Am dritten Morgen auf dem Weg vom Ashram zum Jubiläumsgelände treffe ich auf eine alte Frau, die am Wegrand im Dorf sitzt. Sie hält ein hellbraunes Objekt in der Hand. Es sieht aus wie ein Rad mit einem gezackten Rand. Ich schaue sie an, sie wiegt leicht ihren Kopf. Ein angedeutetes Hallo. Ich trete näher und betrachte das Konstrukt genauer. Dann schnalle ich es endlich: Sie flechtet einen Korb! Eine Tätigkeit, die ich als Bewohner eines westlichen Industrielandes natürlich noch nie gesehen habe. Ich war als Kind zwar einige Male  auf dem Bauernhof meiner Urgroßeltern im St.Galler Rheintal zu Besuch. Aber selbst da habe ich nie jemanden einen Korb flechten sehen.

Handarbeit ist in Indien nicht einfach DIY

Handarbeit ist in Indien nicht einfach DIY

Wahrscheinlich gibt es in der Schweiz irgendwo ein Showflechten für Touristen. Da sitzen dann einige ältere Damen mit einer nostalgischen Tracht vor einem Bauernhaus, umgeben von diesen Typen, die das Geheimnis ihres Käses niemandem anvertrauen und Pfeife rauchen – und flechten Körbe. Dabei werden sie im Sekundentakt mit Blitzlichtern von den Kameras der japanischen (oder vielleicht auch wohlhabenden indischen Touristen) abgelichtet. Wahrscheinlich irgendwo bei Interlaken findet dieses Event statt.

Stolzes Handwerk

Ich bin aber weit weg von Interlaken und den Schweizer Bergen, sondern befinde mich in einem staubigen Dorf im Hinterland von Indien, eine Nachtfahrt weit weg von einer größeren Stadt. Und weil hier der Alltag total anders ist als bei mir zu Hause, ist diese Tätigkeit kein nostalgischer Zeitvertreib der alten Frau, sondern ihr Erwerb, wie mir später ein Arbeitskollege erklärt. Handwerk ist ein Zeichen von Armut und nicht Lifestyle. Ich frage sie, ob ich ein Foto machen darf. Die ältere Frau mit den leuchtend grauen Haaren blinzelt in die Morgensonne. Ich glaube ein wenig Stolz unter ihren Falten erkennen zu können.

Eine Kunst für sich

Eine Kunst für sich

In Indien ist Handarbeit nicht Freizeitbeschäftigung und hat schon gar nichts mit der in den westlichen Ländern grassierenden DIY-Bewegung zu tun, sondern die Menschen in ländlichen Gegenden arbeiten fast ausschließlich mit den Händen. Nicht Art&Craft-Wahn, sondern Lebensgrundlage. Sie flechten Körbe, sie pflügen ihre Felder mit einem Kuhgespann, sie gewinnen Kohle, die sie mit blossen Händen abtragen. So wie bei uns vor hundertfünfzig Jahren. Dieses Leben ist geprägt von Armut und einem Kampf gegen die Spielregeln der Globalisierung. Haben wir diese alten Bräuche und Traditionen in den Börsenmärkten und industrialisierten Produktionsprozessen nicht längst vergessen? Der moderne Mensch ist zu gierig geworden nach Ressourcen und Konsum, als dass die Arbeitsweise der Adivasi seine Gier befriedigen könnte. Und sehen die Menschen hier überhaupt selbst noch einen Sinn darin, stundenlang mit den Händen irgendetwas zu nähen, schrauben oder flechten oder ist es ein Akt der Verzweiflung gegen die fortschreitende Globalisierung und Technologisierung? Weil ihnen ausser dem nichts bleibt?

Weil wir Westler glauben, diese Menschen vor dem Untergang retten zu müssen, versuchen wir sie in aller Form an unserem modernen, schnellen und scheinbar richtigen Leben teilhaben zu lassen. Doch wie? In dem wir Kapitalismus missionieren? Wir können die Zeit hier doch nicht einfrieren und einen Art ethnologischen Erlebnispark schaffen, nur um uns daran zu erfreuen, mit wie wenig die Menschen hier leben. Dieser Gedanke ist grausam und erinnert mich an The Truman Show oder sogar an einen Zoo. Und ich sehe mich selbst in den Augen der Frau und fühle mich wie ein Eindringling. Wie kann die Unterstützung der Tribal-Völker von statten gehen, damit sie ihre Traditionen, Werte und Kultur bewahren können, ohne im Mittelalter stehen zu bleiben?

Verkauf auf eBay

Fragen kann ich die Frau nicht. Leider wieder einmal mehr wegen der Sprachbarriere. Warum kann Siri nicht einfach Hindi übersetzen? Sindi. Keine Antwort. Ich kriege vor der alten Frau einen Hustenanfall vom beissenden Rauch, der von einem Feuer zu mir zieht. Dort verbrennen die Dorfbewohner die restlichen Plastikflaschen, die von den Kühen und Schweinen nicht gefressen wurden. In meinen Husten mischt sich noch eine Portion Staub vom ausklingenden Tag, den ich aber nicht vor ihr ausspucken möchte.

Als ich abends gegen sieben Uhr wieder an der alten Frau vorbei laufe sitzt sie noch immer da. Die Dorfbewohner leben nach einem eigenen Rhythmus und lassen sich von Städtern nicht einschüchtern. Als Westler bin ich sowieso ein Alien in diesem Dorf. So fremd, dass ich manchmal glaube, die Tildianer übersehen mich, weil ich wie eine Fata Morgana erscheine. Die Frau sitzt da wie eine Statue, an der nur die Hände lebendig scheinen. Neben ihr steht ein Stapel von Körben. Ich würde ihr liebend gerne einen abkaufen, aber wohin damit? Mein Rucksack ist jetzt schon zum Bersten voll. Ich überlege, ob ich ihr mein Smartphone schenken soll. Dann könnte sie einen Internet-Handel aufziehen oder die Körbe über eBay oder Alibaba verkaufen. Ich bin ein Missionar der New Economy und der Globalisierung, der wohl auch dieses Dorf irgendwann einnehmen wird. Wenn auch erst in einigen Jahrzehnten. Aber wird die Frau dadurch glücklicher? Oder ihre Kinder und Kindeskinder? Weil darum geht es doch letztendlich: Glücklich zu sein. Egal ob im Penthouse in New York mit einem Porsche in der Tiefgarage oder auf einer staubigen Strasse in Tilda neben einer Kuh. Die Frau blickt mich noch genau gleich wie am Morgen an. Bescheiden und stolz.

Eine Landbewegung für das Land

Eine Landbewegung für das Land