen zeigen. Ich drücke viele Hände, posiere für viele Fotos und lächle viel. Dann herrscht plötzlich Aufbruch. Ich verabschiede mich von allen und sitze wieder im Auto, das uns in ein Dorf mit rund vierzig Familien bringt.

Als ich aussteige überlege ich, ob das Auto nicht eine Zeitmaschine wie im Film Zurück in die Zukunft ist. Ich werde 100 Jahre zurückgeworfen. Das Dorf besteht aus kleinen Lehmhütten mit Strohdächern, Wasserpumpen, Kühe sind an Masten angebunden, Hühner gackern, verrostete Fahrräder stehen da; und die Schule besteht aus einem Ziegelhütte mit Holzbänken. Immerhin gibt es hier eine Schule. Auf einem kleinen staubigen Platz drehen zwei Kühe ihre Runden um einen Holzpfahl. Sie stampfen Hirse. Eine Methode, die in der Schweiz oder Deutschland seit über 150 Jahren von Maschinen verrichtet wird. Baheradih ist ein Dorf in Indien. Eines von Hunderttausenden, wenn nicht Millionen. Hier leben die Ärmsten der Ärmsten. Nicht weil sie in diesen Lehmhütten wohnen, sondern weil sie Unberührbare, Kastenlose, sind. An den Rand der Gesellschaft gedrängt. Verachtet von den Menschen, missbraucht für mindere Arbeit. Trotz diesen traurigen Umständen werde mit Gastfreundschaft überschüttet. Als ich mich auf den Dorfplatz zu bewege, wo die Frauen des Dorfes sitzen, kommt die Sprecherin auf uns zu, duckt sich vor mir und berührt mit der rechten Hand meine nackten Füsse in den Flip-Flops. Ich schaue hilfesuchend zu Jill. Charpois, die indischen Flachbetten, werden aufgestellt. Ich werde darauf platziert, bin für eine kurze Weile wie in Trance, als ich in all die Gesichter schaue, die mich anstarren.

Das Wohnzimmer dieses Dorfbewohners ist zugleich Küche.

Das Wohnzimmer dieses Dorfbewohners ist zugleich auch seine Küche.

In Bihar ist das Kastenwesen noch immer tief verwurzelt und es scheint kein Ende zu nehmen. Verlässt ein Unberührbarer den Tisch in einem Restaurant, setzt sich jemand aus einer höheren Kaste nicht an den gleichen Platz. Aus Ekel. Die landlosen Arbeiter werden wegen ihrer Kastenlosigkeit schamlos ausgenutzt. Da sie kein eigenes Land besitzen, arbeiten sie jeden Tag von vier bis neun Uhr morgens für Landlords, die ihnen 20 Rupien für diese fünf Stunden bezahlen oder manchmal nur einen Sack Reis geben.

Eigentlich wäre ich lieber Zaungast bei dem Besuch im Dorf

Die stolzen und starken Frauen halten die Gemeinschaft in den Dörfern zusammen.

Die miserable Bezahlung ist nur eines von vielen Problemen. Dazu kommen häusliche Gewalt, Landraub, Alkoholismus, zu wenig Bildungsmöglichkeiten, Wasserknappheit, Kinderarbeit, Arbeitslosigkeit, mangelnde Hygiene, Korruption und Zwangsheirat. Junge Frauen werden von den Familien regelrecht verkauft – für 5000 Rupien, also umgerechnet 70 Franken oder Euro. Mir wird schlagartig bewusst, dass dieses Indien hier noch immer ein Entwicklungsland ist, dass zwar nicht mit Hunger, aber mit allen anderen Problemen eines Drittweltlandes konfrontiert ist.

Das starke Geschlecht wirkt schwach

Die Dorfbewohner legen mir einen Blumenkranz um, bringen Wasser und lachen viel, dass es mir partout nicht bewusst werden will, in welcher Situation sie leben. Die Armut wird vom Stolz und dem Engagement der Frauen in Baheradih getragen. Die Frauen sind es, welche die Probleme anpacken können, weil sie für die Kinder sorgen müssen und nicht dem Alkohol verfallen sind. Die Männer stehen ruhig in ihren losen Dotis nebenan und schweigen. Die Dorfsprecherin zeigt der Delegation von Ekta Parishad Verträge, die sie mit einem Fingerabdruck unterzeichnet hat, weil die meisten Dorfbewohner weder lesen noch schreiben können.

Die Landverträge werden mit einem Fingerabdruck besiegelt und gelten dann meist trotzdem nicht

Die Landverträge werden mit einem Fingerabdruck besiegelt und gelten dann meist trotzdem nicht.

Jill und die anderen Ekta Parishad-Mitarbeiter wollen an diesem Nachmittag eine Recherche in den Dörfern machen, um die aktuelle Situation im Dorf zu analysieren. Ich bin als Gast dabei. In dem Indien, das ich kaum gesehen habe, aber für dessen Menschen meine Organisation arbeitet. Die Dorfbewohner scheinen trotz dieser Armut nicht unglücklich zu sein. Nicht das Leben in einfachen Verhältnissen – und wo nur Mobiltelefone daran erinnern, dass wir das Jahr 2015 schreiben – macht ihnen zu schaffen, sondern die Aussicht, dass sich die Situation in den nächsten Jahren nicht verbessern könnte. Die Kinder können nicht zur Schule, weil die Lehrer nicht zum Unterricht erscheinen. Die Erwachsenen müssen für Monate in die Stadt, um dort Handlanger-Arbeiten zu verrichten. Sie sind von ihren Familien getrennt und der Verlust der Familien von Land nimmt zu. Wird die Zersplitterung und Unterdrückung durch das Kastendenken nicht überwunden, kann sich die Situation der Dalits nicht verbessern.

Ein surreales Bild: Ich sehe aus, als sei ich mit Photoshop in diese indische Dorfwelt hinein kopiert worden.

Ein sureales Bild: Ich sehe aus, als sei ich mit Photoshop in diese indische Dorfwelt hinein kopiert worden.

Der Hoffnungsschimmer ist klein, aus diesem Teufelskreis herauszukommen und es wird vielleicht noch Jahrzehnte dauern, bis die Dalits als gleichwertige Menschen von der indischen Gesellschaft akzeptiert werden oder sich mit Würde am 21. Jahrhundert anschliessen können. Sie klagen über mangelnde Nahrung, aber verwöhnen uns Gäste mit einem Festmahl auf dem Dorfplatz. Ich bedanke mich und versuche einige Worte Hindi zu sprechen – Englisch spricht hier niemand. Doch sie verstehen auch mein Hindi nicht, weil die Bewohner einen besonderen Dialekt sprechen. Aber ich lerne wieder einmal mehr, dass Kommunikation ohne Sprache stattfinden kann. Als ich einem kleinen Mädchen zulächle, versteckt es sich zwischen den Beinen der Mama.

Dann ist das Treffen beendet und wir brechen auf, fahren mit dem Jeep weiter. Wir halten nochmals, beim Bruder von Anil, der in einem der Dörfer wohnt. Ich sage, ich möchte draussen bleiben, laufe die Strasse hinab und entdecke ein Feld, setze mich zwischen die Stängel und zünde mir eine Zigarette an. Plötzlich realisiere ich, das mich die Hitze fast erschlägt und ich nass vor Schweiss bin. Diese Temperaturen sind mir vorhin die ganzen Stunden nicht aufgefallen. Mein Hirn brennt, nicht nur wegen der Sonne, wegen meinen Gedanken.

Möchtest du hier bleiben?

Wie kann den Menschen in den Dörfern geholfen werden, ohne dass wir Westler zu Missionaren werden? Sie pflegen den Wald und das Land seit Jahrhunderten, aber in einer ökonomisch ausgerichteten Welt ist diese Arbeit wertlos. Die Modernisierung und das Wirtschaftswunder Indien fegt über ihren Boden hinweg und hinterlässt eine tiefe Schneise. Die Bewohner der Dörfer, die Baigas, mussten sich zu schnell an die Spielregeln der Globalisierung gewöhnen und sie wegen ihrer mangelnden Bildung und ihrem gesellschaftlichen Stand überfordert. Jetzt roden Weltkonzerne den Bambus ab, nehmen das Land ein und bepflanzen es mit Bäumen, die nicht heimisch sind. Wie können die Baigas lernen, eine Landwirtschaft zu betreiben, die unserem westlichen Wachstumsdenken entspricht, ohne ihr Wissen und ihre Traditionen vollständig zu verlieren? Es ist so kompliziert, dass ich zu lange sitzen bleibe und grüble. Als ich zum Jeep zurückkomme, stehen Jill und die anderen bereits startklar da und scherzen: „Möchtest du hier bleiben?“ Ja, vielleicht sollte ich.

Die Städte in Indien sind hektisch. Jeder versucht sein Business voranzubringen. Auf dem Land herrscht eine bescheidene Würde im Einklang mit der Natur und den Tieren. Die Lebensqualität scheint im ersten Moment schlechter zu sein, weil es fast kein Geld gibt. Aber es gibt auch kaum etwas zu kaufen. In den Bergen in Kaschmir und Jammu herrscht gar Nahrungsmangel, wenn der Winter Einzug hält. Es gibt jeden Tag Chapati, Dal und Reis. Entdeckt man alle paar Kilometer einen Kiosk, dann gibt es dort zwar sogar Kaffee und Zahnpasta – zu meinem Erschrecken wird auch wieder die Macht der Weltkonzerne deutlich. Der Kaffee stammt natürlich von Nestlé, die Zahnpasta von Unilever. Etwas anderes ist nicht erhältlich.

Was passiert, wenn jemand krank wird? Jill meint, dass Ärzte das Leben in der Stadt vorziehen. „Deshalb sterben die Menschen manchmal“, sagt sie. Die Dorfbewohner verfügen über keinen Besitz so wie wir ihn im Westen kennen. Es gibt kein fliessend Wasser, kein TV, keine Autos, keine Zeitungen, keine Möbel, keine Motorräder, keine Milch. Wo kein Materialismus besteht, herrscht dafür umso mehr Menschlichkeit. Jeder hilft sich. Wenn jemand krank wird, schaut die Nachbarin zur Familie, wenn ein Mann seine Kinder schlägt, finden sie Zuflucht bei Verwandten, wenn jemand das Feld nicht rechtzeitig bestellt, helfen die Jungs des Nachbars. Es scheint, als wohnten die Dorfbewohner nicht in verschiedenen Häusern, sondern als sei jedes Haus nur ein Zimmer in einem grossen Haus, dem Dorf.

Wie überall auf der Welt verscheuchen diese Umstände die Jugend aus den Dörfern. Sie wollen hinaus in die grosse Welt – also in die Städte. Nach Delhi, Mumbai, Kalkutta, wo sie vielleicht die Möglichkeit haben, einmal den Augen der Eltern zu entfliehen und ein paar Rupien für sich auszugeben. Oder mit einem Mädchen zu reden, ohne das ein Dorfkrieg heraufbeschwört wird. Einige Tage später sagt mir Annesh, der National Convener von Ekta Parishad: „Wir haben ein indisches Herz, aber westliche Träume“.