land first – Land zuerst“ steht auf dem Schild, das eine Frau mit ihren tätowierten Händen hochhält. Ich befinde mich aber nicht an einer links-alternativen Demonstration für mehr Land für Kunst oder dergleichen, sondern stehe an diesem Wochenende inmitten tausender landloser Bauern im Regierungsviertel von Delhi Schnelle, kämpferische Hindi-Salven dröhnen viel zu laut über die Strasse nahe dem  Jantar Mantar-Platz. Wenn ich an einem der Lautsprecher vorbei gehe, muss ich mir die Ohren zu halten. Würden diese Boxen in einem Club stehen, wären die Leute nach fünf Minuten wieder draussen. An dieser Demonstration scheint dieses Luxusproblem niemanden zu stören. Überall sitzen Menschen und halten Plakate und Banner hoch. Sie lauschen gespannt den Reden, essen zwischendurch Reis und Chapati oder halten ein Nickerchen. Sie sind müde vom Laufen und den kalten Nächten, in denen sie kein Auge zugedrückt haben. Entscheidend ist ihre Präsenz. Es sind viele. So viele, dass die Regierung nicht über sie hinwegsehen kann und handeln muss.

Zücken sie die Handschellen?

Die roten und violetten Saris der Frauen leuchten in der Sonne. Obwohl diese Farbenpracht so fröhlich scheint, gehören die versammelten Menschen zu den Ärmsten Indiens. Wie in allen Schwellenländern ist vor allem die Landbevölkerung von Armut betroffen. Über 50 Millionen Kasten– und Landlose sowie Ureinwohner bangen in den Dörfern um ihre Existenz, weil der Zugang zu Land, Wäldern und Trinkwasser durch Korruption und Grossprojekte der Regierung und internationaler Unternehmen blockiert wird. Übrigens sind die die Mehrheit der Inder Kastenlose.

Gewaltloser Widerstand in Delhis Strassen

Gewaltloser Widerstand in Delhis Strassen.

Die Teilnehmer des Marsches von Ekta Parishad wurden auf ihrem Weg immer wieder von der Polizei schikaniert und auf Umleitungen durch Delhi geführt, damit sie erst später eintreffen und zusammen mit den tausenden von Menschen aus anderen Organisationen nicht die Straßen verstopfen. Stundenlang sind die Adivasi ohne einen Mucks weiter gegangen. Schließlich versammeln sich mit Dutzenden Interessengemeinschaften im politischen Zentrum des riesigen Landes. Ich gebe mich auf dem Gelände wieder als Tourist aus. Ich schiesse Fotos, stelle mich zu den versammelten Leuten hin, um einen Erinnerungsbilder zu knipsen. Das ist zwar lächerlich und ich fühle mich gar nicht wohl in der Rolle des Sujet-haschenden Touristen. Aber besser auf diese Weise als gar nicht dabei zu sein, wenn an diesem Wochenende Geschichte geschrieben wird. Die hunderten von Polizisten blicken mir manchmal direkt in die Augen. Ich lächle zurück und versuche möglichst große, staunende Augen zu formen. Dabei komme ich mir ziemlich blöd vor: Es geht hier um eine ernste Sache und um die Zukunft so vieler Menschen. Mit meiner aufgesetzten Mimik sehe ich hingegen so aus, als sei ich auf einem Jahrmarkt auf der Suche nach der Achterbahn.

„Gehen Sie sofort in ein Touristenbüro“

Ein Mann kommt auf mich zugelaufen und fragt, was ich hier mache. Er zeigt mir einen Ausweis von einem College: „Ich bin Sprachlehrer“, sagt er. Ich weiss, dass er ein Zivilpolizist ist. „Ich bin zu Besuch in Delhi und habe mir vorher die Sehenswürdigkeiten angeschaut – und jetzt diese Menschen mit den farbigen Kleidern entdeckt. Das ist so toll“, schwärme ich vor und versuche so naiv zu klingen, als sei ich eben erst auf der Erde gelandet. „Das ist eine Demonstration. Es ist gefährlich hier. Die Leute könnten mit Steinen werfen. Sie sollten lieber in ein Touristenbüro gehen“, erwidert er. Freundlich sage ich, dass wäre eine tolle Idee, und ich hätte da vorne auch schon ein Taxi stehen gesehen. Ich verlasse das Gelände, gehe um die zahlreiche Wohnblocks in dieser weitläufigen Stadt herum, vorbei an einem riesigen, intergalaktischen Gebäude, um danach auf der anderen Seite wieder auf den Platz zu gelangen. Ich habe meinen Schweizer Pass absichtlich nicht mitgenommen. In meinem Arbeitsvisum steht, dass ich für Ekta Parishad arbeite. Wenn ich hier auftauche, könnte mich das im schlimmsten Fall einen Landesverweis auf Lebzeiten kosten.

Alle TV-Stationen berichten von dem Kampf für ein Stück Land und setzen die Regierung unter Druck

Alle TV-Stationen berichten von dem Kampf für ein Stück Land und setzen die Regierung unter Druck.

Obwohl ich wieder von tausenden Menschen umgeben bin, falle ich auf. Warum sollte sich ein Westler für Landrecht in Indien einsetzen? Ein Mann mit Rucksack kommt zu mir und redet munter drauf los: „Die Menschen hier sind Bauern, die von der Regierung im Stich gelassen werden“, sagt er. Ich nicke. Dann gehe ich zu zwei Frauen mit einer grün-weissen Fahne an einem Bambusstock. Sie grinsen, schauen sich an –  aus Erstaunen, einen Touristen an dieser Veranstaltung zu sehen. Ich bitte sie um ein Foto. Sie nicken verlegen und richten ihre Blicke in die Kamera. Die eine rollt die grün-weiße Fahne aus. Ich schaue sie und sage leise: „Jai Jagat (Sieg der Erde)“. Der Protestslogan von Ekta Parishad zaubert ihnen ein Lächeln aufs Gesicht und sie klopfen mir auf die Schultern. Ich gehe rasch weiter, bevor alles auffliegt.

Der putzige Anna

Es ist eng auf dem Platz. Die Leute drücken nach vorne, schieben und schubsen, steigen auf Bänke und Geländer, um die Rede des Mannes der Stunde zu hören: Anna Hazare. Der 78-jährige Anti-Korruptionskämpfer mit dem in westlichen Ohren klingenden Frauenvornamen hat immer wieder Hungerstreiks in Indien veranstaltet, um die Regierung zu Gesetzen gegen die Korruption zu veranlassen. Dabei löste er eine Massenbewegung im Land aus, die auch von vielen Jungen im Internet unterstützt wurde. Schließlich zwang der charismatische Mann mit der weißen Mütze die Regierung in die Knie. Seither ist Hazare ein Volksheld. Zumindest in weiten Teilen der Bevölkerung, bei den Armen und Schwachen der Gesellschaft sowie der Jugend. Mich erinnert er an einen Maulwurf. Einen gutmütigen Maulwurf, den alle mögen – und der deshalb verschiedene Interessen für die Landrechtsfrage zusammenbringen kann. Hazare ist putzig. Ich würde ihm am liebsten in seine runden Backen kneifen. Das darf ich natürlich niemandem sagen. In Indien ist Hazare in politischen Kreisen hoch angesehen. Vom Kind bis zum Greis kennen ihn alle.

Das geht soweit, dass ich von einem Mann mit einem kunstvollen Moustache und einem kleinen Haarbüschel in der Mitte seiner Glatze angesprochen werde: „Sir, möchten Sie ein Anna Hazare Fan-T-Shirt kaufen?“, fragt er mich. Tatsächlich hat der clevere Händler auf seiner Decke einige T-Shirts mit dem Slogan: I support Anna Hazare oder Anna Hazare fight for us ausgelegt. Wie ich am Etikett erkennen kann, hat der Mann sie im H&M gekauft und dann wohl mit Siebdruckverfahren selber bedruckt. Ich bin so gerührt, dass ich ihm am liebsten eins abkaufen würde. Auch, weil ich inzwischen ebenfalls große Sympathien zum gestikulierenden Maulwurf vorne auf der Bühne verspüre. Doch der Handel scheitert mal wieder am „change“. Der Händler hat kein Wechselgeld.

Ich beobachte noch die letzten Minuten von Hazare´s Rede. Leider waren wir etwas spät dran. Er hält das Mikrofon auf Brusthöhe und gestikuliert mit der linken Hand, was das Zeug hält. Und je länger ich zuschaue, desto mehr glaube ich die Botschaft des Mannes deuten zu können. Obwohl ich natürlich kein Wort Hindi verstehe. Aber wenn Hazare die flache Hand nach hinten legt, bedeutet das wohl: „Uns hat niemand gefragt“. Oder er zeigt mit dem Finger in die Menge, dann auf sich und dann nach oben: „Wir müssen gemeinsam den Kampf gegen die da oben, gegen die Regierung, antreten.“ Vielleicht meint er aber auch Gott. Dann zeigt er wieder sein gutmütiges Lächeln, welches auch immer wieder belustigend wirkt. Belustigt über das unverständliche Handeln der Regierung.

Antikorruptionskämpfer und Idol vieler Inder: Anna Hazare

Antikorruptionskämpfer und Idol vieler Inder: Anna Hazare (picture annahazare.com).

Mit seiner Berühmtheit kann Anna Hazare an diesem Wochenende einen gewichtigen Protest in der indischen Hauptstadt ins Rollen bringen. Mehr als 200 Sozialbewegungen mit tausenden von Teilnehmern sind ihm gefolgt, um gegen eine undemokratische Verfügung der Regierung gegen den Erwerb von Land zu protestieren. Mit dieser neuen Verfügung hätte die Regierung unter dem fadenscheinigen Argument der Entwicklung, Land von Bauern und Privatpersonen entziehen können. Die 5000 Ureinwohner, Landlosen und Bauern vom Marsch, die Demonstranten am Jantar Mantar sowie Ekta Parishad erhielten bei ihrem Protest zahlreiche Unterstützung von politischen Parteien. Dieser historische Marsch ist nicht nur ein Ausdruck des Kampfes der Kasten- und Landlosen, sondern auch ein Beweis der Kraft von gewaltlosem Widerstand. Diese Worte tippe ich in die Presseerklärung, die ich auf der Webseite und Social Media veröffentliche. Während dem Wochenende hatte der Marsch von Ekta Parishad eine große Wirkung auf die Meinungen über Landrecht ausgelöst: Jeder TV-Sender berichtete live vor Ort über die Geschehnisse, Politiker diskutieren im Fernsehen über die Frage nach Landrecht und zahlreiche Interviews mit Anna Hazare und anderen Sozialaktivisten wurden ausgestrahlt.

Diskussionen rund um die Uhr auf den zahlreichen News-Channels im indischen Fernsehen

Diskussionen rund um die Uhr auf den zahlreichen News-Channels im indischen Fernsehen.

Eine Delegation von Ekta Parishad wurde zudem von Innenminister Rajnath Singh als Antwort auf die Proteste zu einem informellen Gespräch eingeladen. Den Vertretern gelang es, vier Forderungen bei der Regierung zu deponieren. Der Innenminister diskutierte diese Punkte mit Premierminister Narendra Modi. Dabei ging es vor allem um die Neuverteilung von Land und den Schutz der landlosen Bevölkerung. Bis jetzt hat die Regierung nach den Demonstrationen zugesichert, dass Landlose mehr Land erhalten sollen. Zudem möchte der Premierminister eine Landrechtsreform schaffen. Die Verfügung wird die Regierung ebenfalls mit einer Ergänzung versehen. Narendra Modi kann nicht ohne die politische Unterstützung der Bauern regieren, weil ihr Anteil an der Bevölkerung mit rund 60 Prozent groß ist. Das hat er auch in der laufenden Budgetsitzung zu spüren bekommen.

Die Adivasi kehren nach dem Protest im Regierungsviertel wieder in ihre Dörfer zurück - tagelang mit dem Zug

Die Adivasi kehren nach dem Protest im Regierungsviertel wieder in ihre Dörfer zurück – tagelang mit dem Zug

Nicht zwei Welten, sondern zwei Galaxien

Nach den Protestkundgebungen brechen die Adivasi auf, um sich wieder auf eine tagelange Rückreise in ihre Dörfer zu machen. Ein Zugticket können sich die wenigsten leisten. Aber die Zugbegleiter drücken ein Auge zu, weil sie wissen, dass die Ärmsten nur um ein Stück Erde kämpfen und nichts besitzen außer das. Die Menschen gehen mit Bündeln auf den Köpfen und eingerollten Fahnen, die nun als Wanderstock dienen, über die dicht befahrenen Straßen von Delhi zur Busstation und Metro. Bei Fussgängerstreifen und Rotlichtern bleiben sie entweder zu lange stehen oder sie übersehen die Ampeln und werden beinahe angefahren. Die Menschen vom Land sind sich gar nicht an die hektische Großstadt gewöhnt und bewegen sich unsicher auf den breiten Straßen Delhi´s. Einer der Bauern sei sogar so dermassen überfordert gewesen von dem Leben in der Großstadt, in der er noch nie zuvor gewesen war, dass er kurz vor Delhi seine Sachen gepackt hat und nach Hause gefahren ist. Stadt und Land sind in Indien nicht nur zwei Welten, sondern zwei Galaxien.

Die Menschen aus den Dörfern fühlen sich in der hektischen Grossstadt unsicher

Die Menschen aus den Dörfern fühlen sich auf den Straßen der hektischen Grossstadt unsicher.