Indien ist eine Wucht. Eine Wucht aus Menschen, Motorrädern, Müll, Reis, Kühen, Hunden, Affen, Bananen, Kindern, Hupen, Rikschas, Pilgern, Saris, Tatas und Tempeln. Ein unendliches Gewusel! Und dazu Linsen – also Dal – ohne Ende. Hier leben 1 220 000 000 Menschen. Doppelt so viele wie in Europa. Indien ist ein Chaos, das mich freundlich empfängt.

Ich bin nicht in Indien als Tourist, der nach einigen Wochen „voller Eindrücke“ und „Spiritualität“ wieder in seine westliche Komfortzone zurückkehren kann. Ich kann nicht aus einem klimatisierten Auto mit Fahrer aussteigen, meine Kamera auf einen Tempel halten (und mich wie andere Touristen darüber ärgern, dass ich beim Betreten des Heiligtums die Schuhe ausziehen muss). Nur um ich dann wieder in meinem Hotelzimmer auf eine Kloschüssel setzen zu können und mit warmen Wasser duschen. Einige westliche Menschen suchen in Indien Yoga und Spiritualität, andere Tempel und wieder andere Westler möchten aus unserer Überflussgesellschaft aussteigen und Verzicht lernen. Ich bin aber hier, um zu arbeiten. Ich leiste in diesem Land meinen Zivildienst. 180 Tage lang. Bei der indischen Entwicklungsorganisation Ekta Parishad, die mit Gandhis Konzept der Gewaltlosigkeit den Ärmsten hilft, ihr Land und damit ihre Existenz zurückzugewinnen.

Die "untouchables" Kühen essen alles - auch den Müll.

Die Kühe in Indien essen alles – auch den Müll.

Die Affen sind freche Diebe

Die Affen sind freche Diebe

Als ich meiner Familie und meinen Freunden verkünde, dass mein Arbeitsplatz demnächst 7000 Kilometer von meiner Heimat entfernt liegt, jubelt meine Mutter. Nicht weil sie mich los hat. Nein, sie ergreift die Chance, mit mir kur vor dem Einsatzbeginn zwei Wochen lang das Land zu bereisen. Die Bilder von unserem Trip Anfang bis Mitte Januar 2015 gibt es bei Instagram und Facebook. Meine Freunde sagen über meinen Zivildiensteinsatz in der Ferne: „Toll!“ Die, die schon in Indien waren geben Tipps. Die einen lieben es, die anderen hassen es. Meine Tanten und Cousins reagieren beim Familienfest ungläubig: „Man kann im Ausland Zivildienst leisten?“ Mein Onkel witzelt: „Urlaub auf Staatskosten“.

Farben, Chaos, Lärm - und lachende Menschen in den Städten

Farben, Chaos, Lärm – und lachende Menschen in den Städten

Ich hätte meinen Zivildienst in einem Seniorenheim leisten können. Alte Menschen im Rollstuhl durch die winterliche Schneelandschaft schieben. Doch der Schnee ist weg, die Hitze knallt mich weg. Ich bin in Indien kein Tourist, sondern ein Volunteer, ein Mitarbeiter bei einer Organisation, in einem normalen Büro. Ich weiß nicht mal, ob ich helfen kann? Für den Rest der Welt ist Indien ein Rätsel. Sie kennen Curry, Elefanten, Kamasutra vielleicht, den Taj Mahal, können indisches Englisch imitieren, mehr nicht.

Indien ist ein Tohuwabohu, das sich irgendwie zusammen hält und organisiert. Da passe ich gut rein. Ich weiss nicht, ob ich nach all den Reisen einfach mal in ein Land gehen wollte, das selbst Bibel-dicke Reiseführer nicht ergründen können. Die entlegensten Winkel der Welt sind bereits entdeckt. Als westlicher Bewohner der Erde liegt mir die ganze Welt zu Füssen. Nach Neuseeland und Peru gehen mittlerweile alle wie ich auf all den Facebook-Bildern meiner Freunde sehen kann. Bei Indien zögern aber doch einige. Zu viel Vorurteile, zu wenig Fakten, die aus dem gigantischen Land mit seinen unzähligen Bewohnern nach aussen dringen können.

In einem fremden Land zu arbeiten und in die Herzen von Menschen aufgenommen zu werden ist eine neue Herausforderung. Oder bin ich etwa hier wegen dem Bedürfnis, wirklich mal ehrliche Arbeit zu leisten. Und nicht nur der westlichen Konsumgesellschaft in die Tasche zu arbeiten. Es wird eine Geschichte, die nicht durch Erlebnisse, Touren und Ausflüge, sondern durch Alltag geprägt sein wird. Und nicht nur eine Reise in ein Land, sondern auch zu mir selbst.

Wo ist mein Koffer geblieben?

Am Flughafen ist mein Gepäck nicht da. Schließlich bleibt das Gepäckband leer stehen. Ich gehe zu einem Informationsschalter, hinter dem drei Beamte stehen. Zwei verziehen keine Miene, einer lächelt. Also frage ich diesen auf Englisch, wo mein Gepäck sein könnte. Der Mann versteht kein Wort. Ich zeige auf den Koffer eines Inders mit einem roten Turban, der wie ein Tintenfisch auf seinem Kopf liegt, dann auf mich, zucke mit den Achseln. Die drei Beamten reichen mir ein Formular mit 100 Feldern. Ich beginne mit dem Ausfüllen. Schließlich kommt ein Mann in einem weissen Leinenhemd und schwarzen hochgekrempelten Hosen, unter denen seine nackten Füße hervorlugen, angelaufen. Er spreizt die Finger seiner Hand und deutet an mitzukommen. In einer Ecke neben dem Gepäckband stehen mein Rucksack und mein Koffer. Mit einem Ruck, der etwas stark ausfällt wegen meiner Freude, hebe ich das Gepäck hoch. Der Inder hält hingegen seine Hand hoch und fordert Geld. Natürlich habe ich kein Geld, zumindest keine Rupien. „Dollars, Euros!“ Nein, auch keine Schweizer Franken. Ich laufe zügig zum Exit. Der Mann läuft mir nach, zieht leicht an meinem T-Shirt und öffnet immer wieder die Hand. Ich entdecke schließlich das rettende Schild mit meinem Namen darauf und werde mit Händeschütteln vom Fahrer empfangen.

Im Hintergrund der mächtige Tempel auf dem Rock Fort in Trichy

Im Hintergrund der mächtige Tempel auf dem Rock Fort in Trichy

Herzrasen bei der ersten Autofahrt

Der weiße Hyundai fährt aus der Millionenstadt hinaus. Plötzlich ist es dunkel. Wir biegen auf eine Landstraße ab, die es in sich hat. Die grellen Flutlichter der entgegenkommenden Autos lassen keine Sicht zu, nebenan überholen uns andauernd Motorräder, am Straßenrand gehen Menschen, die nur Schatten und kaum zu sehen sind. Ganz zu schweigen von den unzähligen Kühen und Hunden, die die Straße entlang trotten und rennen. Straßenlaternen gibt es keine. Den Willen, die normale Scheinwerferstärke zu benutzen anscheinend auch nicht. Der Fahrer macht munter mit, überholt auf der anderen Fahrbahn im Linksverkehr, überholt rechts und links, weicht wenige Millimeter den Autos auf der Gegenfahrbahn aus. Ich atme einige Male hörbar auf. In Indien sprechen die Autos miteinander – in Form von Hupen. Es zieht mir kurz ganz den Hals zusammen, und ich spüre, dass der Puls schneller schlägt. Es wird andauernd gehupt. Beim Überholen, beim Fahren, einfach immer. Dabei gibt es verschiedene Hup-Intervalle: Zweimal beim Überholen, einmal beim Vorbeifahren und permanent vom Bus, der wie ein Traktor alles niedermähen möchte, was sich in den Weg stellt. Das Hupen des Busses nenne ich Alarm-Hupen. 

Ich frage den Fahrer, wie er die Straße erkennen kann, wenn das Flutlicht der entgegenkommenden Autos eine Lichterwand bildet, die erblindet. Er sagt mir lächelnd: „Ich stelle mir vor, wie die weiße Mittellinie weitergehen könnte und fahre dementsprechend!“ Ich nicke und denke, Gott sei Dank habe ich keinen Führerschein und es wird mich in Indien niemand nötigen können, auf diesen Straßen zu fahren. Der Fahrer lacht und erzählt mir sein Motto: „In India, you need a good break, a good horn and good luck!“ Okay, alles klar.

Schließlich bin ich in meiner ersten indischen Unterkunft im Bundesstaat Tamil Nadu. Bei Einschlafen denke ich daran, dass ich nun mehrere Monate hier bleibe und meinen Zivildienst absolvieren werde. Ein kleiner laubgrüner Frosch hüpft durch mein Zimmer und wünscht mir quakend gute Nacht.

Tempel - die Kirchen Indiens (zumindest von den Hindus)

Tempel – die Kirchen Indiens (zumindest von den Hindus)