Natürlich wohne ich in Indien wieder in einer WG. Es ist nun schon meine vierte, seit ich mit zwanzig Jahren von zu Hause ausgezogen bin. Aber ein Vergleich mit meinen bisherigen Wohnstätten erscheint unmöglich! Meine WG ist nicht nur ein Zusammenprall von zwei völlig verschiedenen Welten, sondern dazu noch von fünf Charakteren, fünf Lebensabschnitten und fünf Schicksalen. Was uns verbindet: Das Geschlecht und die Arbeit. Wir sind eine reine Männer-WG. Indische Entwicklungshelfer und Schweizer Zivildienstleistende, die Entwicklungshilfe leisten wollen. Eine indische Großfamilie ohne Oma, Ehefrau, Tochter und Sohn im Haus. Wobei jeder meiner Mitbewohner Vater oder Kind zugleich ist.

Zuhause als Gast

Im Guesthouse tut sich Behaglichkeit auf, wenn Laxman kocht und dazu singt. Mein Arbeitskollege, Mitbewohner und Fremdenführer ist mir ans Herz gewachsen, eben, weil er singt und ein quietschendes Lachen hat. Dazu ist er hilfsbereit und geduldig mit all meinen Fragen. Ich bin auch geduldig mit ihm. Wenn Laxman mit einem Handtuch um die Hüften und einer Daunenjacke um den Oberkörper durch die Wohnung tanzt und nicht mehr aufhört zu reden. Er erinnert mich in solchen Momenten an einen überschwänglichen Teenager, bei dem es schwer vorzustellen ist, dass er selbst zwei richtige Kinder hat. Eine Springmaus mit Schildkrötengesicht. Und einem Kichern, das mich zum losprusten bringt und einen ganzen Abend überdauern kann.

Laxman und Ashish

Laxman und Ashish

Morgens geht es im gleichen Tempo weiter: Ich träume noch von Käse oder einer seit Monaten fehlenden Berührung einer Frau. Ohne ein Klopfen wird die Zimmertür aufgerissen und einer meiner indischen Mitbewohner läuft gestikulierend und Hindi-ballernd mit dem Taschentelefon ans Ohr gepresst durch mein Zimmer auf den Balkon. Oder holt die Wäsche. Oder tut beides gleichzeitig. Ich muss darauf achten, dass ich beim Aufstehen nicht auf der Wasserlache ausrutsche. Es läuft immer und jederzeit etwas in der WG, und meistens läuft auch jemand durch mein Zimmer, und es schläft oft jemand in meinem Zimmer. Was heisst schon mein Zimmer? Unserem Zimmer. Wichtigste Regel: In Indien gehört allen alles. Immer wieder schlafen temporäre Zimmergenossen im zweiten Bett in meinem Zimmer, welches ich dann frei räume. Ansonsten dient es mir als Kleiderschrank. Einige lerne ich am gleichen Abend kennen. Wie in einem Hostel. Ruhe ist in einer indischen WG kostbares Gut. Das Stille Örtchen hat in Indien keinen Anspruch auf diese Bezeichnung. Selbst wenn ich auf dem Klo sitze, platzen Leute rein. Das ist so absurd, dass ich lachen muss. Meine Mitbewohner lachen wie ein Spiegelbild zurück. Aber lieber ein lachendes Spiegelbild als ein verärgertes. Meinen neuen Freunden kann ich diese Direktheit nicht übel nehmen nehmen. Das Reinplatzen kommt von Herzen. Wie ihre Freundschaft. Sie platzen in mein Zimmer, sie platzen in mein Herzen.

Wie alle Inder sind wir auch eine Großfamilie, obwohl wir weder verwandt sind noch all zu gleich aussehen. Alle wohnen unter einem Dach. Wir sind ein Clan. In Indien ist es aus wirtschaftlichen Gründen kaum möglich, als Familie nicht unter einem Dach und im gleichen Zimmer zu wohnen. Kein Wunder schlafen die Inder wie Murmeltiere. Laxman geht immer früh ins Bett – und egal, in welcher Lautstärke wir draussen Musik hören, nach fünf Minuten ist ein gemütliches Schnarchen aus dem offenen Zimmer zu hören. Inder können überall und jederzeit schlafen. Selbst auf einem Bahngleis, wo alle fünf Minuten ein Zug vorbei donnert oder in der Trommelekstase eine Tempels. Ich habe auch schon Rikscha-Fahrer gesehen, die neben einer Hauptstrasse ihren Mittagsschlaf verrichteten.

Singen und Essen in der Männer-WG

Kochen ist unser abendfüllendes Abendprogramm: Die Inder kochen den Reis im Dampfkochtopf doppelt so lange als wir Europäer. Dazu wird wie üblich Dal zubereitet. Wenn wir noch Chapati essen, bereiten wir Teig zu, rollen ihn aus, legen jedes einzelne Stück auf die Pfanne bis sich ein kleiner Ballon bildet. Das Kochen für den Dinner dauert ein bis zwei Stunden. Da meine Kochkünste auch ansonsten nicht überragend sind, muss ich in Indien erst recht passen. Ich versuche Laxman mit dem Schälen von Zwiebeln und Kartoffeln zu unterstützen. In Indien gibt es keine Tiefkühlpizza und sonstigen Fastfood aus der Kühltruhe. Keine Spaghetti tagein tagaus wie sonst in Männern-WG´s. Dafür gibt es tagein tagaus Dal. Diese Speise kenne ich noch nicht so gut. Deshalb schmeckt es jedes Mal wieder anders lecker.

Während ich noch am letzten Bissen kaue, steht der erste Mitbewohner bereits vom Tisch auf. Sobald sie einzeln zu Ende gegessen haben, verlassen sie nacheinander den Tisch. Schneller als in einem Take-away-Stand. Das ist nicht unfreundlich, sondern indisch. Nach der Mahlzeit redet Laxman einige Worte Hindi mit mir. Er ist müde, mag kein Englisch mehr reden. Am liebsten drückt er sich sowieso mit Gesang aus und stimmt zu jeder Tages- und Nachtzeit ein Lied an. Doch nicht nur seine weiche Stimme beflügeln die Lieder, sondern auch seine Gestik: Mit ausgebreiteten Armen, tadelnden Fingern oder überspitzten Hundeblicken unterstreicht Laxman die Botschaft der Lieder wie ein Kathakali-Tänzer, die Darsteller in den traditionellen Strassentheater Indiens.

Laxman ist in Parwar im Staat Madhya Pradesh aufgewachsen und stieß nach einem Jugendcamp im Jahre 1991 zu Ekta Parishad, nachdem er Rajagopal  P.V.  getroffen hatte. In seinem Dorf wurden seine Adivasi-Familiealso die von den Ureinwohnern abstammenden Indern, wegen eines Staudammprojekts ohne Entschädigung von ihrem Land vertrieben. Laxman macht gemeinsame Sache mit Ekta Parishad, weil er und seine Familie betroffen sind. Die größte Überzeugung, die ein Mensch für seine Arbeit aufbringen kann. Die Sprachbarriere hat er überwunden, versteht und murmelt Englisch. Laxman ist Anfang vierzig, hat zwei Söhne und eine Frau in seinem Heimatdorf. Er sieht sie oft wochenlang nicht. In der WG hat er sturmfrei und tobt sich aus. Die Jungs sind tatsächlich noch Jungs. Sprüche klopfen, Mitbewohner ärgern und nette Bissigkeiten austauschen. Ich fühle mich aufgehoben und verstanden im Schosse meiner indischen Großfamilie.

Das Guesthouse ist ein Zoo wie auch Indien ein Zoo ist. Viele verschiedene Tierarten tollen sich im Käfig, manchmal zusammen die Beute verspeisend, manchmal fauchend. Sind viele Gäste bei uns zu Hause, legen wir Zeitungen aus und essen auf dem Boden. Nach einem langen Essen folgen oftmals noch längere Gespräche über die Liebe und das Leben. Und über Gott und die Welt. Im wahrsten Sinne des Worts. Laxman hält jedes Mal kurz inne, wenn er an einem Tempel vorbei läuft. Wir sind verbunden durch Gespräche, geteilt durch eine andere Kultur. An meinem Handgelenk sind die Bändel vom Fusion-Festival, an seinem die Bändel eines Tempels.

Jeden Tag Männerrunde

Jeden Tag Männerrunde

Blind-Hochzeit

Der Jüngste im Bunde – Vinod – liebt es Filme für Ekta Parishad zu produzieren. Er hat ein MacBook, ein hervorspringendes Lachen und ein kleines Tattoo am Hals. Er mag den Westen. Deshalb passt ihm seine bevorstehende Hochzeit in zwei Wochen gar nicht in den Kram. Zumal er seine künftige Frau weder je gesehen noch gehört hat! Als er mir das zum ersten Mal erzählt, denke ich, ich habe nicht richtig gehört oder sein Englisch missverstanden. Eine Heirat mit einer Person, die man nicht kennt! Aber Vinod tut es für seine Familie. Und sagt, ich solle auf jeden Fall zur Hochzeit in der Nähe von Delhi kommen. Alle seine Freunde sollen da sein. Also zählt er mich bereits dazu. Seine Arbeitskollegen sowie die Zivildienstleistenden sind seine Familie. Einen neuen Familienzweig mit mit einer Frau will er mit 27 Jahren noch gar nicht aufbauen. Ein Blind-Date ist ja das eine, aber eine Blind-Hochzeit… Das begreife ich wohl erst, wenn ich an seinem Fest sein werde. Vinod ist freiheitsliebend und mag nicht in geschlossenen Räumen schlafen. Deshalb pennt er im Wohnzimmer. Wie eine Mumie mit Decke über dem Kopf. Das Licht lässt er jede Nacht brennen, der Ventilator läuft ebenfalls auf Hochtouren. Trotz der nächtlichen Kälte. Treffen mein Finger mal wieder den falschen Off-Knopf auf der Mini-Klaviertastatur von Schaltern, und der Ventilator geht aus, wacht Vinod auf.

Champs-Élysée in Indien

Manchmal komme ich nach Hause, schließe die Türe auf und sage: “Bonjour, je suis à la maison”. Nicht etwa, weil ich meine verflossene Liebe aus Paris vermisse, sondern weil hier auch noch Ashish wohnt. Ashish ist mein Franzose. Weil er diese Sprache lernt und jeden Tag dafür büffelt – zu Hause und dreimal pro Woche in der Sprachschule. Für Ekta Parishad leitet er Führungen für internationale Supporter durch die Dörfer. Village Tourism nennt er das. Die Besucher stammen dabei oft aus Frankreich. Obwohl ich unsere zweite Landessprache kläglich schlecht beherrsche, führe ich mit ihm immer wieder französische Konversationen, bis wir auf Weltsprache wechseln. Als ich am ersten Abend mit Ashish am Tisch saß, dachte ich, er sei etwa gleich alt wie ich und noch Junggeselle. Weit gefehlt. Ashish ist doch ein paar Jährchen älter als ich. Am Morgen kämmt er sich die Haare, während ich bemerke, dass ich mein Haargel seit der Ankunft in Indien nicht mehr angerührt habe. Einmal habe ich morgens die Haare von Laxman mit meiner Hand gestreift – und hatte danach schwarze Finger. Er schüttet sich fast jeden Morgen Haarfärbemittel in seine Haarpracht. Meine Haare werden zwar auch langsam grau, doch die Tube mit der Farbe erinnert an ein Waschmittel. Ich rühre sie wohl lieber nicht an.

Die Familie von Ashish wohnt acht Stunden von Bhopal entfernt. Seine Frau erwartet das zweite Kind. Mit dem bescheidenen Gehalt eines Sozialarbeiters (rund 100 Franken oder Euro pro Monat) unterstützt er nicht nur Frau und Kind, sondern auch seinen Bruder. Dazu noch seinen Vater, der von der Landarbeit in seinem Dorf kaum leben kann. Bei den Indern sind solche Umstände, die wohl auch manchmal belastend wirken, schwer herauszuhören. Es klingt mehr nach Nostalgie als nach Schicksalsschlag. Asish und Laxman klagen nicht über ihr Leben, sondern sie lachen lieber über das Leben. Ashish ist Hindu und glaubt wie die meisten Inder an Karma. Er fügt sich dem gottgegebene Zustand und macht höchstens Vorwürfe an sich und auf keinem Fall an seine Familie. Die Familie steht über allem und verdient den größten Respekt. Die Inder haben den Umgang mit unterdrückten Gefühlen gelernt. Bereits bei der Heirat. Manchmal spritzen Gefühle aber wie ein Geysir raus und entladen sich in verschiedensten Ausprägungen: Wut, Alkohol, Religion, Beruf oder Zweifel. Die Inder sind nicht in ihrer äusseren, sondern innern Welt manchmal gefangen. Die Religion ist nicht Opium fürs Volk, sondern Ventil für das Leben. Ashish ist neugierig, erzählt überschwänglich von seinem Französisch-Kurs und schiebt bei jedem Satz ein kleines Lachen nach. Bis er beginnt zu singen. “Oh, Champs-Élysée”, mit mir im Chor.

Empfangskomiteee

Ein indisches Empfangskomiteee inmitten tropfender Wäsche

Trotz dieser Unterschiede, nicht nur vom Alter, sondern auch vom Background, sind wir eine Horde Jungs, die mal im Arbeitslager, mal im Ferienlager stecken. Ein verschworener Haufen von Arbeitskollegen, Mitbewohnern und Freunden. Seit ich in Indien bin glaube ich immer mehr an Karma und bin überzeugt: Gute Menschen ziehen gute Menschen an. Auch länderübergreifend. Ich verbringe sieben Tage 24 Stunden mit der gutmütigen Bande. Beim Arbeiten, beim Essen, beim Ausgehen in den eigenen vier Wänden, beim Filme gucken, beim Essen, beim Musik hören, beim Abhängen, beim Weinen, beim Lachen, beim Schlafen. Fünf Leute in einer Wohnung. Weil wir so viel Zeit miteinander verbringen, ist unsere Freundschaft fast forward gewachsen und nach wenigen Tagen beschlossene Sache. Wir haben das gleiche Schicksal an der derselben Adresse. Die Arbeit für eine Entwicklungsorganisation vergleicht mein Mitbewohner Vinod mit dem Militärdienst. Man wird immer wieder an verschiedene Einsatzorte geschickt, weit weg von der Familie, hin zu fremden Menschen, die zu Freunden werden. Wäre ich nicht in den Zivildienst, hätte ich Militär machen müssen. Nicht mit Indern, sondern mit St.Gallern und Wallisern.

In Indien bin ich 18 Jahre alt – auf dem Foto zumindest

Als ich mit Laxman vom Einkaufen auf dem großen Markt nach Hause gehe, umschließt er mit seiner Hand plötzlich meine Hand. Wir laufen Hand in Hand. Ich denke: „Mhm, er hat eine Frau und Kinder…“ Am nächsten Tag weiss ich: bhai´s  – Brüder – laufen in Indien in guten Momenten, wenn die Freundschaft so spürbar ist wie vor einem Lagerfeuer, einfach Hand in Hand.

Familienfoto mit Photoshop-Exzess

Familienfoto mit Photoshop-Exzess – eigentlich hätte es nur ein Passfoto von mir für die Registrierung werden sollen