Zwei Schlangen mit einer farbig changierenden Haut und Stacheln bewegen sich langsam auf Delhi zu. Über zweieinhalb Kilometer der gesperrten Straße nehmen die Schlangen ein. Vorne werden sie von einigen braunen Käfern begleitet. Etwa so sieht der Protestmarsch meiner Organisation Ekta Parishad zwischen Palwal und Delhi von oben von der Metrobrücke aus. In Wirklichkeit sind die farbige Haut die vielen grün-weissen Ekta Parishad- Fahnen. Die Stacheln stehen für Schilder und Transparente, die aus der Menge heraus ragen. Die Käfer sind die Dutzenden von Polizisten, die den Marsch begleiten. Seit drei Tagen laufen über 5000 Adivasi und Dalits – Land- und Kastenlosen – sowie Tribals – Ureinwohner Indiens – auf die Hauptstadt zu. Meine Organisation hat im Vorfeld der Budgetsession der indischen Regierung einen Yatra, einen Protestmarsch von Palwal, an dem Ort, an dem Gandhi das erste Mal auf indischem Boden verhaftet wurde, in die Hauptstadt Delhi organisiertDie Bauern und Kastenlosen fordern eine neue Landrechtsreform.

Der Marsch der 5000 Adivasi, Dalits und landlosen Bauern (picture in courtesy of Akanksha Damini Joshi)

Der Marsch der 5000 Adivasi, Dalits und landlosen Bauern (picture in courtesy of Akanksha Damini Joshi)

Über 60 Kilometer Strecke legen sie dabei zurück. Sie schlafen nachts neben der Straße wenn sich der Sommertag zu einer Winternacht verwandelt. Weil sie zu wenig Decken haben, erkältet sich die Hälfte der Menschen. Eine Mahlzeit pro Tag und Wasser aus dem Tank muss reichen. Diese Protestierenden gehen zusammen, singen zusammen, tanzen zusammen, essen zusammen, sind im Nachtlager zusammen und beten zusammen. Ein beispielloser Akt des gewaltlosen Widerstands, an dem ich mich auch gerne beteiligt hätte. Aber ich wusste schon im Vorfeld, dass es nicht möglich sein. wird. Als Ausländer darf ich in Indien nicht an einer politischen Demonstration teilnehmen – und als Schweizer Zivildienstleistender schon gar nicht.

Für das Recht gehen

Ich fahre mit dem Hoteltaxi aber trotzdem hin, weil ich als volunteer press & media einen Eindruck vor Ort haben möchte. Zudem werde ich von meiner journalistischen Neugier getrieben. Dann sehe ich sie wieder: Die Adivasi, die mir bereits in Tilda durch ihre ruhige und bescheidene Persönlichkeiten ans Herz gewachsen sind. Diszipliniert laufen sie in einer Zweierreihe auf der Straße. Auf der anderen Fahrbahn staut sich der Verkehr. Einige Leute steigen aus ihren Autos aus und bestaunen die friedlich demonstrierende Menge. Ein paar wenige klatschen ihnen zu. Für den Einsatz und den Mut, hier zu gehen und für ihr Recht einzu-gehen.

Die bunten Saris und Kopftücher leuchten in der Sonne

Die bunten Saris und Kopftücher leuchten in der Sonne

Wir verlassen das Auto, mischen uns unter die Menge und schießen ein paar Fotos. Ich stelle mich neben die Leute und lächle in die Kamera. Wie ein Tourist eben. Die Polizisten beäugen mich kritisch, lassen mich aber in Ruhe, weil sie wohl denken, dass ich als Tourist sowieso keine Ahnung haben. Die Demonstranten freuen sich, dass ich einige Worte Hindi mit ihnen wechsle. Eine kleine Menschentraube bildet sich um uns. Ich erkenne zwei Frauen wieder, die ich bereits am Jubiläumsfest in Tilda gesehen habe. Ich darf mir aber nichts anmerken lassen. „Ich bin unwissend und kenne niemanden hier“, sage ich mir. Gerne hätte ich meinen Arbeitskollegen Vinod begrüßt, der mit seiner Kamera ebenfalls Bilder schießt. Er darf das natürlich machen. Es unterscheidet uns wieder einmal mehr die Hautfarbe. Obwohl ich diese Tatsache in den letzten Wochen gänzlich vergessen hatte. Dieser äusserlich sichtbare, aber innerlich unsichtbare Unterschied. Aber meine Freund wissen auch, dass sie mich nicht kennen dürfen. Vinod zwinkert mir kurz zu und hebt seine Mundwinkel nach oben. Je mehr Menschen zu uns kommen, desto mehr Polizisten rücken auf. Bevor ich in Handschellen abgeführt werde, gehe ich zum Auto zurück, grinse den Ordnungshütern nochmals extra freundlich zu und wir fahren weiter nach Agra zum Taj Mahal. Ich habe mir für eine mögliche Befragung der Polizei einen Plan zurechtgelegt.

Schwierigkeiten, Tourist zu spielen

Natürlich fahre ich wieder in die Hauptstadt Delhi zurück. Den ganzen Weg, den die Leute noch zurücklegen müssen. Ich wäre gerne geblieben und mit den Menschen marschiert. Hätte mit ihnen gesprochen und vielleicht auch unter einem der Beton-Tragpfeiler übernachtet. Wobei diese Vorstellungen eines aus Solidarität handelnden Europäers in der Realität schwer umzusetzen sind: Ich hätte einen Übersetzter benötigt, um mit den Adivasi zu kommunizieren; und einen Schlafsack hätte ich auch nicht dabei gehabt. Ich werde in Delhi wieder zu den Menschen stoßen. Die indische Hauptstadt ist eine Weltmetropole, die auch von Touristen besucht wird. Deshalb kann ich als westlicher Tourist auch per Zufall in eine Demonstration im Regierungsviertel, das auch Sehenswürdigkeiten versammelt, geraten. Hier in den endlosen Vororten der Stadt verirrt sich aber kein Weißer hin. Die Touristennummer wirkt nicht sehr glaubhaft. Deshalb kehre ich ins Hotel in Delhi zurück, setze mich in im Frühstücksraum in mein Home Office und beginne zu schreiben. Das ist mein Beitrag, den ich zur Demonstration leisten kann. Meine Arbeitskollegen haben keine Zeit, sich um Berichte und Updates zu kümmern, weil sie Essen für die tausenden von Menschen organisieren und immer wieder mit der Polizei verhandeln müssen.

Sie kämpfen bescheiden und stolz zugleich für ein Stück Land.

Sie kämpfen bescheiden und stolz zugleich für ein Stück Land.

Während dem Marsch verbringe ich die meiste Zeit in dem unauffälligen Hotel mitten in einem Wohnquartier, lese englischsprachige Zeitungen und Online-News, führe Telefoninterviews mit den Verantwortlichen von Ekta Parishad und publiziere Berichte über die Tagesgeschehnisse auf den Webseiten meiner Organisation und Social Media. Facebook ist in Indien weit verbreitet; Tausende folgen unseren Seiten und wollen sich über die politischen Geschehnisse in Delhi informieren. Die Zahl der Follower schnellt in den Wochen des Marsches hoch. Darunter auch die internationale Community, die Ekta Parishad ideell unterstützt und ihnen die Daumen drückt, dass die Regierung die neue Verfügung nicht durch winken wird.

Weg von den Maschinen, hin zum Land

Als ich das Licht im Hotelzimmer ausknipse, denke ich an die Adivasi, die jetzt neben der Straße ein bescheidenes Lager für die Nacht aufschlagen. Matten haben sie keine, Decken auch kaum. Nur einige Tücher. Können sie einschlafen? Ich kann es nicht, sondern denke nach: So viele Füsse, die die Erde berühren. Erde, die ihnen gehören sollte. Armut ist eine Forderung, aber ein Stück Erde ist Stolz. Die Adivasi sind ein Kontrast zum Leben in der Großstadt. Zu mir oder zu dir. Wir sitzen im Zug, ärgern uns über eine Verspätung, während diese Menschen tagelang laufen, auf dem kalten Boden schlafen und wenig essen. Nur um Recht zu bekommen und nicht ihren Lebensunterhalt zu verlieren. Die Welt dreht sich hin zu den Industrien und dem Konsum. Weg von der Erde. Diese Marschierenden bewegen sich weg von den Maschinen, weg vom Materialismus hin zu Land und Kultur.

Eines Tages werden wir ihnen vielleicht dankbar sein, dass sie um unsere Erde und unser Essen gekämpft haben. Jetzt sind wir aber noch auf die schnell verfügbaren Dingen fixiert und haben nicht die Geduld, den Boden wachsen zu lassen. Diese Menschen hier gehen, essen, schlafen und beten zusammen. Ohne einen Leader, sondern als eine Bewegung, die nicht Politik machen will, sondern um ihre Tradition und ihren bescheidenen Besitz, die Erde,  kämpfen. Dieser Marsch ist aber nicht nur eine physische Bewegung. So einfach ist es nicht. Es ist nicht rechts und nicht links, sondern die Schritte gehen nur vorwärts, weil es schlichtweg um ein Stück Land geht. Wir können noch so lachen. Aber es ist wohl die ehrlichste Forderung der Welt. Die armen und einfachen Menschen sind stark. Diese starke Botschaft nehme ich mit für mich.