Nach dem zweiten Jubiläumstag gehe ich todmüde in den Ashram zurück. So nennt man die religiöse Herberge, in der ich übernachte. Es ist bereits mein dritter Aufenthalt in einem indischen Ashram (dessen Bekanntheit durch Gandhi kam, der dort lebte). Zu meiner Seele habe ich trotz diesen Aufenthalten noch nicht gefunden. Dafür ein offenes Zusammenwohnen mit viel Austausch. Auch dieser Ashram in Tilda hat nicht viel mit Yoga, Meditation oder Busse zu tun, wie ein Westler gemeinhin annehmen könnte. Er verfügt höchstens auch über wenig Mobiliar, eine Gemeinschaftsdusche und Zimmer, die auf Deckenhöhe durchgehend miteinander verbunden sind – und man das Schnarchen des Nachbars so gut hört, als liege er neben einem im Bett. Ashram (Hindi:आश्रम) heisst zwar Ort der Anstrengung, aber anstrengend ist nicht das Klosterleben dort, sondern die Aussicht, dass ich mit acht anderen Leuten in einem Zimmer pennen muss.

Tanzend lachen

Tanzend lachen

Kein Ich, sondern ein Wir

In Indien gibt es kein Ich, sondern nur ein Wir. In Indien bin ich nie alleine. Privatsphäre gibt es nur und ausschließlich auf der Toilette (sofern keine Pilger dort sind). Zumindest nicht in meinem Indien, das sich mit sozialer Arbeit für Benachteiligte auseinandersetzt. Das Leben im Subkontinent gestaltet sich nach dem Kollektiv: Autos werden zu Gemeinschaftstaxis, Tempel werden zu Picknick-Wiesen, Züge zu Hotels. Die Inder schöpfen ihre Identität und ihr Dasein aus zwischenmenschlichen Beziehungen. Deshalb scheinen die Menschen in Indien oft auch zufriedener und fröhlicher als die Menschen im Westen, die morgens in der S-Bahn sitzen und lange Gesichter ziehen. Das gemeinsame Leben zu jeder Stunde ist bei vielen der einzige Luxus, der ihnen bleibt.

Sitze ich ausnahmsweise mal alleine im Park bei meinem Büro in der Sonne und lese Nachrichten von Freunden auf meinem Smartphone, bin ich höchstens zehn Sekunden alleine. Dann kommt ein Junge mit einem Cricket-Schläger, ein Arbeitskollege, eine Schar Kinder, zwei Studenten mit Sonnenbrillen oder ein auf Kunden wartender Rikscha-Fahrer. Sie beginnen alle mit mir zu reden. Sofort bin ich umzingelt. Sieht man ja auch nicht alle Tage, so einen Weissen mittten im Park. Die Inder denken, ein Mensch, der von so weit her kommt, muss unterhalten werden. Unterhaltung ist immer da. Die Inder lieben Entertainment. Deshalb hören sie andauernd Musik und verbringen ihre Abende in 7D-Kinos. Ich werde nonstop angesprochen und beantworte immer die gleichen Fragen: „Wie heisst du, woher kommst du, was machst du?“. Keine Chance auszuweichen. Jedes Mal, wenn ich in den Park gehe, kommt jemand. Ich muss bei diesen Kommunikationsattacken manchmal kurz schlucken und innehalten, damit ich neugierig, freundlich und aufgeschlossen bleibe. Will ich auch sein. Denn bei jedem Wortfetzen erfahre ich mehr über das Land und lerne einige Wörter Hindi. Obwohl die Gespräche oft ein Ratespiel sind. Englisch sprechen können die wenigsten, die tagsüber hier in den Park kommen. Hände und Pantomime tun es aber auch. In Indien wimmelt es von Menschen. Sie sitzen unter Bäumen, vor den Shops, in der Rikscha, auf Treppen, neben Tempeln. Es gibt keinen Meter, wo kein Mensch ist. Deshalb gibt es keinen Meter Privatsphäre.

Lachend tanzen

Lachend tanzen

Das nie endende Ansprechen, der Dauerzwang zum Reden ist am Anfang gewöhnungsbedürftig. Manchmal hilft lächeln, manchmal wünschte ich mir, die Ohren würden mir abfallen, damit alle sehen, dass ich keine Fragen beantworten kann. Wenn die Inder nicht miteinander sprechen, dann telefonieren sie mit jemanden. Sind die Inder alleine, langweilen sie sich zu Tode. Sie sind sozial und denken, dass es den anderen, die alleine sind, ebenso geht – und starten ein neues Gespräch oder eine weitere Fragerunde.  Zum Glück bin ich selber eine Plaudertasche. In Europa habe ich meine Freunde oft zu getextet, jetzt texten mich die Inder zu. Ein Kleister aus Fragen und eine Tabula Rasa aus Antworten. Aber egal – auch Antworten, die die neugierigen Menschen nicht verstehen, quittieren sie mit einem Lächeln.

Kein Individualismus

Ich bemerke aber auch nach einigen Tagen in Indien, dass ein Leben, in dem man ständig mit anderen Köpfen und Händen verbunden ist, eigentlich viel witziger und behaglicher ist als der in Europa zelebrierte Individualismus. Am letzten Abend des Jubiläumsfestes lachen und speisen wir in einer heiteren Männerrunde bis spätnachts. So viel lachen mit so wenig gemeinsamer Sprache. Das ist nur in Indien möglich. Besonders schmunzeln ich, wenn meine Kollegen lachen. Und weil Lachen bekanntlich ansteckend ist, lacht es sich in Indien besonders gut.

Ich habe noch nie so viele lachende Menschen gesehen wie in in diesem Land. Obwohl ich dachte, hier gibt es wenig zu lachen. Die Inder haben weniger, dafür mehr – zu lachen. Die Armen, die um ihr Überleben kämpfen, natürlich nicht. Aber denen versuchen wir zu helfen, damit sie nicht um ihr Land und ihre Existenz bangen müssen, sondern wie am Jubiläumfest tanzen und Spass haben können. Die Menschen lachen so oft, weil sie nie alleine sind. Denn alleine lachen geht ja nicht – außer man guckt Jimmy Fallon´s Late Night Show.

Kinder bringen die Inder zum Strahlen

Kinder bringen die Inder zum Strahlen

Ein weiterer Grund für die allgemeine Heiterkeit sind die Kinder. In Indien wimmelt es nicht nur von Menschen, sondern im Besonderen von kleinen Menschen. Überall hat es Kinder. Im Schoss der Eltern, auf der Straße, in den Restaurants krabbeln sie herum, stolpern über meine Beine. Die Inder lieben ihre Kinder über alles, Verständlich, die Kinder sind auch die Rente. Ich würde die indischen Kinder auch lieben, denn sie sind nicht so ungezogene Gören wie in Europa, sondern zeigen vor den Eltern großen Respekt, reden den Vater sogar teilweise mit Sie an. Als ich Laxman, einem Arbeitskollegen erzähle, dass es in der Schweiz Restaurants gibt, die ein Kinderwagen-Verbot haben, fragt er zuerst, was ein Kinderwagen ist und dann, warum wir das tun?

Lachen ist ansteckend – deshalb lacht es sich in Indien besonders gut

Keine Sorge, ich werde der nächsten Frau, die mir begegnet kein Kind anhängen. Aber die indischen Kinder sind eine besondere Freude. Wenn ich jemals ein Kind habe, dann soll es bitte von null bis zehn Jahren ein indisches Kind sein, und erst dann ein westliches, wenn überhaupt. Die geschminkten Kids mit ihren Kleidchen sind einfach nochmals ein gewaltiges Stück süsser als die unsrigen. Die Kinder stecken mit ihrem Lachen an – und machen die Erwachsenen manchmal auch selbst wieder zu Kinder. Das passt zu mir. Ich bin schließlich auch noch nicht erwachsen und hege und pflege mein Kind im Manne.

Kollektives Lachen - leider ohne Ton, sondern nur als Bild

Kollektives Lachen – leider ohne Ton, sondern nur als Bild