Mein Mitbewohner und Arbeitskollege Vinod heiratet. Für mich ist es die Heirat meines Bruders. Seit meiner Ankunft ist unsere Kollegschaft zu einer Freundschaft gewachsen. Deshalb lädt mich Vinod zu seiner Hochzeit in seine Heimatstadt Meerut rund 60 Kilometer von der Hauptstadt Delhi ein. Trotz dieser grossen Ehre bin ich verkatert und habe nur wenige Stunden geschlafen, weil wir am Abend zuvor in Delhi feiern waren.

Der KittySu Club in Delhi. Das war aber nicht der Untergrundclub.

Der KittySu Club in Delhi. Das war aber nicht der Untergrundclub, sondern der Schnösel-Club.

Seit einem gefühlten Jahr stand ich mal wieder auf einer Tanzfläche in einem Club. In Indien ist das eben kaum möglich. Ausser In Delhi und Mumbai. Weil es in Delhi alles gibt, was es in einer westlichen Grossstadt auch gibt. Aber zu einem viel höheren Preis und deshalb nur für Wenige. Weil sich Partygänger gegenseitig anziehen, habe ich bereits im ersten Club einen Nightlife-Fotografen kennengelernt – Piiar. Er hat mich mit seinem Aussehen aber eher an einen Italiener aus einer Grossraumdisco in Rimini erinnert als an einen Inder aus Dehli. Ich lag auch fast richtig: Piiar zeigt mir auf seinem Handy von seinem „italienischen Model“, seiner Freundin, die aus Rom stammt.

Weil der Club schon um ein Uhr nachts schliesst, fährt er uns mit seiner gepimpten Karre in einen anderen Club – The Third Eye, das dritte Auge, wo wir bis vier Uhr morgens feiern. Die Musik hier ist elektronischer und gefällt mir bedeutend besser als dieser doofe Charts-Kommerz à la David Guetta im Club vorhin. Das Nachtleben in Delhi ist im Prinzip ähnlich wie bei uns: Trinken, Drogen konsumieren und Anbaggern. Mit dem grossen Unterschied, dass Feiern nur den Rich kids vorbehalten ist. Ein Eintritt in Delhis Clubs kostet gleich viel wie in Europa und ist somit für die die allermeisten Menschen unerschwinglich. Und ja, geknutscht wird natürlich auch nicht auf der Tanzfläche. Enges Tanzen ist die höchste Form des Anbaggerns in Indien.

Geküsst wird auch an einer indischen Hochzeit nicht wie ich bald herausfinden werde. Wir waren schon zwei Tage davor in Vinod´s Heimatstadt, wo erstmals in einer Männerrunde die Mitgifte ausgetauscht wurden. Dabei waren nur Onkel, Vater und Cousins präsent. Das auch eine Frau zur Hochzeit gehört, hatte ich fast vergessen.Vinod konnte sich drei Tage vor seiner Trauung noch immer nicht damit abfinden, dass er an diesem Wochenende mit einer Frau den Bund des Leben schliesst, die er noch nie zuvor im Leben gesehen hat. Es wird eine Arranged Marriage im wahrsten Sinne des Wortes. Dazu noch eine ziemlich konservative, weil sich das Paar vorher noch nie getroffen hat. Heiraten ist Big Business in Indien. Unzählige Heiratsvermittler suchen in den Dörfern eine Frau für den Mann, die aus der gleichen Kaste stammt, im heiratsfähigen Alter ist und am besten noch die passende Sternenkonstellation mit dem Bräutigam aufweist. So lief das auch bei Vinod. Er wird den Bund des Lebens mit einer Fremden schliessen.

Die Afterhour nach dem Clubben ist eine Hochzeit

Die Afterhour nach dem Clubben ist eine Hochzeit.

Wir fahren Richtung Meerut. Ich nicke immer wieder ein und es plagt mich das schlechte Gewissen, dass ich an diesem wichtigen Tag meines Freundes nicht ausgeschlafen bin. Dann kommen wir im Dorf der Braut an. Als wir drei Weissen aus dem Auto aussteigen, empfängt uns eine Schar Kinder. Wir sind die Sensation an diesem Sonntag in dem sonst so behaglichen Dorfleben. Heiraten ist in Indien alltäglich. Heiraten mit westlichen Gästen aussergewöhnlich. Wir werden mit Aufmerksamkeit überschüttet. Ich trete in ein Zelt ein, wo es eine Dal mit Reis und Chapati gibt. Alle Gäste starren uns an und möchten ein Foto mit mir schiessen.

Ich mache mit und freue mich auch über all die Menschen hier. Vinod freut sich auch, dass wir gekommen sind. Aber es geht am heutigen Tag um ihn, nicht um uns. Ich möchte freundlich bleiben und schlage deshalb keinen der zahlreichen Fotowünsche aus, schüttle viele Hände und posiere in den Armen fremder Menschen. Vinod ist (und bleibt vielleicht auch) der einzige Mensch in diesem Dorf, der Gäste aus einem anderen Kontinent an seiner Hochzeit empfängt. Seine Schwester ist ganz aufgeregt und fühlt sich geehrt, dass Gäste aus so weit her an der Hochzeit ihres Bruders teilnehmen. Durch die grosse Aufmerksamkeit vergesse ich meine Müdigkeit rasch.

Das schöne Brautpaar, das sich heute zum ersten Mal sieht

Das schöne Brautpaar, das sich heute zum ersten Mal sieht.

Schliesslich stehen wir vor dem grossen Zelt mit all den Gästen. Ein Pferdegespann mit einer kitschigen Kutsche wie aus einem Disneyfilm steht bereit. Oben sitzt Vinod in seinem Anzug und einem rot-weissen Turban auf dem Kopf und grinst zu uns. Es ist sein verlegenes Grinsen, das ich gut kenne. Auch ihm scheint der ganze Trubel zu viel zu sein. Aber die Tradition will es so. Vorne fährt ein Wagen, auf dem zwei Boxentürme stehen. Plötzlich bohrt sich ein heftier Bass in mein Gehör. Zu meinem Erstaunen erklingt die genau gleiche Musik wie gestern im Club. Vom Club zur Hochzeit. Eine indische Dauerparty mit den üblichen, elektronisch verzerrten Beats. Plötzlich ertappe ich mich, wie ich auch zur gleichen Musik wie gestern im Club tanze. Ich bin sozusagen an einer Afterhour, die zugleich eine Hochzeit ist. Weil das so toll ist, tanze ich überschwänglich mit den Freunden von Vinod und wir bewegen uns Hüfte schwingend wie an einer kleinen Streetparade mit nur einem Wagen in Richtung des Hauses der Braut. Das ganze Dorf steht vor den Hauseingängen Spalier. Eine Horde Kinder folgt uns, und ein kleiner Junge zeigt mir, wie man indisch shakt. Einige Leute grinsen, als sie uns sehen, andere zücken ihre Handys und schiessen Fotos, einige alte Männer runzeln die Stirn.

Vinod, der Frischvermähle, grinst nun doch

Vinod, der Frischvermählte, grinst nun doch. Sie guckt streng, weil die Brautjungfer sich in Demut üben muss.

Eine Ansammlung bunter Saris steht vor einem Hauseingang. Es sind die Frauen, die die Braut auf ihrem Weg zur Vermählung begleiten. Drinnen sitzen sie schliesslich auf einem Art Thron. Vinod und seine künftige Frau. Endlich kann ich einen Blick auf sie erhaschen. Ich möchte wissen, wie sie aussieht. Obwohl das so ziemlich das Letzte ist, um was es bei dieser arrangierten Hochzeit geht. Doch ihr Gesicht ist kaum erkennbar, weil es unter einer roten Kapuze mit Verzierungen steckt und mit tonnenweise Schmuck behangen ist. Zudem senkt sie immer demütig ihren Blick wie es sich für eine indische Braut anscheinend gehört. Sie lächelt genau einmal, als Vinod´s Bruder beim Thron einen Witz macht. Schliesslich gelingt es mir doch, kurz in ihre Augen zu schauen. Ich atme auf: Sie sieht ziemlich gut aus! Ich bin so westliche denkend froh, dass Vinod mit einer schönen Frau vermählt wird. Vinod blickt immer wieder zu uns. Wir sind seine Freunde und dürfen an der Hochzeit gleich neben seinem Bruder, seinen Eltern und Cousins stehen. In der vordersten Reihe. Vinod hat seiner Familie klar zu verstehen gegeben, dass wir Teil der Familie sind.

An der indischen Hochzeit ist die patriarchalische Gesellschaft Indiens wieder einmal besonders spürbar: Der Tanz, das Amusement, der Krach, der Spass ist den Männern vorbehalten. Die Frauen müssen sich immer wieder in ein Zelt verkriechen. Die Tradition will es auch, dass die Braut andauernd demütigend nach unten schaut. Sie sieht tatsächlich nicht so aus, als sei es der glücklichste Tag ihres Lebens. Erst später wird mir Vinod einen Film schicken, wo sie mit ihm tanzt und lacht. Auch bei den Gratulationen an das Paar kommen zuerst die Männer an die Reihe, dann ein paar wenige Frauen.  Als ich Vinod´s Bruder darauf anspreche, meint er nur, die Frauen müssten auch unter sich sein, damit sie die Braut in ihrem Kreise unterstützen können. Ihre Aufgabe scheint nur darin zu bestehen, darauf zu achten, dass der Schmuck nicht vom Gesicht der Braut fällt.

Trotzdem realisiere ich schliesslich, wie langweilig die Hochzeiten in der Schweiz sind, an denen ich schon war. Natürlich waren sie auch schön, weil es Menschen waren, die ich liebe. Aber das Fest an sich ist total stier in Europa. Und nach ein paar Stunden vorbei, während in Indien tagelang gefeiert wird. Jetzt sitzen Vinod und seine Künftige am Boden, nebenan der Vater, die Mutter, die Geschwister von ihm und der Frau sowie ein Pfarrer. Der Pfarrer ist ganz normal mit Kurta und Weste bekleidet und steckt keinesfalls in einem religiösen Gewand.

Wir laufen weiter nach hinten und dann realisiere ich, dass diese Ecke des Gartens eine Art Pop-up-Tempel darstellen soll, weil sich in der Mitte ein Holzstab befindet. Das Symbol für den Lingam. Leider trage ich noch meine Schuhe und die Gäste zeigen lachend darauf, ich ziehe sie rasch aus. Ruhig ist es bei einer indischen Hochzeit nie. Wenn die Erwachsenen mal kurz schweigen, dann  kreischen die Kinder, und wenn diese mal wieder davon rennen, dann diskutieren die Menschen über irgendetwas, das ich leider nicht verstehe. Das Paar läuft siebenmal um den Lingam herum. Dann sind sie Mann und Frau. Vinod und eine Angetraute sitzen wieder im Kreis um den Pfarrer, der ständig Gebete murmelt. Dann klingelt sein Handy und er hebt tatsächlich ab. Damit nicht genug: Der Pfarrer telefoniert geschlagene zehn Minuten lang – mitten im Kreis der Familie, mitten in der Zeremonie. Doch niemand schaut sich auch nur ansatzweise darüber zu ärgern und es scheint das selbstverständlichste der Welt zu sein, dass der Herr bereits seine nächste Hochzeit am Telefon vor allen Gästen bespricht.

Das Paar wird von den Gästen mit Geschenken in Form von Geld geehrt.

Das Paar wird von den Gästen mit Geschenken in Form von Rupienscheinen geehrt. Die Mitgifte spielen eine zentrale Rolle bei einer indischen Hochzeit.

Nach diesem Hauptakt der Hochzeit ziehen mich die Freunde von Vinod nach draussen zu einem Parkplatz. Aus einem Auto zaubern sie eine Flasche Alkohol hervor. Whiskey. Ich bin doch noch verkatert, nehme aber aus Anstand auch einen Schluck. Und merke gleich, dass sich der Schluck Whiskey mit dem Restalkohol in meinem Körper mischt und mir warm wird. Ich bin durch meinen fast nicht mehr existenten Alkoholkonsum in Indien ganz schön aus der Übung gekommen.

Dann beginne ich mit den Freunden von Vinod zu quatschen. Über das Thema Nummer Eins – Sex: „Du kannst also in Europa einfach in einen Club gehen und eine Frau mit nach Hause nehmen und mit ihr Sex haben?“, fraget Kamlesh. „Ja, das ist möglich“, sage ich zögernd. Lügen will ich natürlich nicht, denn es sind Freunde von Freunden und wir machen uns nichts vor. „Wow, und mit wie vielen Frauen hast du schon geschlafen?“. Ich sage: „Ein Gentlemen geniesst und schweigt.“ Und lächle. Die Flasche ist schon halbleer. „Aber Jungs, Europa ist kein Sexparadies und die Frau für das Leben zu finden ist durch diese Ungezwungenheit und diese vielen Möglichkeiten alles andere als einfach. Schneller Sex kann vieles komplizierter machen“, sage ich. Das verstehen sie nicht. Genau so wenig wie ich eine arrangierte Hochzeit verstehen kann. Narendra winkt ab: „Die indischen Frauen sind langweilig. Sie haben überhaupt keine Erfahrung“. Ich sage, das sei aber auch klar, wenn sie zur Hochzeit noch Jungfrauen sein müssten. Es ist immer dasselbe – egal ob in Europa oder in Indien. Die Männer dürfen Sex haben, wollen aber Jungfrau Maria heiraten. Oder in Indien vielleicht nicht die Jungfrau Maria, sondern einfach eine „reine“ Frau.

Dieser patriarchalische Ansatz kann ich Vinod´s Freunden aber nicht verübeln, denn sie kennen es nicht anders. „Ist deine Heirat auch schon geplant“, fragt Kamlesh. „Nein, ich werde wohl – wenn überhaupt – eine Frau heiraten, die ich liebe“, sage ich. Und dazu muss ich zuerst eine Frau finden, die ich liebe. Ich will ihnen nichts vormachen und sie sind sich selbst über diesen grossen kulturellen Unterschied zu Europa bewusst, auch wenn es nicht ganz einfach ist, darüber zu sprechen. Gerade mal fünf Prozent der Ehen in Indien werden ausserhalb der Kaste geschlossen.

Wir gehen zur Trauung zurück und sitzen wieder im temporären Tempel im Hinterhof im Kreise der Familie. Narendra beginnt plötzlich zu murmeln oder besser gesagt murmelnd zu lallen: „Du kannst also im Club an ihren Augen sehen, wenn sie es tun will“. Ich merke, dass er ziemlich rasch ziemlich betrunken ist und sage ihm, das dies vielleicht nicht der passende Ort sei für ein solches Gespräch. Schliesslich wird es dunkel und es kommt uns noch eine besondere Ehre zu: Wir dürfen bei der Familie der Braut, deren Gäste wir ja nicht sind, vorbeischauen, wie noch die letzten Mitgifte ausgetauscht werden. Vinod kriegt eine neue Uhr übergestreift, es werden Badetücher, Ventilatoren und Kurtas ausgetauscht und am Schluss steckt uns der Bruder der Braut noch zehn Rupie in unsere Hemdtaschen. Weshalb ist mir nicht klar.

Das ganze Dorf nimmt an der Hochzeit teil.

Das ganze Dorf nimmt an der Hochzeit teil und schaut sogar von den Dächern aus zu.

Wir brechen auf, weil wir nach Delhi zurückfahren müssen, obwohl uns alle bitten, zu bleiben und morgen weiter zu feiern. Doch die Arbeit ruft. Schweren Herzens verabschieden wir uns. Die Rückfahrt dauert ewig, weil wir kaum vorwärts kommen. An diesem Sonntag scheint ganz Indien zu heiraten. An der Strasse stehen viele Zelte, aus denen Musik dröhnt und Leute feiern. Ich schaue aus dem Fenster und an jeder Ecke leuchtet, glitzert und funkeln die Häuser und Zelte. Auf den Strassen tanzen viele Menschen, Kinder rennen herum und Frauen lachen sich in wunderschönen Saris zu.

Je näher wir auf Delhi zu fahren, desto pompöser werden die Hochzeiten. Schliesslich ist auf jeder Wiese ein Zelt aufgestellt, wo gefeiert wird. Einige davon sind riesig. Und dann folgen die Hochzeiten der Superreichen aus Delhi. Zeltlandschaften, die so gross sind wie ein Vergnügungspark. Mit Plastikschlössern, an denen Fahrstühle angebracht sind, die die Gäste zum Brautpaar hinauf bringen. Neben kitschigen Kutschen stehen Ferraris und Lamborghinis. Auch diese Reichen feiern in der gleichen Tradition mit Zelt und Schloss, aber einfach noch viel pompöser und opulenter. Weil wir so langsam voran kommen, erkenne ich Szenen, bei denen ich denke, das ist ein Filmset. In einem Festgelände steht neben einem weissen Plastikschloss mit roten Türmen ein improvisierter Tempel und daneben ist ein kleiner See angelegt worden, auf dem venezianische Gondeln herumkurven. Ich möchte nicht wissen, wie viel Geld diese Hochzeit gekostet hat und hoffe schwer, dass dieses Paar für immer zusammen bleibt. Wobei Scheidungen gibt es in Indien offiziell sowieso nicht.