Madaritola ist ein Dorf in Madhya Pradesh. Es wird von nomadischen Ureinwohnern – den Tribals – bewohnt. Nomaden, die über Jahrtausende durch die Wälder und Felder Indiens gezogen sind und mit ihren Tieren und ihrem Land gewirtschaftet haben. Sie haben nur eine mündlich überlieferte Kultur, aus der sich ihre Geschichte kaum ergründen lässt. In der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts haben sie ihre Wurzeln verloren und bestreiten ihr Leben mit Betteln und unterbezahlter Hilfsarbeit. Weil sie das Leben in unserer modernen Zeit nicht gewohnt sind, leben sie in höchster Armut. Die Verzweiflung treibt sie in den Alkohol, sie vernachlässigen ihre Hygiene und begehen Suizid.

Alles was zählt ist die Würde des Menschen

Sie haben keinen Lebensunterhalt, weil ihnen Land fehlt. Der indische Staat feiert seinen neuen Wirtschaftskodex „Make in India“ und präsentiert internationalen Investoren ein künftiges Industrieland, das selbst China Konkurrenz machen könnte. Die Regierung will einen Agrarstaat mit einer kleinflächigen Landwirtschaft, die von Kleinbauern betrieben wird vermeiden. Deshalb öffnet sie den Zugang für internationale Investoren, die dort bauen können. Die Regierung sagt, das schaffe Arbeitsplätze. Die Wahrheit sagt, das schafft Ungerechtigkeiten. Die Existenz der Tribals ist gefährdet wie nie zuvor und sie drohen – wie eine Tierart – auszusterben.

Madhu Sharma, eine wahre Heldin des Alltags

Madhu Sharma kämpft um die Würde der Menschen in Madaritola (Foto: Ashwin Thampi)

Die Armut in Madaritola ist erschütternd. Die Menschen haben kaum Zugang zu sauberem Trinkwasser, leben nahe den Gleisen, wo Züge durch donnern und die Passagiere Unmengen von Abfall aus dem Fenster werfen. Die Umgebung ist schmutzig, die Menschen leben in Zelten und kleinen Lehmhütten, die Männer trinken, die Kinder betteln. Weil sie Angst haben, die wenigen und unterbezahlten Jobs zu verlieren, wehren sich die Tribals kaum gegen diese Missstände. Die Ureinwohner werden von der indischen Gesellschaft, vom Staat und von den landlords dermassen schikaniert, dass sie in ständiger Angst leben müssen.

Was mache ich hier?

Ich bin hier, um für Ekta Parishad eine Bestandsaufnahme des Dorfes zu machen und zu erfahren, welches die dringlichsten Probleme sind. Dabei werde ich von Ashwin und Vinod – meinem besten Freund in Indien – begleitet. Er soll übersetzen und mir meine Nervosität nehmen, mit diesen Menschen zu sprechen. Ich weiss nicht, wie ich mich verhalten soll. Ich fühle mich als Eindringling, der aus einer anderen Galaxie kommt und versucht, eine längst vergessene Welt zu verstehen. Ich höre die Stimme meiner Freunde aus Europa: „Boah krass, macht dich diese Armut in Indien nicht fertig?“ Ich weiss grad gar nicht, wie ich mich fühle. Ich beobachte erstmal, stelle Fragen und versuche auf die Menschen zuzugehen. Ohne Berührungsängste. Und versuche meine westliche Erziehung und mein Denken abzuschalten und nur auf die Worte der Menschen zu hören.

Das Interview mit Madhu ist erschütternd und bereichernd zugleich

Das Interview mit Madhu ist erschütternd und bereichernd zugleich. (Foto: Ashwin Thampi)

Wir treffen Madhu Sharma. Die Frau mit dem glatten Gesicht, dem leuchtend gelben Sari und den ruhigen Händen, die in die Luft zeichnen, arbeitet schon ihr halbes Leben für Ekta Parishad. Madhu ist Anfang Dreissig und kümmert sich seit sie 17 Jahre alt ist um das Dorf Madaritola. Wir haben uns einen Fragebogen zurecht gelegt. Doch die Fragen erscheinen seltsam. Wir können die Lebensumstände dieser Menschen nicht in ein Raster pressen und verstehen Madhu nur langsam, weil sie gar keine Antworten auf unsere Fragen geben kann. Welches sind die dringlichsten Probleme? Das ist nicht zu beantworten, denn die Probleme finden auf so vielen verschiedenen Ebenen statt. Es ist nicht nur ein fehlender Wasserziehbrunnen, fehlende Bildung, es sind auch fehlende menschliche Züge. Wenn Madhu erzählt, wartet sie geduldig, bis Vinod übersetzt und ich notiert habe. Obwohl ich ihr Hindi kaum verstehe, spüre ich den Schalk, den Madhu versprüht.

Affentheater

Im Jahre 2001 war sie mit Ekta Parishad-Gründer Rajagopal P.V. zum ersten Mal in Madaritola. Als Madhu beginnt mit den Nomaden zu arbeiten, wohnen im Dorf zehn Familien. Heute sind es hundert Familien. „Woher sind diese Familien zugezogen?“, frage ich. Madhu lacht: „Es ist niemand zugezogen. Da ist eine natürliche Vermehrung“. Die Dorfbewohner glauben nach wie vor, dass nur eine möglichst hohe Zahl von Kindern ihre Zukunft sichern kann. Sie sage ihnen dann manchmal halb im Spass und halb Ernst: „Bei jedem Kind mehr müsst ihr befürchten, dass es später für die Naxaliten-Rebellen arbeitet“. Die Naxaliten-Rebellen sind eine maoistische und gewalttätige Bewegung, die in den armen Bundesstaaten von Indien aktiv sind. Immer verüben sie Terroranschläge bei denen hunderte von Polizisten und Zivilsten sterben.

Die Kinder sind auch eine Geldquelle: Sie betteln auf der Strasse oder zeigen in den Städten „monkey dancing“. Mit einem Affen an einer Leine, der vor den Leuten tanzt und sich wörtlich „zum Affen macht“. Ein solcher Affe begegnet mir auf dem Weg durch das Dorf. Er faucht und will auf uns los – zum Glück ist er angekettet. Die Kinder aus Madaritola betteln am nahe gelegenen Bahnhof oder in Tempeln. Viele sind abhängig von Kautabak. „Als ich hier angekommen bin, wollte ich mit Schulunterricht beginnen“, erzählt Madhu.

Gleich am ersten Tag schickte sie die Kinder nach Hause: „Ich sagte ihnen, sie sollen ihre stinkenden Kleider waschen und sich die Haare schneiden“. Die Eltern wurden wütend, schickten die Kinder wieder zum Betteln anstatt zur Schule, und wollten Madhu aus dem Dorf mobben. „Ich habe am Anfang jeden Abend geweint“, sagt Madhu. Es schien so aussichtslos, die Tribals an die Zivilisation heranzuführen. Doch Madhu fuhr wieder nach Madaritola: „Ich möchte dieses Dorf verändern. Wenn ich es nicht tue, dann tut es niemand. Es ist ein Dorf von Hunderttausenden. Aber wenn sich ein Dorf verändern kann, dann kann sich Indien verändern“, sagt sie. Ganz sachlich, mit Bildern, die in der Übersetzung aus Hindi nicht ganz so wiedergegeben werden können, wie Madhu sie ausmalt.

Mit "monkey dancing" versuchen die Baigas an Geld zu kommen.

Mit „monkey dancing“ versuchen die Tribals an Geld zu kommen. (Foto: Ashwin Thampi)

Madhu setzte dort an, wo sie Potenzial sah: Bei den Jungen und dadurch bei ihren Müttern, den Frauen. Sie sorgten im Dorf für die Kinder, waren nicht dem Alkohol verfallen und akzeptierten Madhu als Frau schneller. Madhu ging in die Familien, klärte sie über ihre Rechte auf – und fuhr auch mit einigen Frauen ins Krankenhaus, um eine Abtreibung einzuleiten. „Nach einiger Zeit merkten sie, dass ich für sie und ihre Familien kämpfe“, sagt Madhu. Sie traf die Frauen des Dorfes und fragte sie: Warum geht ihr betteln? Warum wascht ihr eure Kinder nicht? Warum lässt ihr euch von euren Männern schlagen?

Gewalt ist nie eine Lösung

Madhu möchte in Madaritola das Recht auf Land durchsetzen, die Stammesgruppen vor Grausamkeiten schützen und auf längst erlassene Gesetze wie den Mindestlohn pochen. Das Ziel ist offen und die Wahrheit kann nur auf dem Weg ans Licht kommen. Madhu hat in den Jugendcamps von Ekta Parishad gelernt, wie viel Geduld und Zeit diese Arbeit in den Dörfern benötigt. Und wie sie immer wiederholen muss, was für uns selbstverständlich scheint in Bezug auf Gewalt, Hygiene, Geld, Anstand und Zukunft. Die Tribals können sich wegen ihren Gewohnheiten kaum verändern. Genauso wenig, wie die Menschen im Westen sich ändern und auf ihren Wohlstand verzichten können. Deshalb unterrichtet Madhu, holt die Kinder vom Bahnhof weg, wo sie betteln und gibt ihnen Kurse in Nonviolence. Trotz der grossen Verzweiflung ist Gewalt keine Lösung und das höchste Credo von Ekta Parishad. Bildung und Aufklärung kann den Bann dieser Gewohnheiten brechen.

Bei ihrer Tätigkeit im Dorf organisierte Madhu Jobs für die Dorfbewohner, fragte in der Umgebung nach Arbeit und versuchte den Arbeitgebern die Vorurteile über die Tribals zu nehmen. „Sie sollten nicht mehr betteln, sondern Holz sammeln, Früchte ernten und am Markt verkaufen“. Heute helfen die Menschen aus Madaritola bei Strassenarbeiten und bauen neue Bahnlinien und Tunnels. Einige der Männer arbeiten in Delhi oder in den Städten in Madhya Pradesh und kehren nur alle paar Monate zu ihren Familien zurück. Wiederum andere verkaufen Erzeugnisse auf dem Markt.

Madhu ruft einen jungen Mann in das Schulzimmer hinein – Umesh. Er ist Anfang Zwanzig und im Dorf aufgewachsen. Ich frage ihn auf Hindi, was er arbeite. „Ich arbeite in Gujarat für eine Chemiefabrik“, sagt er. „Wie heisst das Unternehmen?“ Unique Chemicals, antwortet Umesh. Das Unternehmen produziert in Gujarat Generika – und zwar eine ganze Menge. Es gibt dort über Kopfschmerztabletten, über Krebsmedikamente bis hin zu Viagra alles zu finden. Unique Chemicals bezeichnet sich selbst als eines der am schnellsten wachsenden Medizinalfirmen in Indien. Genau diese Firmen sind dem Schweizer Wirtschaftsminister Johann Schneider-Amann schon lange ein Dorn im Auge – und deshalb pocht er auf die Freihandelsabkommen mit Indien. Doch Indien möchte in Sachen Medizin nach vorne preschen und rechnet mit einem 10-Milliarden-Euro-Markt in den kommenden Jahren. Umesh füllt bei seiner Arbeit irgendwelche Chemikalien in eine grosse Trommel, wo sie zu Medikamenten zusammengebrutzelt werden. Ich schüttle den Kopf und sage: „Das klingt nicht sehr gesund“. Er kriege Schutzmasken von seinem Arbeitgeber und mache es auch nur einige Monate, meint er und lächelt stolz. Er hat Arbeit und kann seiner Familie Geld schicken.

Obwohl sie kaum Englisch versteht,  kann mir Madhu die Umstände im Dorf erklären.

Obwohl sie kaum Englisch versteht, versucht mir Madhu die Umstände im Dorf zu erklären. (Foto: Ashwin Thampi).

Die Bewohner von Madaritola haben ihre miserable Lebensqualität in den letzten Jahren verbessert und rund die Hälfte der Leute arbeitet und hat Landtitel erhalten. Damit können sie Landwirtschaft betreiben, obwohl die Tribals nicht sehr geübt darin sind. Andere verrichten Gelegenheitsjobs oder arbeiten als Rikscha-Fahrer oder Küchenhilfe in den grösseren Ortschaften.

Die Arbeit gibt den Menschen Stolz und Selbstvertrauen – und schürt Neid. Wie etwas aus dem Dorf nebenan. Umali. Während der Zeit des Holi-Festivals griffen die Bewohner die Leute in Madaritola an. Die meiste Gewalt auf der Welt wird wegen dem Kampf um Land verübt. Nicht nur über Grenzen hinweg, sondern auch im Lokalen. „Sie waren wütend, weil es den Leute aus Madaritola besser ging als ihnen“, sagt Madhu. Sie prügelten auf die Männer im Dorf ein und zerstörten viele Häuser. Tote gab es glücklicherweise nicht. Diese Tage waren für Madhu sehr belastend: „Ich musste den Dorfbewohnern klar machen, dass sie auf keinen Fall mit Gewalt antworten dürfen.“. Die Nonviolence-Trainings und Jugendcamps von Ekta Parishad haben gefruchtet. Die Madaritolaner zogen sich für eine Weile in die Wälder zurück. Madhu wandte sich an Ekta Parishad, die einen Kontakt zum Superior Officer des Bezirks herstellen konnten und erreichte schliesslich, dass die Täter verhaftet wurden. Obwohl die Bewohner von Madaritola Nomaden sind, wollen sie an diesem Platz bleiben und sich eine Existenz aufbauen.

Madhu versucht aber nicht nur, den Kindern im Dorf Schulunterricht zu geben, den Menschen Arbeit zu beschaffen oder die Frauen ins Krankenhaus zu fahren. Sie kämpft seit Jahren mit der Regierung um Landrecht. Was die Tribals dringend benötigen sind Landtitel. Ansonsten können sie jederzeit von hier vertrieben werden. Madhu ist die Dorfsprecherin, obwohl sie selbst nicht im Dorf wohnt, sondern mit ihrem Mann und den zwei Kindern einige Kilometer entfernt. „Sie gibt dem Dorf eine Stimme und damit eine Existenz“, sagt mir mein Boss Aneesh später.

Die Hoffnung liegt bei den Jüngsten

Ohne Madhu wären die Menschen hier längst zugrunde gegangen und hätten sich – so hart das klingt – selbst vernichtet. Mit Alkohol, Krankheiten, Selbstmord. Noch immer ist die Lage des Dorfes desolat. Der Platz, an dem sich Hoffnung auf eine bessere Zukunft versammelt, ist die Schule. Die Kinder haben verwuschelte Haare und schmutzige Kleider, aber eine Wandtafel, einige Bücher und Hefte, mit denen sie lesen und schreiben lernen können. Doch die Hauptarbeit von Madhu in der Schule ist, den Kindern klar zu machen, dass sie nicht betteln sollen. Die Tribals sind sich seit Jahren an diese Art der Geldbeschaffung gewöhnt.

Madhu ist Dorfsprecherin, Dorflehrerin, Dorfanwältin und Dorfpsychologin in einem. Sie ist eine wahre Heldin, die sich seit Jahren Tag und Nacht um die Anliegen der Bewohner kümmert. Ohne Menschen wie Madhu kann Indien nicht in die Zukunft gehen. Das Wohl der Ärmsten für das Wohl von allen. Der Kampf um Landrechte, um Würde für die Tribals nimmt in Madhu´s Arbeitsalltag kein Ende. Wenn ein Problem gelöst ist, taucht ein neues auf. Von dieser Belastung ist während dem Interview wenig zu spüren. Madhu legt ihre Handtasche auf den Tisch, die zwar nicht teuer, aber schick ist, lacht, wenn sie meine Frage erahnen kann, ist geduldig und redet nie von sich selbst. Erst als ich sie frage: „Warum tust du das, Madhu?“

Das Dorf Madaritola

Einige Hütten im Dorf Madaritola (Foto: Ashwin Thampi).

„Ich habe keine Wahl“, sagt sie. „Wenn ich es nicht mache, dann macht es niemand. Und dann stirbt ein Volk aus, weil es von der Globalisierung und der Gesellschaft ausgestossen wird“. Das könne sie nicht zulassen. Bei Madhu, wie auch bei der deutschen Lehrerin in Varanasi, die dort eine Schule für Slumkids betreibt, ist das Schicksal der Hilfe für die Ärmsten gleich: Hat man erstmal damit angefangen, die Schicksale der Menschen in die Hand zu nehmen, kann man die Menschen nicht mehr loslassen, bevor sie nicht wieder ihre Menschlichkeit, ihre Werte zurückerhalten haben. Die Tribals sind friedliche Menschen, die sich immer vor Angreifern zurückgezogen haben und nicht in Kriege verwickelt waren. Doch der Kampf von Indien in der globalisierten Welt ist wohl der schwierigste Kampf für sie. „Madhu, wie kann man den Menschen ihre Lebensgrundlage, ihre Kultur und ihre Würde zurückgeben, wenn sie nicht mehr in unser Zeitalter passen?“, frage ich.

Ein Stück Land ist die Grundlage für alles

Madhu erklärt: „Die Menschen brauchen ein Stück Land, auf dem sie ihr Leben gestalten können. Dabei geht es nicht nur um Nahrung. Ein sicherer Boden unter den Füssen ist der Anfang und die Grundlage für jede Entwicklung“. Madhu ist eine Heldin. Eine unbekannte Heldin in einem unbekannten Dorf in einem riesigen Land, da mit Vorurteilen überhäuft wird. Solche Heldinnen gibt es tausende in Indien, nur schon bei Ekta Parishad. Madhu ist aber keine Powerfrau, keine Feministin, keine Mutter Teresa und schon gar keine Wohltäterin. Für eine spezifische Definition ihrer Selbst, ihrer Tätigkeit oder ihrer Berufung hat sie keine Zeit. Sie versucht jedes Problem zu lösen, in der Hoffnung, dass es ein grosses Ganzes ergeben kann. Ekta Parishad ist kein Verein mit Statuten, sondern eine offene Struktur, in der jeder seinen Platz finden muss. Madhu hat ihn gefunden – im Dorf Madaritola. Als wir zusammen durch das Dorf laufen, grüssen sie die Bewohner , die Kinder laufen ihr nach. Madhu predigt Gewaltlosigkeit bei grösster Kampfbereitschaft. Ihre grösste Waffe ist ihr eigenes Opfer: „Ich muss manchmal leiden, um die Wahrheit zu sehen“.

Rund 100 Familien wohnen in Madaritola.

Rund 100 Familien wohnen in Madaritola. (Foto: Ashwin Thampi)