Ich war noch nie in einem Entwicklungsland. Sorry Schwellenland. Jetzt buhlt sogar Barack Obama um Indien. Vor einigen Tagen war er am Nationalfeiertag bei Narendra Modi zu Besuch. Der Kampf der Schwellenländer um den Aufstieg bringt aber viele Opfer mit sich wie ich später erfahren werde. Der Wettbewerb der Schwellenländer, die von der Weltbank wie von Rating-Agenturen bewertet werden, unterstützt internationale Investoren, die Geld bringen, auf Kosten der armen Bevölkerung. Doch was will ich in diesem Tohuwabohu? Gutes tun, den Armen helfen, weg von der Konsumgesellschaft, mich selber finden, ein Guru werden, vielleicht sogar ein Bollywoodstar? Dann wohl doch Entwicklungshelfer. Da ich aber keine Ahnung habe, was auf mich zukommt, werde ich jetzt einfach mein altbewährtes Rezept anwenden, das auf all meinen Reisen bisher funktioniert hat: Offen sein, keine Vorurteile haben und die ganze Zementierung meiner westlichen Erziehung im Kopf zerschlagen.

Der grösste Mülleimer der Welt ist draussen

Das ist nicht ganz einfach. Denn mein Sitznachbar wirft kurz nach Madurai seinen Pappteller aus dem Fenster. Völlig selbstverständlich. Für mich unverständlich. Er ertappt mich, wie ich ihn ungläubig anstarre. Doch anstatt betreten oder desinteressiert wegzuschauen, lächelt er freundlich, deutet auf meinen Pappteller und zeigt mit einer Handbewegung auf das offene, vergitterte Fenster. „No“, sage ich, wedle mit dem Zeigefinger und lächle ebenfalls. Er grinst, schüttelt mir die Hand, stellt sich vor (den Namen kann ich mir natürlich nicht merken) und sagt, er arbeite als Ingenieur bei Hyundai, dem japanischen Autokonzern, der in Indien anscheinend ziemlich viele Autos verkauft. Neben ihm sitzt seine Frau, die aber kein Wort sagt, sondern nur stetig lächelt. Wie viele Frauen in Indien kann sie kein Englisch.

Der junge Ingenieur und seine Frau essen alles, was im Zug angeboten wird

Der junge Ingenieur und seine Frau essen alles, was im Zug angeboten wird

Dafür meldet sich der Mann neben mir mit Brille. Auf seinem Schoss sitzt ein Kind, das ihn andauernd umarmt. Priester sei er. Kein Hindi-Priester, ein christlicher. Damit geht er einer anderen Glaubensrichtung nach als die Mehrheit der Inder. Rund acht Prozent der Bevölkerung ist christlich, rund 13 Prozent muslimisch, die anderen sind hinduistischen Glaubens. Woher ich komme, fragt er. „Switzerland!“. Er nickt beziehungsweise wackelt oder schlenkert seinen Kopf hin und her. Das indische Nicken. Doch ich merke, dass er keine Ahnung hat, wo die Schweiz liegt. Wieso sollte er auch? Die Distanz Genf nach Zürich erscheint im Hinblick auf meine Reise in Indien die Distanz Erde zum Mond. Mein Land ist ein winzige Erbse, Indien eine große Kokosnuss.

Ein Bahnhof auf der 34-Stunden-Reise

Ein Bahnhof auf der 34-Stunden-Reise

Ich befinde mich nämlich auf der längsten Reise meines Lebens. Die Fahrt in den Norden, nach Raipur in Chhattisgarh dauert voraussichtlich 34 Stunden! Ich bin zwar schon mal nach Australien geflogen. Das dauerte auch lange, aber nicht einen Tag, eine Nacht und einen Tag. Zudem hatte ich damals Business Class. Im indischen Zug ist mein Bett eine heruntergeklappte Pritsche, die klebrig vom Dreck ist. Halb so schlimm. Meine beste Freundin hat mir einen Seidenschlafsack mitgegeben. Das Abenteuer Indien und mein Zivildienst beginnen also mit der längsten Reise meines Lebens.

Ich erwidere dem Priester schließlich, dass ich aus Germany komme. Stimmt ja halbwegs. Ich habe eine Wohnung in Berlin. Die einzige Adresse in Europa, an die man noch Post an mich senden kann. Zürich raised, Berlin based. Der Ingenieur vis-à-vis strahlt und sagt: „BMW, Audi!“ Der Priester hingegen möchte mir weitere Fragen stellen. Beziehungsweise er sagt sie dem Ingenieur, der übersetzt. Dieser wird aber vom lauten Anpreisen eines Händlers unterbrochen.

Was der Magen begehrt

In indischen Zügen laufen alle paar Minuten Händler vorüber und verkaufen Essen oder Chai-Tee. Die Auswahl ist groß: von Reis-Gerichten, über Yoghurt –curd – bis hin zu ganzen meals mit Gemüse und Dessert. Ich denke grinsend an die lächerlichen Sandwiches der Zug-Wägeli in der Schweiz und die überteuerten Schweinekoteletts im deutschen ICE-Bordrestaurant. Wobei das kann mir ja egal sein. Schließlich bin ich jetzt Vegetarier. Indien ist wohl das beste Land, um den Verzicht auf Fleisch endlich durchzuziehen. Die vegetarische Küche ist hier weit verbreitet und in gewissen Kreisen willkommener als der Verzehr von toten Tieren. Gandhi hat schließlich auch kein Fleisch gegessen. Ich vermisse das Fleisch nicht. Dafür den Schweizer Käse umso mehr. Ich habe in Indien schon von Tilsiter geträumt Ergänzt mit der von mir so dermaßen heiss geliebten Kräutermayonnaise und einem Stück Zopf. Gibts hier alles nicht. Wie es so einiges nicht gibt. Macht aber nichts. Das indische Essen ist saulecker! Aber dazu später.

Fligender Händler im Zug

Fligender Händler im Zug

Nach dem Mittagessen fragt der Priester, ob ich Kinder habe. Ich verneine. Er fragt, ob ich verheiratet sei. Ich verneine. Schließlich kapituliert er und fragt, wie alt ich überhaupt sei. Ich verrate ihm mein Alter. Er schaut ungläubig. Aber nicht etwa, weil er mich jünger geschätzt hat, sondern weil ich noch keine Familie habe. Mit einunddreißig Jahren. Der Ingenieur übersetzt meine stammelnden Erklärungen: „Ähm, in Europa heiratet man später…die Zeit ist noch nicht reif für Kinder….ich hatte aber auch schon Freundinnen….“ Freundinnen lacht der Priester. Das habe man(n) nicht. In Indien hat man eine Frau. Freundinnen sind verboten. Ganz ernst meint er das nicht. Er spricht seine Worte nicht tadelnd, sondern wie ein Naturwissenschaftler aus. In Indien heirate man auf dem Land mit 20 Jahren, in der Stadt mit höchstens 25 Jahren. Bei mir schleicht sich das schlechte Gewissen ein. Ich bin doch erst einundreissig Jahre alt. Erst? Schon! Wieso muss ich bei dieser hohen Scheidungs- und Fremdgeh-Rate in Europa überhaupt heiraten? Scheiden versteht der Priester nicht. Oder will es nicht verstehen. Dann legt mir aufmunternd den Arm um die Schulter, sagt dem Ingenieur, er solle übersetzen: „Du bist auch ohne Frau und Familie total in Ordnung“. Sagt es und schenkt mir ein aufrichtiges Lachen, das an irgendeinen Zauberer aus Harry Potter erinnert. Dann frage ich den Ingenieur, ob er und seine Freundin Kinder hätten. „Freundin?. Du meinst meine Frau“, grinst er. Wieder reingefallen.

Bald muss ich heiraten!

So geht das weiter. Stunden lang erörtern wir die kulturellen Unterschiede von Indien und Europa. Ich muss viele Fragen beantworten: „Was arbeitest du, gefällt dir Indien, magst du das indische Essen, bist du katholisch, warum hast du keinen Führerschein, warum hast du eine Katzenallergie, warum hast du keine Geschwister, weshalb hast du ein Tattoo?“ Dabei lachen wir sehr viel. So viel, wie ich auf all den Zugfahrten in Europa zusammen nicht gelacht habe. Schließlich nennen sie mich – neben David – auch Mr. Sometimes. Weil ich sometimes in die Kirche gehe (also eigentlich nur allerhöchstens mit der Oma an Weihnachten, weil ich sometimes schon eine Frau bzw. Freundin hatte und weil ich sometimes vielleicht heiraten werde). Ich verspreche dem Pfarrer, dass ich irgendwann das Ja-Wort über meine Lippen pressen werde. Er grinst breit: „Komm mit deiner Künftigen nach Indien und ich gebe euch den Segen. Dann erlebt ihr eine Hochzeit wie du sie noch nie gesehen hast!“ Das glaube ich ihm aufs Wort.

Am meisten lachen meine Sitznachbarn, als ich ihnen mittels Pantomime vorspiele, wie sich eine Zugfahrt in Europa abspielt: Die Menschen steigen ein, suchen verzweifelt einen freien Sitzplatz, der idealerweise auch noch nebenan frei ist, setzen sich hin und schauen aus dem Fenster oder spielen mit dem iPhone. Geredet wird selten bis nie. Wenn jemand fragt, ob der Platz noch frei oder für die Handtasche reserviert sei, ernte man böse Blicke. In Indien unvorstellbar: Hier sitzen drei bis vier Personen (die Kinder nicht mitgezählt) gestapelt, einige stehen fünf Stunden lang, überall springen Kinder herum, das Gepäck steht und liegt im Gang und auf den Sitzen verstreut, der Boden ist mit Müll übersät. Ein Wunder, dass nicht noch eine Kuh zur Tür hinein kommt. Nur die Ventilatoren drehen ruhig ihre Runden. Einige würden durchdrehen hier drin. Der Ingenieur meint, für ihn seien die Zugfahrten Weiterbildung: „Ich habe deine europäische Kultur ein Stück besser kennengelernt, habe als Hindi mit einem Christen gesprochen und schwupps, schon sind ein paar Stunden um“. Als das Kind des Priesters zu weinen beginnt, lege ich ihm meine Kopfhörer auf und spiele ihm ein Set von Tale of Us vor. Der kleine Junge schaut skeptisch, aber weint nicht mehr.

Ein Technoset für das Kind aus den Kopfhörern des europäischen Sitznachbarn

Ein Technoset für das Kind aus den Kopfhörern des europäischen Sitznachbarn