Heute ist der 1. Mai. Der Tag der Arbeit. In Zürich und Berlin, aber auch in anderen Städten Europas werden wieder Steine und Bierflaschen auf Ordnungshüter fliegen, Schaufenster von kapitalistischen Firmen eingeschlagen und Tränengas und Wasserwerfer von der Polizei eingesetzt. Wie jedes Jahr. In Zürichs ehemaligem Rotlichviertel Langstrasse werden gelangweilte rich kids schwarze Klamotten anziehen und sich ein stundenlanges Katz-und Maus-Spiel mit der Polizei liefern. Scherben werden den Boden übersähen und am Abend nutzen alle „Kapitalismusgegner“ den Tag der Arbeit zum Party machen und sich zu betrinken. Die Zeitungen werden am nächsten Tag schreiben, es sei ein relativ ruhiger 1. Mai gewesen. Trotzdem werden einige Ladenbetreiber vor ihren mit Graffiti beschmierten Schaufenstern stehen und einige Radaumacher Stunden auf einem Polizeiposten verbringen. Immer das Gleiche. Nützen tut es nicht viel.

Weil der 1. Mai in Europa von Doppelmoral geprägt ist. Das Schaufenster von McDonald´s einschlagen, aber gleichzeitig mit dem iPhone checken, wo am Abend nach dem Umzug eine illegale Party steigt. Das grenzt an Ironie. Doch Indien ist weit weg von Europa. Hier gibt es auch keinen Tag der Arbeit, weil jeden Tag gearbeitet wird. Der 1. Mai ist genau der richtige Tag, um über die Arbeit von Rajagopal, dem Gründer meines derzeitigen Arbeitgebers Ekta Parishad, zu berichten. Auch er protestiert gegen ein System, dass Millionen von Menschen benachteiligt. Nur würde es ihm nie einfallen, Steine zu werfen. Rajagopal ist ein Gandhianer und glaubt fest an die Macht von Gewaltlosigkeit – Nonviolence.

Es geht auch ohne Steine werfen

Rajagopal ist der neue Gandhi von Indien. Grosse Worte. Vor allem von mir, der für seine Organisation Ekta Parishad tätig ist. Dazu ist Rajagopal noch mein Boss. Der Mann weist aber neutral betrachtet eine bemerkenswerte Biographie auf. Er gilt in meinen Augen als Visionär. Rajagopal wurde bereits mehrmals für den Friedensnobelpreis vorgeschlagen. Vor 25 Jahren hat er die Bewegung Ekta Parishad ins Leben gerufen, die sich in Indien für Landrecht einsetzt. „Haben wir die Vision von Gandhi vor 67 Jahren in die Tat umgesetzt?“, fragt Rajagopal. Es brauche wohl eine zweite Runde, die Visionen von Gandhi in Indien umzusetzen. Noch immer leiden Millionen von Menschen unter Armut, Unterdrückung, Landraub, Zwangsheirat, Arbeitslosigkeit und mangelnder Ernährung, sagt der 67-Jährige. Ein gerechtes und zukunftsfähiges Indien könne nur mit Gewaltlosigkeit und einem aktiven und gemeinsamen Handeln der ländlichen und urbanen Bevölkerung entstehen. Eine schöne Vision – aber ist sie in der heutigen Welt überhaupt noch umsetzbar? Viele zweifeln daran und nehmen es hin. Das ist Gewalt.

Nonviolence geht aber weit über physische Gewalt hinaus: „Wir schauen immer auf Konflikte wie in Irak, Afghanistan oder der Ukraine“, sagt Rajagopal. Aber wie steht es um die strukturelle Gewalt, die durch uns und um uns herum geschieht? Die von Bewohnern von Nationen, die viel mehr verbrauchen als notwendig, während in anderen Teilen der Erde Menschen verhungern, verübt wird. Auch das ist Gewalt, sagt Rajagopal. Nicht Terroranschläge und Kriege, sondern strukturelle Gewalt fordert am meisten Opfer.  Und führt letztendlich zu physischer und offener Gewalt. „Wir können jeden Tag und mit jeder Handlung entscheiden, ob wir Gewalt unterstützen oder nicht. Beim Kauf eines Produkts, beim Lesen der Zeitung oder beim Antritt unserer nächsten Reise“.

Diese Aussage klingt simpel in den Ohren eines Westlers. Es fällt den Menschen aus meinen Breitengraden schwer zuzugeben, dass der Kauf eines günstigen Turnschuhs eine Form von Gewalt ist. Rajagopal ist kein Missionar, der eine bessere Welt predigt und an den Altruismus der Menschen appelliert. Rajagopal weist mit seiner freundlichen und aufgeschlossenen Art auf Missstände hin und hofft, dass die Menschen reflektieren – und dass nicht alles nur auf ihr eigenes Wohlergehen hin funktionieren kann. Gerechtigkeit für jedermann und nicht nur für jeder Mann. Oder auf Englisch: „Justice for everyone and not just every one„. Ein frommer Wunsch, der aber nur in kleinen Schritten herbeigeführt werden kann und jahrzehntelang Geduld erfordert, die die meisten Menschen gar nicht aufbringen können. Gandhi sagte: „Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.“ Gewonnen hat Rajagopal noch nicht. Aber er hat viele Menschen vom Leid befreit. Und dadurch wohl auch einige Menschenleben gerettet. Weil wenn landlose Bauern verzweifelt sind, geschieht es nicht selten, dass sie sich an einem Baum aufhängen. Ich lese solche Meldungen jeden Tag.

Rajagopal sagt: „Ich möchte eine aktive Gewaltlosigkeit fördern“. Deshalb setzt sich der 67-jährige gegen Landraub ein und hat sich der Ausbildung von jungen Menschen auf dem Land verschrieben. Schliesslich leben 65 Prozent der Inder in ländlichen Gebieten. „Sie betätigen sich als Arbeiter auf dem Feld oder mit Gelegenheitsjobs. Dabei verdienen oft nicht genug, um ihre Familien zu ernähren“, erzählt Rajagopoal. Die Landleute akzeptieren ihre Situation und denken, sie könnten nichts daran ändern. Rajagopal möchte den Bauern den Stolz ihrer Arbeit zurückgeben. „Eine Kuh zu melken ist toll. Auf einen Baum zu steigen ist toll. Gemüse aus dem Boden zu ziehen ist toll“, sagt er. Und genauso so wichtig, wie den ganzen Tag vor einem Computer zu sitzen. Es klingt einfach, scheint aber in einer globalisierten Welt doch zu kompliziert geworden zu sein. Rajagopal wertet aber nicht, hält sich im Hintergrund und lässt die Menschen sprechen oder in Fussmärschen gehen. Rajagopal bezeichnet sich trotz seiner jahrelangen Arbeit mit der Landbevölkerung als urban. Obwohl er vor zwei Jahren 80 000 Kilometer im Zug zurücklegte und unzählige Dörfer in über 360 Distrikten in Indien besucht hat. Er versteht aber nach 25 Jahren die Sprache der Adivasi. Deshalb lieben sie Rajagopal. Er hat sich wirklich für sie interessiert.

Urbane und ländliche Energie vereinen

Rajagopal wuchs im fortschrittlichen und wohlhabenden Bundesstaat Kerala im Süden Indiens auf und entstammt einer höheren Kaste. Er bedauert, dass die Menschen in den Städten die Landbevölkerung im 21. Jahrhundert so verachtet und nicht respektiert. Diese Einstellung entstammt aber auch aus der Bildung der jungen Menschen aus der wachsenden Mittel- und Oberschicht Indiens: „Wer möchte denn schon die Tochter eines Bauern heiraten?“, sagt Rajagopal. Diese Diskriminierung der Bauern führe dazu, dass sie ihr Land verkaufen und ihr Glück in den Städten versuchen, die aus allen Nähten platzen und immer mehr Slums aufweisen. „Warum betrachten wir die Menschen auf dem Land als rückständig?“, fragt Rajagopal. Er wünscht sich, dass die jungen Menschen in den Städten, die einen Job haben und sich ein modernes Leben leisten können, zu den Adivasi zurückblicken und ihnen die Hand bieten, sie mitnehmen auf der Reise, die Indien zu einem fortschrittlichen Land machen soll. Eine Freundin von mir aus Bhopal – Umang – erklärt: „Die Klassenunterschiede in Indien sind das grösste Problem! Es gibt Leute, die geben Tausende von Rupies an einem Nachmittag fürs Shoppen aus, während sich andere mit Mühe und Not eine Mahlzeit pro Tag leisten können“.

Genau an diese urbane Jugend, die Umang repräsentiert, appelliert Rajagopal: „Wenn wir die Landlosen und Kastenlosen nicht auf dem Weg der Entwicklung mitnehmen, dann sind wir als Staat gescheitert“, sagt er. Eine erfolgreiche Entwicklung sei eben nicht nur ein neuer Flughafen oder ein neuer Starbucks im Quartier, sondern dass alle Inder in Würde leben können. Rajagopal möchte die Entwicklung der Städte und die wachsende Mittelschicht Indiens nicht bekämpfen, aber er appelliert an den Grundsatz von Ekta Parishad: „Das Wohl der Ärmsten für das Wohl von allen“.

Die grösste Herausforderung liege darin, Stadt und Land wieder zueinander zu führen. Einfach ist diese Aufgabe nicht, denn Jahrhunderte trennen diese Bevölkerungsgruppen. Rajagopal kämpft nicht nur mit zwei Welten, sondern mit zwei Galaxien, die unterschiedlicher nicht sein können. Befinde ich mich auf dem Connaught Place in Delhi, wo sich ein Apple-Shop an einen KFC reiht, die Menschen aus teuren Autos steigen und Frauen mit Dutzenden von Einkaufstaschen durch die Strassen gehen, denke ich: „Warum glauben die Menschen im Westen, Indien sei arm?“ Wenn ich die Dörfer in den ländlichen Gegenden von Madhya Pradesh besuche, wo die Menschen nichts besitzen, das an das 21. Jahrhundert erinnert, denke ich wieder: „Warum glauben die Menschen im Westen, Indien sei arm?“

Von den Bauern lernen

Rajagopal ist ein Visionär, der sagt: „Wir können von den Adivasi – den Ureinwohnern – lernen! Sie leben und arbeiten mit der Natur, verschwenden keine Ressourcen, sorgen sich um unser Essen und pflegen unser Land.“ Die Menschen arbeiten physisch, respektieren den Boden und passen sich dem Wetter an. Eine Eigenschaft, die im Zuge der Überbevölkerung unseres Planeten, den knappen Ressourcen und dem drohenden Nahrungsmangel eigentlich höchst willkommen sein sollte. Als Antwort darauf verachtet der moderne Mensch die zurückgebliebenen Völker aus den Wäldern. „Die moderne und städtische Bevölkerung kann den Erfolg von Indien aber nicht alleine erreichen“, sagt Rajagopal. Incredible India! Das Schlagwort für Touristen und Investoren hat nur Wert, wenn nicht Millionen von Adivasi, landlose Bauern und Ureinwohner diskriminiert werden. „Indien kann nicht glänzen, wenn Millionen Menschen auf der Strasse leben und ohne jegliche Grundlage von ihrem Land vertrieben werden können“.

Rajagopal sagt, er können nur Stolz auf sein Land sein, wenn alle ihren Lebensunterhalt bestreiten können – und nicht nur eine Minderheit. Stolz sollen die Adivasi für ihre Arbeit empfinden: „Sie stellen ihre Kleider selbst her, arbeiten ausschliesslich mit den Händen, stellen ihre Lebensmittel selbst her. Das ist nicht altmodisch, sondern wertvoll. Wer wir diese Fertigkeiten nicht mehr schätzen können, dann wird das ganze Handwerk und Know-how aus den Dörfern verschwinden und der freie Markt wird die Kontrolle übernehmen“. Gandhi sagte einmal: Keine Massenproduktion, sondern Produktion für die Masse. Dabei geht es aber nicht nur um ein Stück Erde, sondern Land steht in Indien für viel mehr als ein Stück Erde. Nicht umsonst nennen die Inder die Erde auch ehrfürchtig „Mother“ – Mutter. Rajagopal erklärt: „Land ist nicht nur Land, sondern ein Symbol für Stolz, Unabhängigkeit und Respekt“

Europa – das gesegnete Land?

Seit rund fünf Jahren werde Rajagopal von den Menschen in Indien gefragt, warum in Griechenland – im gesegneten Europa – Menschen für einen Teller Essen anstehen müssen. Europa, das Traumland vieler Inder, scheint Glanz zu verlieren. Genauso wie der Kapitalismus seit der Finanzkrise Einbussen hinnehmen muss. Rajagopal antwortet: „Wir haben gesehen, dass der Kapitalismus die Menschen nicht glücklich macht. Deshalb schicken die Regierungen im Westen nun ihre Politiker nach Bhutan, um herauszufinden, warum sie die glücklichsten Menschen der Welt sind“. Um den Adivasi und landlosen Bauern Gehör zu verschaffen, hat Rajagopal vor 25 Jahren die Organisation Ekta Parishad gegründet. „Eine neue Kupfermine oder ein neuer Nationalpark wird gegründet. Am gleichen Tag werden Tausende von Menschen vertrieben, die nicht mal wissen, wo sie am Abend schlafen können“, sagt Rajagopal.

Seine Reise begann wie für Indiens Übervater Mahatma Gandhi im Zug: Dort beteiligte sich er bei einer mobilen Ausstellung in einem Zugwaggon, bereiste damit das Land und erklärte den Menschen in Indien, welche Idee Gandhi mit der Unabhängigkeit verfolgt hat. Schliesslich war Rajagopal 1948 im Jahr der Unabhängigkeit Indiens geboren worden. Doch die Leute fragen ihn: „Herr Rajagopal, sie predigen die Lehren von Gandhi. Aber was ist ihr Beitrag an seine Vision eines neuen Indiens?“. Diese Frage lässt den 21-jährigen mit dem gütigen Lächeln nicht mehr los. Er beschliesst dahin zu gehen, wo es in den 1960er-Jahren am schlimmsten zu und her geht in Indien: Ins Chambal Valley. Damals sorgten Dacoits mit Gewaltorgien für Tod und Elend.

Er stellt sich die Frage: „Können diese Menschen auch ohne Gewalt zu einer Lösung kommen?“ Rajagopal freundete sich mit den Kindern an und kam immer näher an die Gewalttäter heran, versuchte in Gesprächen zu vermitteln. Wie durch ein Wunder legten die Banditen zwei Jahre später ihre Waffen vor dem Bild Mahatma Gandhi´s in einem Ashram nieder. Rajagopal versteht, dass es trotz Verzweiflung über Armut und Unterdrückung einen Weg geben kann, nicht zu den Waffen zu greifen und sich anders als über Gewalt Gehör zu verschaffen. Rajagopal ist plötzlich ein Held für viele Menschen, weil er mit Geduld und Wille die Dacoits auf einen friedlichen Weg gebracht hat.

Rajagopal P.V. ist ein Mentor für mich geworden (der Reis auf der Stirn ist anlässlich des indischen Feiertags am 30. Januar)

Rajagopal P.V. ist ein Mentor für mich geworden (der Reis auf der Stirn ist anlässlich des indischen Feiertags am 30. Januar; Bilder von Vinod Kumar)

Der lange Weg beginnt

Als er 30 Jahre alt wird, zieht Rajagopal in den Norden Indiens und arbeitet in Bihar und dem heutigen Chhattisgarh, zwei der ärmsten Staaten Indiens, mit Adivasis und Dalits in zahlreichen Dörfern zusammen. „Gandhi ist nicht nur eine Wort, sondern Aktion“, sagt Rajagopal. Er versteht, dass sich die Hoffnung auf eine bessere Zukunft nur in den jungen Menschen formen kann und richtet Ausbildungszentren für Adivasi, Dalits und Tribals ein. Dort bringt er jungen Leute aus den Dörfern die Idee von Nonviolence näher. Mitten in einem von Naxaliten-Rebellen kontrolliertem Gebiet.

Rajagopal arbeitet in kleinen Gruppen und organisiert unzählige Versammlungen, ohne dabei selbst als Führer aufzutreten. Die Idee des in Indien so verbreiteten leaderships bekommt ihm nicht. 1990 möchte er diese ganzen Aktivitäten benennen und schreibt eine erste Verfassung zu Ekta Parishad. „Auf gewaltlose Art junge Menschen aufklären und über kleine Schritte Veränderungen herbeiführen.“ Drei Jahre später wird Rajagopal Sekretär der Gandhi Peace Foundation in Delhi. Ein verantwortungsvoller Posten, der ihn in die höchsten politischen Kreisen bringt. Doch dann erkennt Rajagopal, dass er keine Parteipolitik machen möchte, sondern Volkspolitik – und verlässt die Foundation. Dafür wächst die Idee von Ekta Parishad – dem solidarischen Bund. Immer mehr Bauern schwenken mit grün-weissen Fahnen. Um die Jahrtausendwende organisiert Rajagopal einen ersten Marsch (Satyagraha) mit landlosen Bauern und Adivasi im Bundesstaat Chhattisgarh.

Rajagopal versteht die Ureinwohner, weil er nicht über ihre Wünsche lacht, sondern sie überzeugen kann, ihre Probleme selbst in die Hand zu nehmen. Er gibt ihnen Kraft, sich selbst Kraft für einen gewaltlosen Frieden zu geben. Er versucht immer wieder, ein Engagement in seinem Gegenüber zu wecken und nicht hinein zu projizieren, sondern die Gedanken, die in jedem schlummern, zu aktivieren. Mit 50 Jahren beginnt für Rajagopal die Zeit der Fussmärsche und die Arbeit für Ekta Parishad. 2004 gelingt es Rajagopal durch einen Fussmarsch so viel Aufmerksamkeit zu erzeugen, dass selbst der Premierminister von Indien an der Abschlusskundgebung teilnimmt. Zahlreiche Adivasi und Dalits erhielten ihr Land zurück.

Die Kraft der Jugend ist die einzige Hoffnung

Rajagopal erkannte, wie effektiv das Mittel dieser Fussmärsche, weil sie zu den Adivasi passen: Sie sind es sich gewohnt, stundenlang zu gehen, sie können auch nur mit einer Mahlzeit pro Tag gehen, sie können überall schlafen und es sind so viele, dass sie durch ihre Masse Eindruck machen. Rajagopal sagt: „Die Adivasi sind zwar ökonomisch arm, aber sozial sehr reich“. Ekta Parishad baut auf vier Pfeilern auf: Die Kraft der Armen, Die Kraft der Jugend, Die Kraft der Solidarität und Die Kraft von Gewaltlosigkeit. Bei der indischen Bevölkerung von 1,3 Milliarden Menschen machen 20 Prozent Dalits, acht Prozent Adivasis, 14 Prozent Nomaden und zwei Prozent Fischer fast die Hälfte der Bevölkerung aus. Diese grosse Masse wird diskriminiert. Deshalb grenzt es fast schon ein Wunder, dass nicht mehr Gewalt aus Frust entsteht und die Menschen nicht zu Steinen oder Gewehren greifen.

Besonders weil viele Menschen in Indien jung sind – genauso jung wie die Menschen, die am 1. Mai in Europa Schaufenster einschlagen. Doch diese Menschen dort kämpfen nicht ums Überleben, sondern um Luxusprobleme. Die Jugend in Indien sind die einzigen Menschen, die dem Land Hoffnung geben. Sie sind vielleicht noch nicht verdorben durch Korruption, sie haben vielleicht die Kraft und den Mut, den Kasten zu entfliehen, sie haben den Respekt vor dem Alter und vielleicht die Möglichkeit auf Bildung. Auf ihnen lastet die Verantwortung der Zukunft, aber auch die Möglichkeiten der Zukunft. Deshalb spricht Rajagopal an Märschen, an Podiumsdiskussionen, in Europa, in den Dörfern, bei Hungerstreiks und kämpft für Gewaltlosigkeit, die wiederum zu Land führen soll. Rajagopal ist überzeugt: „Wenn das Konzept von Gewaltlosigkeit in Indien funktioniert, dann funktioniert es überall“.