Ich bin im so genannten goldenen Dreieck Indiens unterwegs. Rajasthan-Delhi-Agra. Die meisten Touristen, die Indien besuchen, fahren diese Route mit einem Chauffeur ab. Rajasthan bietet mit seinen mächtigen Festungen, den verzierten Palästen wie aus Tausendundeinernacht am meisten. In jedem Reiseführer nimmt der Staat, der die Einwohnerzahl Italiens hat, den meisten Platz ein. Die Hauptstadt Jaipur, „rosarote Stadt“ genannt, oder Jodhpur, die „blaue Stadt“, mit ihrer riesigen Burg; Udaipur, das „Venedig Indiens“. Die Wüste Thar mit den Kamelen. In Rajasthan gibt es wahnsinnig viel zu bestaunen. Eben halt so viel wie in Italien auch – mindestens.

Kitschige Pedalos für die Touristen in Mount Abu.

Kitschige Pedalos für die Touristen in Mount Abu.

Weil ich nicht viel Zeit habe, frage ich Ashish, meinen Mitbewohner, wo ich hin soll. Er schreibt mir fein säuberlich einen Reiseplan: „All day visit Orcha, evening going to Jhasi, stay in train in night…. Udaipur stay in hotel in night. Afternoon going to Mount Abu by bus stay in night in hotel.“ Ich frage Ashish: „Wo zum Teufel ist Mount Abu“. Er zeigt an den unteren Zipfel von Rajastan. Gleich neben der Grenze zu Gandhi´s Heimatstaat Gujarat, aus dem auch Premierminister Narendra Modi kommt. „Was gibt es dort zu sehen? Warum soll ich hin fahren?“, löchere ich meinen Kumpel weiter. „Very famous tourist place!“, sagt Ashish. Ich habe noch nie davon gehört. Dann fügt Ashish an: „Really nice, cold weather!“ Oh ja, das wäre schön. Schliesslich beträgt die Temperatur draussen 48 Grad! Wenn ich mich vom offenen Kühlschrank lösen muss und das Haus verlasse, verschlägt es mir den Atem. Es ist wirklich und eben wörtlich so warm wie in einem leicht erhitzten Backofen oder einer Sauna. Ich schaue nochmals auf mein iPhone, um sicher zu gehen: 48 Grad! Da hilft nur noch verschleiern wie ein Beduine in der Wüste.

Als wir in Mount Abu ankommen und aus dem Bus steigen, fällt als erstes auf, dass es hier weder Auto- noch Velo-Rikschas gibt, sondern Leute, die Besucher mit Handkarren zum Ziel bringen. Das ist meiner Begleiterin und mir unangenehm. Wir laufen. Weil Mount Abu auf 1200 Metern liegt, ist es tatsächlich kälter. Angenehme 35 bis 40 Grad. Ashish hatte nicht zu viel versprochen. Die Strassen sind voll gestopft mit Touristen. Optisch fallen sie nicht auf. Es sind allesamt Inder. Mount Abu ist beliebt bei Frischverheirateten und Pilgern. Und Mount Abu ist der einzig echte Höhenkurort in Rajasthan. Im Juni ist wegen der frischen Brise und den Feiertagen Hochsaison.

Romantik pur für die Flitterwochengeniesser.

Romantik pur für die Flitterwochengeniesser.

Nachdem wir unser Gepäck abgelegt haben, schlendern wir durch das Städtchen, das nun brechend voll ist mit Menschen. Auf der Strasse ist wegen den vielen Autos kein Durchkommen. Jedes Restaurant ist brechend voll, Kinder rennen durch die Strassen. Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen: Die meisten Männer in Mount Abu sind betrunken. Weil viele Besucher aus dem Nachbarstaat Gujarat, der mit dem Auto in Kürze zu erreichen ist, stammen. Gujarat, Gandhis Heimat, ist ein „dry state“. Nirgendwo gibt es Alkohol zu kaufen. In Mount Abu hingegen schon. So hocken die Väter wohlig angesäuselt im Restaurant, während die Kinder im 7D-Cinema einen Film schauen oder Eis schlecken, während die Mutter einen neuen Sari shoppt.

Als wir um den See spazieren, stoppt ein weisser Suzuki vor uns. Ein Mann, eine Frau, ein Teenager, ein Kind, noch ein Kind und eine Oma steigen aus. Sie laufen auf uns zu. Ich schiele auf das Schild am Wagen: GJ (Gujarat). Der Mann lächelt verlegen und fragt in kaum verständlichem Englisch: „Can we take a picture with you?“ Ja klar! Dafür extra den Wagen gestoppt. Wie süss! Wir posieren für die liebe Familie, die sich ganz fein bedankt und dann abrauscht. Was die wohl mit dem Foto machen? Einrahmen und neben den Fernsehern stellen? Wie viele Bilder von mir kursieren schon in Indien? Bin ich in einem Familienalbum verewigt? Gleich neben der Hochzeitfotos?

Ein zusammengewürfeltes Karussell.

Ein zusammengewürfeltes Karussell.

Mount Abu erinnert an Titisee-Neustadt im Schwarzwald, hat aber wegen dem Kitsch und der Horde subtil betrunkener Jungs auch einen Hauch von Las Vegas . Es ist ganz angenehm und friedlich in Mount Abu, besonders vorne am japanisch klingenden Nakki-See. Am Sunset Point ist es aber wegen den vielen Flitterwochengeniesser und Strassenverkäufer ziemlich laut. Also ab auf den See. Ganz romantisch mit einem Riesenschwan! Wir treten in die Pedale, die Sonne geht unter und taucht den spiegelglatten See in rötliches Licht.

Am Abend geht der Trubel in Mount Abu erst richtig los! Nach dem Essen entdecken wir einen Vergnügungspark. Ich schiesse mit einem lotterigen Gewehr auf nackte Barbie-Puppen, gehe an einem Karussell vorbei, das aus zusammengewürfelten Plastikautos gebaut wurde und kaufe mir einen glitzernden Sticker vom Affengott Hanuman. Eine kleine Achterbahn ist auch da. „Grosse Klasse!“ findet meine Begleiterin und wir drehen eine Runde. Die fleissigen Gujaratis haben nur am Sonntag Zeit und wollen den Feiertag auskosten. Und weil sie immer als Grossfamilie ankommen, braucht es für jedes Mitglied etwas im Angebot: Alkohol, Karusselle, Sari-Shops, Restaurants, Spielcasino, Kino und Pedalos. Wir gehen zum Abschluss ins 7D-Kino, dessen Stühle wackeln, Schnee und Wasser ins Gesicht spritzt, Nebel sprüht und Explosionen im Ohr krachen.

Wandern ist hier nicht ganz ungefährlich, dafür wunderschön.

Wandern ist hier nicht ganz ungefährlich, dafür wunderschön.

Es ist noch dunkel, als wir am nächsten Morgen für unser Hiking aufbrechen. Wie der Name sagt liegt Mount Abu auf einem Berg, und unweit des Sees geht es Hunderte von Meter weit hinunter. Dazwischen sind Klippen, Bergspitzen und kleine Höhlen. Unser Guide kommt aus einem Dorf und spricht kein Englisch. Dafür aber Harsch, der Student, der uns bei der Ankunft seine Visitenkarten in die Hand gedrückt hat. Er organisiert im Sommer solche Touren für Touristen. Ohne Führer soll man nicht wandern gehen – steht im Führer. Es kann sein, dass man Leoparden oder Bären begegnet – oder viel wahrscheinlicher Räubern. Vor denen bietet ein Einheimischer Schutz.

Ich krieche durch eine Höhle, bestaune seltsame Sträucher und schliesslich landen wir bei einem Tempel, der in den Fels hinein gebaut ist. Und anscheinend so alt sein soll wie der Hinduismus selbst. Als ich beim Priester vorbei komme, meint er, ich solle neben ihm Platz nehmen, plaudert mit mir auf Englisch und segnet so ganz nebenbei Dutzende Pilger, die sogar den Felsgängen hindurch kriechen müssen, um zum Heiligtum zu gelangen. Dann geht es Hunderte von Stufen hinab und ich stehe wieder im lärmigen und überfüllten Dorfzentrum von Mount Abu. Nach dem Wandern überlege ich mir, ob ich mir einen Fisch Spa gönnen soll. Doch neben dem Aquarium anstatt darin zu stehen ist viel unterhaltsamer. Mount Abu ist Entertainment pur, besonders für einen raren Touristen aus dem Westen. Titisee-Neustadt auf indisch ist ein Besuch wert.

Zum Totlachen - der Fisch Spa.

Zum Totlachen – der Fisch Spa.