Affen! Davon gibt es in Indien neben Kühen und Hunden auch jede Menge. Ich mochte Affen schon immer. Spätestens seit ich mit einer Bonobo-Äffin mit verblüffend menschlichen Gesichtszügen im Berliner Zoo geflirtet habe. Bei Tempeln, an Busbahnhöfen, auf Häusern – überall springen und turnen sie herum. Rhesus macaque – Rhesusaffen – sind es meist. Die Inder nennen sie einfach monkeys. Die Affen, die nicht viel größer als eine Katze sind, haben spitze, rötliche Gesichter und ein hellbraunes Fell. In Indien tummeln sich viele weitere Gattungen: Solche mit einem weissen, dichten Fell und einem schwarzen Gesicht. Sie sehen aus wie Mönche. Das passt zu Indien. Deshalb sind diese Hulman-Langur-Affen heilig. Mich erinnern sie an Kinder von Chubaka. Die Inder scheinen unsere Artverwandten aber kaum zu interessieren.

Ich bin hingegen fasziniert und beobachte, wie sich die Affen gegenseitig lausen oder Chapati (Hindi: चपाती) vom Boden essen. Für ein Foto schleiche ich mich neben ein besonders stolzes Exemplar – doch dann schnappt mir das pelzige Viech meine Wasserflasche weg! Ich erschrecke, die Leute prusten los. Sein Affenkumpel will ebenfalls von der Flasche trinken. Doch der Dieb rennt davon und streckt seinem Artgenossen tatsächlich die Zunge raus – genau wie bei uns Menschen! Dann schraubt der Affe meine Flasche auf. Wie wenn ich im Club ungeduldig eine Club Mate aufschraube. Er hebt die Plastikflasche mit beiden Händen hoch, schafft es aber nicht ganz, sie zu den Lippen zu führen, trotz den langen Fingern. Also nimmt er noch einen Fuß zur Hilfe. Dann trinkt er genüsslich von meinem Wasser. Na dann, Prost!

In Indien hat es nicht nur viele Tiere, sondern auch viele Götter. Und weil Indien so viele Tiere und Götter vereint, erscheinen die Götter auch als Tiere. So hat ein Gott einen Elefantenrüssel – Ganesh. Ein anderer wiederum viele Arme – Vishnu. Laut dem Fahrer aus Chennai ist er der „president god“ – der Gott-Präsident. Mein Lieblingsgott ist schnell gefunden: Hanuman, der Affengott, wie mir die Familie in Kanchipuram, bei der ich zwei Tage wohne, erklärt. Kurz angebunden. Der Doktor, seine Frau und Kinder sind Christen und glauben nicht an Tiergötter. Neben vielen Tieren, vielen Göttern (und vielen Menschen) gibt es in Indien auch viele Religionen: Hindi, Christen, Muslime, Sihk sind die größten, dann gibt es unzählige Unterreligionen. Aber diesem komplizierten Gefüge der Religionen und Bewegungen widme ich mich später, wenn ich es besser verstehe, ein eigenes Kapitel.

Affe 1

Affe 1

Beim Busbahnhof esse ich an einem Street Food Stand. Die Pfannen sind schmutzig, das Feuer, auf dem zwei  Jungs mit einem breiten Grinsen in einem noch breiteren Gesicht kochen, brennt in den Augen, die Teller werden nach Gebrauch mit ein paar Tropfen Wasser abgewaschen. Das Essen schmeckt vorzüglich scharf. Es ätzt mir beim ersten Bissen fast die Zunge weg. Zwei westliche Touristen laufen an mir vorbei, bleiben kurz stehen und schauen mich ungläubig an. „Wie kannst du nur an einem Straßenstand essen?“ denken sie wohl. Ich möchte ihnen wie der Affe vorhin meine (brennende) Zunge rausstrecken.

Affe 2

Affe 2

Die Busfahrt ist lange, aber unterhaltsam. Neben mir sitzt ein Mann, der den Körper eines Zwanzigjährigen, die Falten eines Achtzigjährigen und das Lachen eines Zwölfjährigen hat. Er ist Yoga-Lehrer. Er beginnt mir mir zu reden, besser gesagt zu kommunizieren. Ich verstehe sein Hinglish oder vielleicht auch Tamilish kaum. Er redet unbeirrt weiter, holt ein altes, vergilbtes Lehrbuch hervor und zeigt mir darin Übungen, die in einem westlichen Yogastudio zu ernsthaften Verletzungen führen würden. Beim Abschied lädt er mich an das International Yoga Festival ein.“Ich habe noch nie Yoga praktiziert“, erkläre ich ihm.„Ich werde es dir beibringen.“, lacht er. „Als rastloser Mensch wäre das bestimmt hilfreich, mal etwas runterzukommen“, antworte ich. Er schlenkert den Kopf. Das bedeutet Ja. Ich nicke, das bedeutet auch Ja.

Der Bus fährt nicht, sondern rast. Weil er größer ist als die meisten anderen Fahrzeuge, denkt der Fahrer wohl, dass ihn nichts aufhalten kann. Ich kriege die Fahrweise zu spüren, in dem ich alle drei Minuten vom Sitz hochgehoben werde, weil ein Schlagloch die Strasse säumt. Oder weil er über die einbetonierten Rohre mitten in der Strasse blocht. Eine tolle Erfindung! Sie zwingen die Fahrer, fast bis zum Stillstand abzubremsen. Der Fahrer hupt ununterbrochen. Sogar wenn keine Autos da sind. Mir scheint es, als würde ihm ohne das Dauerhupen langweilig werden. Zack, nochmals ein Schlag in die Achse des Busses. Kein Problem, ist ja Staatseigentum.

Affe 3

Affe 3

Die Inder sind sauber und sorgsam mit ihrem Haus, ihren Autos, ihrer Kleidung. Sobald es aber nicht mehr der eigene Besitz ist, besteht keine Rücksicht mehr. Oder sie verwechseln die Straße mit ihrem Wohnzimmer. Wie in Zürich auf der Wiese am Zürichhorn. Deshalb schmeißen sie alles auf die Straße, so dass überall Müllberge liegen. Davon erschreckend viele Plastikflaschen, die von Kühen und Schweinen gefressen werden. Diese Art der Müllbeseitigung ist ansteckend. Weil ich nirgends einen Mülleimer entdecke, muss ich mich beherrschen, meine leere Flasche, die nutzlos in meinen Händen liegt, nicht in die nächstbeste Ecke zu schmeissen. Ich sehe die Mülltrennung-Eimer an deutschen Bahnhöfen vor mir. So weit sind die Inder noch nicht. Der Busfahrer macht eine Pause. Ich verlasse das Fahrzeug, dann steht dort eine grüne Statue. Sitzend. Es ist mein Affengott Hanuman. Ich lächle ihn an, er verzieht keine Miene. Bewegt sich auch nicht für das Foto  – gut so.

Die Unterkunft, die ich für eine Nacht habe, ist nicht teuer, aber auch nicht günstig. Ein Hotel in der Nähe des Busbahnhofs. Als ich eintrete und meinen schwarzen Rucksack unter das Bett schiebe, nimmt er die weisse Farbe des Staubs an. Ich schaue mich um. Der Raum ist eigentlich völlig dreckig. Die Wände sind schmierig, der Boden klebrig, und aus dem Lavabo kriecht eine Wanze. Mir selbst geht es nicht viel besser. Beim Duschen fliesst das Wasser im leichten Braunton von meinem Körper. Meine Füsse sind schmutziger als vor der Dusche. Nach dem Duschen ist vor dem Duschen. Ich bin vom Fashion-Week-Jungen zum Sozialarbeiter in einem Entwicklungsland geworden.

Schwarze Klamotten mochte ich schon immer, besonders auch bei diesen Pilgern.

Schwarze Klamotten mochte ich schon immer, besonders auch bei diesen Pilgern.

Hygiene hat in Indien eine andere Bedeutung erhalten, seit ich vor zwei Tagen von einem Tempel in eine öffentliche Toilette mit Dutzenden von Pilgern getreten bin. Die Pilger haben sich dort gewaschen, aber eben auch ihre Geschäfte verrichtet. Der Boden war voll mit Scheisse. Nicht weil die netten Pilger auf den Boden machten. Diese Pilger mag ich nämlich besonders, weil sie völlig schwarz angezogen sind. Wie die jungen Menschen in Berlin. Aber nicht weil es hip ist, sondern der Religion wegen. Beim Durchlauf von hunderten von Menschen schwappt das Wasser irgendwann aus den Toiletten. Die WC´s ist bloss ein Loch im Boden, keine Schüssel. Da man in Indien die Schuhe vor dem Tempel auszieht, bin ich barfuss. Ich zögere noch kurz, dann wate ich durch das knöchelhohe, bräunliche Wasser. Wird schon nichts passieren. Ist auch nichts passiert – ausser dass ich nicht mehr so sehr von unserem westlichen Hygienewahn befallen bin, der schon Charlotte Roche in ihrem Roman Feuchgebiete angeprangert hat.

Was wohl der Affe macht, der meine Flasche geklaut hat? Wahrscheinlich krabbelt er mit seiner Liebsten auf die Spitze eines gopuramden Turm eines Tempels, hält sie mit seinen langen Fingern an ihren langen Fingern, zieht ihr zärtlich alle Läuse aus dem Fell. Er legt ihr den Arm auf den leicht gebeugten Rücken, die langen Schwänze umzwirbeln sich und hängen über den Gesichter der kleinen Steinfiguren am Tempel. Dann geniessen sie eine Aussicht, die uns ungelenkigen Menschen immer verwehrt bleiben wird.