Mit dem gleichen Zug fahre ich zurück nach Delhi – dem Mihat Express. Das Wort Express ist ein Affront. Der Zug rast einige Meter und steht dann einige Stunden. Der Mihat Express schlägt seinen eigenen Rekord. Ich komme diesmal mit neun Stunden Verspätung in Delhi an. Mitten in der Nacht. Ich kann meine Augen noch bis zu einer Rikscha offen halten und murmle „Hotel“. Am nächsten Morgen wache ich in einem hellen Hotelzimmer mit Balkon und Wifi auf – sowie genügend Platz, meine Yogaübungen zu machen. Ich hatte in meinem Schlafwandel Glück gehabt. Ich bin wieder in der Hauptstadt. Delhi ist ein Riesenmonster, das schlechte Luft speit, manchmal Feuer spuckt, an dessen Rücken die Reichen immer weiter hoch krabbeln, während die Armen von seinen Füssen zertrampelt werden. Trotzdem habe ich Delhi in mein Herz geschlossen. Die Stadt ist ein Aquarium, in dem sich alle Gesellschaften vereinen und ein Panoptikum unserer Welt, in dem sich alle Herausforderungen unserer Zeit versammeln.

Bin ich in Europa oder in Indien?

Am Abend fahre ich den Süden der Stadt nach Hauz Khaz Village. Der Komplex ist die schickste Adresse in Delhi und das Ausgehviertel der Stadt. Hier reiht sich eine Bar an die andere, zwischendrin befindet sich ein Organic Food Shop und ein Aryuveda-Laden. Mohsin hat mir den Kontakt einer Freundin gegeben, die mich vor dem Eingang eines Clubs abholt. Shibani, die kleine Frau mit der übertriebenen Schminke, dem Tütü-Rock und den Ballerinas fragt: „Bist du David?“ Im Social Club findet heute eine Levis-Party mit einem angesagten DJ aus Delhi statt. Die Gästeliste ist lang. Aber Shibani kennt hier alle und zieht mich durch das Gedränge zur Bar, wo sie mich ihren Freunden vorstellt. Sie sagt, ich stamme aus der Schweiz. Ein Typ mit einer Fliegeruhr am Handgelenk sagt, er sei schon in Genf und in Lausanne gewesen. Ein Mädchen meint, sie habe über die Schmuckmesse in Basel vor Ort berichtet. Ich treffe hier auf Leute, die sich eine Reise in der Schweiz leisten können. Sie trinken Drinks für 15 Franken, rauchen Zigaretten, tragen modische Kleider und tanzen ausschweifend, obwohl erst elf Uhr nachts ist.

Das ist sie also: Die Jeunesse dorée von Dehli. Der DJ legt ganz anständigen Elektro, die Frauen tragen Röcke oder eng anliegende Jeans, die Jungs Poloshirts oder Hemden mit farbigen Mustern. Als ich einen Moment lang die Augen schliesse, die Lichter auf meinen Lidern tanzen, vergesse ich, dass ich in Indien bin. Shibani holt mich aus meinem nächtlichen Tagtraum: „Wir gehen noch in einen anderen Laden“, meint sie. Der Weg dahin ist eine hoffnungslos verstopfe Strasse voller Mercedes, BMW´s und Porsche Cayennes. In der Mitte der Strasse zwängen sich Rikschas hindurch. Shibani ist schon etwas angetrunken, telefoniert andauernd und ruft den Leuten in den Autos mit einem HR oder UP-Schild irgendwelche lustigen Worte auf Hinglish zu. Haryana und Uttar Pradesh sind beiden Staaten rund um den Stadtstaat Delhi. Also auch hier: Die Landeier fahren Samstagnacht in der Stadt ein und nehmen die Clubs in Beschlag. Nur sind es in Indien nicht Hunderttausende, sondern nur ein paar Hunderte, die sich hier einen Drink leisten können, der einen Drittel wenn nicht sogar das ganze Monatseinkommen der meisten Inder ausmacht. Feiern ist in Indien hochexklusiv und einem kleinen Promille-Anteil der Bevölkerung vorbehalten.

Delhis jeunesse dorée

Das Summerhouse Café ist neu und deshalb rappelvoll. Der Türsteher winkt mich durch, ich gehe die Treppen hoch und schlängle mich durch das Gedränge, einige Leute betrachten mich von Kopf bis Fuss. Sie trinken Kingfisher-Bier oder Drinks, rauchen Zigaretten und wippen mit den Köpfen zur Musik. Die Frauen sind auffallend hübsch. In der Schweiz wäre mir dieser Schicki-Micki-Club zuwider. Doch jetzt überlege nicht mehr allzu lange, weil ich bereits wieder ein Kingfisher in den Händen halte. Dann gehen die Lichter an. Obwohl der Club voller Menschen ist schliesst er um halb ein Uhr nachts. „Wir starten um diese Uhrzeit unsere Samstagnacht“, sage ich. Shibani verdreht die Augen: „Government – Staat!“, erwidert sie. Wir stehen draussen. Shibani telefoniert und sagt: „Keine Sorge, es geht gleich weiter im Programm.“ Sie will mir beweisen, wie ausschweifend die Delhianer feiern können.

Schliesslich steigen wir zu sechst in ein Auto und fahren die wuchtigen Strassen entlang in eine Colony. So nennt man die Wohnquartiere, die mit einer Mauer und Wächtern geschützt sind. Ich steige aus und falle fast in einen stinkenden Bach auf dem Abfall treibt. Als ich mich umdrehe, stehe ich aber vor hohen, mit Scheinwerfern beleuchteten Villen. Wir gehen auf ein weisses, mehrstöckiges Haus mit zwei Säulen am Eingang zu. Im Garten sitzen Leute mit Bierflaschen in der Hand, lachen und hauen sich auf die Schultern. Shibani deutet im Wohnzimmer mit dem glänzenden Marmorboden auf eine Ecke hin, wo ein Junge aus einem Holzschrank Whiskeygläser zieht und mit Wodka und Cranberry-Saft auffüllt. Ich kriege eins in die Hand und gehe nach draussen in den Garten.

Ich beginne mit einer Französin zu sprechen, die einen farbigen Rock und ein grünes Bandana trägt. . Ihr Gesicht ist weiss, ihre Lippen rot. Sie studiert Modedesign in Delhi. Nach einigen Minuten stellt sich ein Typ zu ihr und legt kurz seine Hand auf ihre Schultern. Würde er andere Klamotten tragen, könnte man ihn für den Sohn eines Scheichs halten. Ich blicke nach unten. Dort hängt aber kein kleines Schwert an seiner Hüfte. „Was machst du in Indien?“ fragt er. Ich erzähle von meiner Arbeit für die Entwicklungsorganisation und verhasple mich. „Ich fühle mich gerade etwas seltsam“, sage ich. „Letzte Woche war in Bihar in den Dörfern um einen Report über die Probleme dort zu erstellen. Jetzt feiere ich hier mit euch. Ich habe ein schlechtes Gewissen“, stottere ich. Der Typ legt eine Hand auf meine Schulter und lächelt freundlich. Die beiden sind verdammt nett.

Auch mal Gutes tun

„Wie heisst diese Organisation“, fragt der Typ weiter. „Ekta Parishad„. Er sagt, er kenne die Organisation. „Echt jetzt? Das hätte ich hier zuletzt erwartet!“, sage ich erstaunt. Vishal ist bei einer Sozialstiftung für die Kommunikation verantwortlich. In einem Land, wo einem nicht die Armut fertig macht, sondern die krassen Unterschiede. Ich beginne überschwänglich zu erzählen. Dann kommt das Mädel, in deren Elternhaus wir uns befinden, nach draussen gerannt und beginnt hysterisch in Hindi auf einen Typen mit Kappe einzureden. Die Kids aus der High Society sprechen alle perfekt Englisch. Sogar untereinander beim Kaffeeklatsch, obwoh sie auch miteinander Hindi sprechen könnten. Sie wollen ihren Status und Background nicht nur durch Autos, Klamotten und Partys untermauern, sondern auch mit ihrem perfekten Englisch. Ausser wenn sie wütend oder sentimental sind. Dann wechseln sie auf ihre Muttersprache. Anscheinend hat der Junge in den Garten gepisst. Die Gastgeberin ist so wütend, dass sie die Party für beendet erklärt. Shibani steht da und schaut ins Leere. Sie scheint ziemlich betrunken zu sein. „Ich habe genug von diesem postkolonialischen Hangover. Ich fahre heim“, sagt sie. „Aber bleib doch noch, wenn du magst“.

Ich stehe mit Vishal und Virginie draussen vor der Einfahrt „Geht ihr nach Hause?“ Vishal lächelt geheimnisvoll und sagt: „Na ja, ich kenne noch eine Party. Aber das ist etwas eine andere Liga.“ Ich sage ihm, ich wolle mich nicht aufdrängen, aber auch noch nicht nach Hause. „Komm mit!“ Sein Fahrer fährt uns weiter in den Süden Richtung Flughafen. Auf der Fahrt durch das nie endende Delhi diskutieren wir über Politik. Dann stehen wir vor einem riesigen Tor. Ein Wachmann schaut aus einem vergitterten Fenster. Er deutet auf eine Drehtüre mit Eisenstäben, durch die wir hindurch gehen, währen ein Summton erklingt. Zwei Männer in einer Uniform kommen auf uns zu und tasten Vishal und mich ab. Bei Virginie schauen sie in die Handtasche.

Im Garten feiern, auf der Mauer wachen

Wir stehen vor einem riesigen Haus mit Säulen und Scheinwerfern im Boden. Davor steht eine aufwändig verarbeitete Holzfigur aus Mahagoni. Ein dicker Junge mit einem Poloshirt läuft mit einem sehr dünnen Mädchen an uns vorbei, schüttelt Vishal die Hand und lacht: „Ihr seid aber spät dran“. Wir gehen über eine riesiges Anwesen, schlendern mehrere Minuten über eine Wiese. Ich habe habe das Gefühl mitten auf dem Land zu sein. „Farmhouses“ nennen die Delhianer die Anwesen der Superreichen. Mehrere Häuser stehen auf diesem Grundstück, das von einer hohen Mauer umgeben ist. Ich höre Gelächter hinter Palmen. Dann eröffnet sich mir die Sicht auf einen riesigen, geschwungenen Pool, um den sich rund dreissig Leute versammeln. Überall stehen und liegen Bier- und Wodkaflaschen. Einige Leute sitzen auf Gartenstühlen, andere schwimmen im Pool, einige drehen an der Soundanlage oder liegen etwas abseits auf Liegestühlen. Vishal stellt mich den Leuten vor, die mich angrinsen und mir die Hand schütteln, dann wieder einen Schluck aus ihren Getränken nehmen.

Aus einem Art Holzboot, das als Kühlbox dient, schnappen wir uns ein Bier. Die Leute lachen, weiter hinten tanzen welche, einige springen in den Pool, andere stehen in Gruppen und rauchen. „Wer wohnt hier?“ frage ich Vishal. Er deutet auf eine kleine Frau mit einem weissen T-Shirt und Shorts. Ihr Vater sei ein Businessmann und mit den höchsten Politikern verbandelt. Einen Namen mag er nicht nennen. Er weiss, ich bin Journalist. Ich trinke mein Bier leer und beschliesse, ebenfalls in den Pool zu springen. Ich ziehe wie die anderen mein T-Shirt und meine Jeans aus und springe hinein. Ich schwimme nach vorne und drehe mich auf den Rücken, schwebe auf dem Wasser und schaue in den Sternenhimmel, dann zur Mauer. Dort entdecke ich einen Wächter mit einem Maschinengewehr. Er geht auf und ab. Vorne feiern die Leute, weiter hinten laufen Wachmänner mit Waffen herum und beschützen sie. Nun bin ich also in der Highend-Highsociety von Delhi angekommen. Letzte Woche war ich noch in den ärmsten Dörfern des ärmsten Staates Indiens unterwegs. Jetzt liege ich in einem Pool in einem der reichsten Häuser des reichen Delhis.

Vor einer Woche bei den Ärmsten, jetzt bei den Reichsten – das ist Indien.

Mein schlechtes Gewissen ist etwas verflogen. Schliesslich möchte ich Indien mit all seinen Facetten kennenlernen. Und wenn diese Szenerie hier auch zu Indien gehört, dann will ich sie wenigstens einmal gesehen haben. Als ich aussteige, spüre ich die Kälte und beginne zu schlottern. Ein Frau lehnt in ihren Kleidern am Poolrand und guckt auf mein Tattoo. „Under your spell“, lacht sie. Ich führe Zähne klappernd eine Konversation mit Sakshi, die ein Kleiderlabel gegründet hat und bei der Produktion mit lokalen Frauen aus den Bergen in Kaschmir und Jammu zusammenarbeitet. Ich schlottere dermassen, dass ich mir mit meinen eigenen Zähnen das Zahnfleisch aufritze. Sie grinst und ruft ihrer Freundin – der Gastgeberin – etwas zu. Das Mädchen, in deren sturmfreien Bude beziehungsweise Palast beziehungsweise Anwesen wir uns befinden bringt mir ein Handtuch. Nun sitzen nur noch eine Handvoll Leute da. Die ersten Sonnenstrahlen streichen den Palmenblätter entlang und die Vögel beginnen zu singen. Die Gespräche sind eine Mischung aus Lachen und Quatschen, aus Hindi und Englisch. Der Freundeskreis scheint Bollywood-Schauspieler nachzuäffen. Ich verstehe nichts, muss aber Lachen vom Lachen der Leute. Überall liegen Flaschen und Becher. Aber keine Alkoholleichen oder knutschende Paare. Schliesslich bahnt sich ein Hausangestellter einen Weg zum Pool, räumt einige Flaschen vom Tisch weg und legt einige Chapati als Frühstück hin. Vishal und Virginie sind weg.

Dann klingelt das Handy der jungen Frau, in dessen Haus wir uns befinden. Als sie aufhängt, schreit sie los: „Mein Dad kommt in zwei Stunden am Flughafen an!“ Ich frage sie, warum sie fürs Aufräumen nicht die Hausangestellten beizieht. Sie lächelt und meint: „Mein Dad wird wütend, wenn er davon erfährt, dass sie meine Party aufräumen“. Ich frage sie, ob sie mir ein Taxi bestellen können. „Klar!“ Eine halbe Stunde später stehe ich wieder vor dem Tor mit den letzten Gästen, die jetzt auch aufbrechen, aber alle in der Umgebung im Süden wohnen, während ich ins Zentrum zurück muss. Die Gastgeberin und ihre beste Freundin Sakshi haben sich umgezogen und stehen in einem identischen, schwarzen Pullover mit einer kleine roten Aufschrift da. Ihr Kumpel fragt, ob sie das zusammen gekauft hätten. Sie meint: „Nein, das habe ich aus dem Flugzeug mitgenommen.“ Er lacht und sagt: „Warum denn?“ „Wir haben für den Flug bezahlt. Dann gehört es doch mir“, lacht sie. Ich bedanke mich herzlich, schüttle alle Hände und steige ins Taxi. Als wir über eine Brücke fahren, geht die Sonne auf und ich schaue gebannt in den feuerroten Kreis. Delhi, du bist mir auch was!

Nachwort: Weil die Frontkamera meines iPhones defekt ist und weil ich die Privatsphäre der Leute schützen möchte, gibt es keine Bilder von dieser Nacht.