Ich war drei Monate in Indien unterwegs. Auf meinen Reisen werde ich ein Erlebnis bestimmt niemals vergessen: Den Dreier unter freiem Himmel, den ich beobachtet habe. Oder die beiden Frauen, die sich vor meinen Augen gegenseitig befriedigt haben. Mitten in Indien! Dem Land, in dem Frauen mit Saris bedeckt sind und Händchen halten in der Öffentlichkeit tabu ist. Der Ort dieser hemmungslosen Freizügigkeit trägt den Namen Khajuraho. Das ist keine Hippie-Pilgerstätte, sondern ein Dorf mit einer Ansammlung von Hindu-Tempeln aus dem 10. bis 12. Jahrhundert im Hinterland von Madhya Pradesh. An diesem heiligen Ort gibt es Oralsex, Masturbation, Sodomie und Gruppensex in allen Formen und Variationen. „Die sieben Hindu-Tempel sind von der künstlerischen Ausfertigung meisterhaft gehauen, aber manche der Steinskulpturen sind extrem unsittlich und anstossend“, schrieb der junge, aristokratische Offizier T.S. Burt an die Queen, als die Briten 1838 die Tempel in einem abgelegenen Dschungel entdeckten. Obwohl die Kolonialherren peinlich berührt waren, befreiten sie die Bauten in minutiöser Restaurierung vom Dickicht und würdigten damit die höchste, architektonische Leistung der Chandella-Dynastie.

Die Tempel in Khajouraho sind nicht nur wegen den nackten Figuren anziehend, sondern auch wegen der unglaublichen Fertigungskunst.

Die Tempel in Khajouraho sind nicht nur wegen den nackten Figuren anziehend, sondern auch wegen der unglaublichen Fertigungskunst.

Warum die Chandellas bereits vor über 1000 Jahren derart explizite Sexstreifen zeigten, bleibt ein Rätsel. Es gibt keine Erklärung für den Sinn und Zweck der Darstellung von hemmungslosen Dreiern, Saufgelagen, Oralsex mit Kuhkopf-Torsos oder gleichgeschlechtlichen Akten. Einige Akademiker verweisen auf Tantra, andere behaupten, dass die freizügigen Skulpturen die Götter zerstreuen, unterhalten  und ablenken sollten, damit sie nicht zornig werden und die Menschen bestrafen und deren Tempel zerstören. Ich bin fasziniert von dem in Stein gemeißelten Porno mit den komplizierten Verrenkungen, welche die Figuren in gewissen Stellungen ausüben.

Obwohl ich Audio Guides meide, ist dieser von den Tempeln aus Khajuraho verblüffend gut gemacht. Wie in einem Märchen – untermalt mit fernöstlicher Musik – berichtet die zarte Stimme eines Inders über die Erotiktempel. Ab und zu grinst der Erzähler verlegen, während er einen Dreierakt so taktvoll wie möglich zu beschreiben versucht: „A young lady of heavenly beauty supporting them…“ Dank dem Audio Guide entdeckt man auch verborgenen Figuren, die man ohne Beschreibung nie sehen würde; etwa einen Elefanten, der ein Paar beim Akt verstohlen zu grinst. „One elephant is looking to the rrrright. And if you look patiently, you will discover his little smile. Something is engaging his attention!“, sagt die Stimme. Aber nicht nur die explizite Erotik ist faszinierend, sondern genauso die hohe Kunstfertigkeit der Figuren. Sie wirken dreidimensional, fast lebendig. Ich entdecke sorgfältig gearbeiteten Schmuck an den Hangelenken, Frisuren und sogar manikürte Fingernägel. Im orangen Abendlicht scheinen es die Figuren wirklich zu „treiben“.

Ich begegne zwei jungen Touristen aus Düsseldorf. Künstler. Sie scheinen genauso fasziniert zu sein und versuchen die Farbschattierungen der Figuren im Innern der Tempel mit der Kamera festzuhalten. Ein Westler ist in Khajuraho umso mehr erstaunt, da die skulpturale Kunst aus dem 10. Jahrhundert in unseren Breitengraden aufgrund des oft diskutierten Ikonoklasmus eine formelhafte Reduzierung aufweist und nie diese ausdifferenzierte Mimik der Steinfiguren aus Khajuraho erreicht. Trotzdem versteht Tom nicht, warum so ein groses Aufsehen um die indischen Erotiktempel gemacht wird. „Das war für die Chandellas damals wie für uns heute ein Technoclub“, sagt er. In diesen Tempeln wurde alles hemmungslos gezeigt und vielleicht sogar – durch die Figuren inspiriert – gelebt. In dem dichten Dschungel zwischen den Tempeln. Zwischen dem engen Gemäuer der Anlagen. „In Berlin strömen Hunderte von Menschen jedes Wochenende ins Berghain und konsumieren Alkohol, Sex und Drogen“, erklärt Tom seine These. Eine Provokation der Gesellschaft. Die Chandellas hatten dafür ihre Tempel, in denen sie das Leben so lebten, wie es wirklich war und eben nicht vordergründig fromm und gottesfürchtig. Damals wie heute sind und bleiben wir Menschen gleich. Dem Dunklen und Verbotenen verfallen.

Sureal wirken die Tempel in diesem englischen Garten. Wie auf einem anderen Planeten.

Sureal wirken die Tempel in diesem englischen Garten. Wie auf einem anderen Planeten.