Ein riesiger roter Affe steht mitten in der indischen Millionenmetropole Delhi neben einer Brücke und trommelt an seine Brust. King Kong ist in der Stadt! Ich bin fassungslos. Weil niemand schreit, rennt oder den Riesen beachtet. Außer ich. Ich kriege den Mund kaum mehr zu. So etwas Abgefahrenes habe ich selten gesehen. Ein Tempel in Form eines Affen. Natürlich – wie könnte es in Indien anders sein – sprechen wir von Hanuman. Dem Affengott mit den aufgeplusterten Backen. Der Superman der Inder. Er kann fliegen, ist stark, loyal und gutmütig. In Indien sind Hanuman Millionen von Schreine und Tempel gewidmet. Dieser Tempel huldigt den Affengott nicht nur… das Gebäude ist ein Affe aus Beton!

35 Meter hoch steht King Kong in Delhi neben einer Metro-Brücke.

35 Meter hoch steht King Kong in Delhi neben einer Metro-Brücke.

Ein Land, in dem die Menschen einen Superaffen verehren und zu dessen Ehre eine Kirche in Form von King Kong bauen. Das ist aber natürlich meine westliche Schablone, die ich hier ganz einfältig über den ältesten Glauben der Welt lege. King Kong wollte die Welt zerstören, Hanuman rettet die Welt vor dem Bösen. Er ist besonders in Nordindien ein Held des Alltags. Am frühen Abend werden TV-Soaps über Hanuman und seine Mitstreiter im indischen Fernsehen ausgestrahlt.

Ein Riesenaffe, der neben einer Brücke steht, bei der alle paar Minuten eine U-Bahn vorbei donnert (und ich jedes Mal denke, jetzt fassen seine Hände danach), mitten im chaotischen Delhi, scheint in Indien normal zu sein. Der Priester sitzt wie gewohnt da und schüttet gelassen Wasser über meinen Kopf. Zwischendrin spielt er Angry Birds, schaut sich mit seinen Kollegen einen Video an oder hört Musik auf seinem Smartphone bis er wieder von einem Gläubigen unterbrochen wird, der mit einigen Tropfen Wasser oder Süssigkeiten versorgt werden muss. Also genauso wie es Priester im steinernen Tempel in Tamil Nadu oder eben hier im Innern eines Affen macht. Das Gebäude macht – so grotesk es wirkt – Sinn: Warum nicht schon von außen kennzeichnen, wem dieser Tempel gewidmet ist anstatt ein blinkendes Schild anzubringen. Schliesslich gibt es in Irland auch ein Biermuseum, welches die Form eines Pints hat. Der mehrgeschossige Tempel überragt in der Gegend alles. „Lass uns beim Riesenaffen treffen!“ Praktisch für ein Date.

Greift der Riesenaffe nach der U-Bahn?

Greift der Riesenaffe nach der U-Bahn?

Damit nicht genug: Der Affentempel beherbergt in seinem Keller eine Geisterbahn! Ich gehe vorbei an Steinfiguren mit abgehackten Köpfen, aus denen Blut spritzt, das von andere Göttern getrunken wird, schwarzen, furchterregenden Wesen und sonstigem Gemetzel. Aus einer Wand ragt ein meterlanger Krokodilmund mit scharfen Zähnen. Als meine Begleiterin für ein Foto hineingeht, rutscht sie beinahe auf dem feuchten Steinboden aus und wird gefressen. Die Wände im Keller des Gebäudes sind lachsfarben angemalt, von furchiger Beschaffenheit und erinnern an Gedärme aus einem Splattermovie. Logisch, ich befinde mich im Magen des Affen. Auf dem Gruselparcours muss ich am Schluss sogar noch durch einen engen Flaschenhals kriechen um nach draußen zu gelangen. Der Boden ist schlüpfrig und kalt an den nackten Füssen. Ich werde aus dem Darm des Affen hinausgespült. Hinter mir schlendert eine fröhliche Familie, die Kinder grinsen den abgetrennten Köpfen zu. Natürlich bin ich als Westler, der kaum Ahnung vom Hinduismus hat, natürlich der Einzige, der diesen Geschichtenpfad als Freakshow wahrnimmt. Denn es ist gar nichts dabei, sondern einfach eine Abbildung der Götter, die Gutes und Schlechtes getan haben.

Schließlich gehe ich am Arsch des Affen vorbei auf das Dach des Tempels. Darauf ruht der meterdicke, lustig gezwirbelte Schwanz. Daneben sitzen ein paar Männer und rollen einen Teig zu roten Süßigkeiten, die die Priester unten verteilen. Ich gucke hoch und dann bewegen sich die Hände des Affen langsam nach aussen. Wahrhaftig. Das Ding bewegt sich! Mit den beiden Händen öffnet das zum Leben erwecket Monster seine Brust. An der Stelle des Herzens ist ein Loch, in dem zwei weitere Götter sitzen und dabei keine Miene verziehen. Ich schwöre es: Die Hände haben sich mechanisch bewegt! Ein 35 Meter hoher Affenroboter!

Der Tempel ist vollautomatisch. Hanuman kann mit seinen Handen seine Brust öffnen.

Der Tempel ist vollautomatisch. Hanuman kann mit seinen Handen seine Brust öffnen.

2007 haben innovative Hindus die Riesenstatue in der Gegend von Karol Bhag hochgezogen. Damit die Pilger die beiden Götter Rama und Sita, denen Hanuman gedient hat, sehen können, öffnet er ab und an mit seinen Händen die Brust. Während dieser Zeremonie erklingt aus Lautsprechern das Mantra „Jai Shri Ram“. Die ganze Affenstatue ist vollautomatisch. Ich bin vergnügt und beeindruckt. Wo steht wohl der Server, der dieses ganze Treiben von Delhi´s King Kong steuert? Ich mache mich keinesfalls über den Hinduismus lustig. Im Gegenteil. Es ist eine Religion, die sogar Nichtgläubige wie mich in den Bann zieht. Ich bin hocherfreut. Vor allem auch, weil ich endlich meine Lieblingsattraktion in Delhi entdeckt habe. Von der noch kein westlicher Tourist je gehört hat wie mir der Priester versichert.

Besser als jede Geisterbahn, obwohl es nur eine Kirche ist.

Besser als jede Geisterbahn, obwohl es nur eine Kirche ist.