Die Pinguine starren mich an. Trotz der 25 Grad im Schatten bewegen sie sich keinen Millimeter. Mitten in Indien. Noch immer regen sie sich nicht. Obwohl sie nach Indien passen wie eine Schildkröte auf eine Pferderennbahn.

Obwohl es rund 65 000 Tierarten in Indien gibt, existieren hier selbstverständlich keine Pinguine. Außer im naturhistorischen Museum in Bhopal. Dort stehen sie als lebensgrosse Pappfiguren in einem Schaufenster. Ich studiere an diesem Sonntagmorgen die Geschichte der Evolution und der Ureinwohner Indiens, erfahre, in welchen Gebieten Tiger leben und wo es Schneeleoparden und Elefanten gibt. Und wie ich selbst entstanden bin. Dazu bin ich wieder mit Mohsin unterwegs. Ich brauche einen Stadtführer durch meine eigene Stadt. Der Reiseführer widmet der Millionenstadt nur drei mickrige Seiten, von denen eine halbe Seite die Chemiekatastrophe erklärt. Dabei gibt es in der Hauptstadt des Staates Madhya Pradesh viel zu sehen. Fürs erste möchte ich mir einen Palast, den See – den Upper Lake – und die große Moschee anschauen.

Pinguine mitten in Indien

Pinguine mitten in Indien

Ein Monument für eine Minderheit

Immerhin steht die drittgrößte Moschee von Asien hier in meiner Stadt Bhopal: Die Darul Uloom Tajul Masajid. Die Minarette ragen über siebzig Meter in den Himmel hoch. Die Schweizer Stimmbürger, die vor sechs Jahren für das Minarett-Verbot gestimmt haben, würden vom blossen Anblick einen Herzinfarkt kriegen. Die „Mutter aller Moscheen“, wie Mohsin sagt, passt mit ihren pinken Türmen zu Bhopal. Meine Stadt ist vom Islam geprägt. Fast 50 Prozent der Einwohner sind muslimischen Glaubens. Die Hälfte der Frauen laufen mit einer indischen Burka – einem schulterlangen Dreieckstuch, das nur die Augen frei lässt – durch die Strassen. Im Stadtteil rund um den Old Market glaube ich in einer meiner Lieblingsstädte – Istanbul – zu sein. Laut Lonely Planet steht in Bhopal aber nicht nur eine der größten Moscheen der Welt, sondern angeblich auch die kleinste Moschee der Welt, die Dhai Seedi Ki Moschee. Sie ist tatsächlich winzig. Allah ist durch den Platzmangel nur schwer zu erreichen.

Die drittgrößte Moschee der Welt steht in meiner Stadt

Die drittgrößte Moschee der Welt steht in meiner Stadt

Obwohl die Moschee so riesig ist, ist kaum jemand drin. Dafür sin in der Mauer viele junge Priester-Lehrlinge in kleinen Kammern eingepfercht. Sie lernen den Koran. Trotz der Bedeutung des Bauwerks sind auch keine Touristen da. Ich habe sowieso noch nie einen weißen Menschen in Bhopal gesehen, ausser mich selbst im Spiegel. Oder die westlichen Leute sind da und schleichen mir nach, verstecken sich im nächsten Hauseingang, wenn ich mich umdrehe.

Einen Weißen habe ich hier noch nie gesehen

Ein Tag zuvor hat sich in Bhopal Seltsames ereignet: Ich schlendere an diesem sonnigen Samstagnachmittag durch meinen neuen Wohnort und treffe auf eine Bettlerin. Ich krame meine Münzen aus dem Portemonnaie und lege ihr einige Rupien in einen eisernen Behälter. Da entdecke ich einen Zweifränkler!!! Mitten in Bhopal, wo sich kein Tourist je hin verirrt, geschweige Schweizer Touristen! Ich bin so perplex, dass ich einfach ziellos durch die Menschenmenge laufe. Ich kann es nicht fassen. Dann muss ich zurück zu der Frau, um mich zu vergewissern. Ich lege nochmals einige Rupien in den Behälter, bücke mich kurz und schaue hinein. Vielleicht habe ich mir die Münze aus einem 7000 Kilometer entfernten Land nur eingebildet. Obwohl ich überhaupt kein Heimweh verspüre. Aber es ist und bleibt ein Zweifrankenstück. Die Bettlerin ist durch meine verstörten Gesichtsausdruck aufmerksam geworden, beäugt die Münze nun auch genauer. Ich zeige ihr meine Schweizer Identitätskarte, zeige auf die Münze, dann auf mich, dann zucke ich mit den Achseln. Beide bleiben mit einer Frage zurück: Wer war das? Und wenn jemand da ist, bitte melden.

Das Beeindruckende an meinem neuen Wohnort Bhopal ist aber nicht die Moschee, sondern die Symbolik, für die sie steht: Toleranz. Ein Monument für eine Minderheit. Obwohl es in den Neunziger Jahren zu blutigen Straßenschlachten zwischen Hindus und Moslems kam, herrscht in der Stadt trotz der Vermischung der Glaubensrichtungen ein friedliches Zusammenleben. Wenn ich auf die Schlagzeilen aus Europa schließe, scheint ein solches Nebeneinander in meinem Kontinent zurzeit weniger möglich zu sein. Obwohl die Frauen im muslimischen Glauben (aber auch im hinduistischen oder christlichen) aus westlicher Sicht eine andere Rolle einnehmen, wurde das prunkvolle Bhopal von einer Frau errichtet: Qudsia Begum, besser bekannt als Gohar Begum, die Frau des alten Herrschers. Die Paläste und Moscheen aus ihrer Epoche prägen das Stadtbild von Bhopal bis heute. Sie hat praktisch alle landmarks errichten lassen. Bereits mit 18 Jahren trat sie nach dem Mord ihres Mannes den Thron an. In der Öffentlichkeit zog sie sich wie ein Mann an, galt aber als ein der liberalsten Frauen in der indischen Geschichte, wie mir Moshin erzählt.

Bhopal ist eine muslimisch geprägte Stadt

Bhopal ist eine muslimisch geprägte Stadt

Zu Fuss gelangen wir zum nächsten Highlight – dem Gohar Mahal. Der im Jahre 1820 erbaute Palast ist laut Bhopal Tourism (für was es diese Einrichtung wohl gibt?) ein beautiful palace, der die Hindu und Mughal-Architektur in einer einzigartigen Symbiose vereint. Ich werde von einem staubigen Vorplatz, umgefallenen Mülltonnen und einer vorbei huschenden Ratte begrüsst. Der Palast präsentiert sich so, als sei er von einem Tsunami heimgesucht worden: Eine bröckelnde Fassade und Sträucher, die aus den Fenstern wachsen. Menschenleer und eingefallen wie ein altes, unbenutztes Bahngleis. Das Tor ist verschlossen. Dann klopfen wir doch mal. Schliesslich kommt ein Wächter mit „Sandkörnern“ unter den Augen heraus. Mit seinem Handy telefoniert Moshin dem Vorgesetzten des Wächters. Ich schnappe Wortfetzen wie Switzerland, international group und research auf.

Bitte kein Hotel!

Schliesslich sind wir drin. Der Palast ist eine Schönheit auf den zweiten Blick. Ein geheimer und verwunschener Garten Eden. So heruntergekommen wie sich der Palast (dem dieses Wort zumindest in der Frontalansicht nicht zusteht) draussen präsentiert, so glanzvoll ist er innen. Die Patina ist so echt wie sie nie sein könnte, wenn hinter mir Touristen stehen würden. Die von Gras überwucherten Treppen, die teilweise abgebrochen sind sowie die eingebrannten Brandflecken unterstreichen das Alter des Baus optisch. Von oben können wir einen einzigartigen Ausblick auf die Moschee und den kleinen See erhaschen. Mich freut es, dass ich hier ganz alleine auf Entdeckungstour bin. Trotzdem verstehe ich nicht, weshalb dieser Palast nicht für die Öffentlichkeit zugänglich ist. Moshin erklärt mir, hier werde bald ein Hotel gebaut. „OH NEIN, das dar doch nicht wahr sein“, denke ich.

Der Pattina-Palast

Der Pattina-Palast

Die Stadt Bhopal hat kein Geld für die Restauration des Zeitdokuments. Der Palast hat in seinem Baujahr 1832 immerhin 30 lakh gekostet. Lakh sind in Indien fünf Nulle. Also werden die Investoren nicht nur das Land, sondern auch die Gebäude darauf einnehmen. Der Palast wird wohl in einigen Jahren von east meets west-Kitsch verschandelt sein. Als wir am Cricket-Stadium vorbei gehen, treffen wir auf eine Menschentraube, die vor einem Auto steht. Dort hält ein Mann in einer weißen Cricketausrüstung einen Pokal hoch. Ich schaue hin, er schaut mich an, und kommt auch schon auf mich zu, drückt mir lachend den Pokal in die Hand. Die ganze Meute steht nun im Halbkreis um mich herum und die Blitze seiner Kamera prasseln auf mich nieder. Der Sieger drückt mir noch seine Visitenkarte in die Hand, ich gratuliere ihm mit einem kräftigen Händedruck.

Wir gelangen schließlich zu einem Pavillon, der auch in England stehen könnte. Hier drin wird die Geschichte von Bhopal anhand der Menschen erzählt. Auf zahlreichen Bildern sind die Herrscher zu sehen. Was sie verbindet ist das leicht überhebliche Grinsen. Im Rundgang sind alte Bilder von Bhopal zu sehen: Darauf sitzen Engländer und indische Moslems in Parks, kurven mit alten Autos herum, spielen Cricket spielen oder reiten auf Elefanten. Die Engländer mit ihren spitzigen Hüten, die Inder mit ihren Käppis. Dazu trinken sie five o´clock tea und essen dünne Sandwiches mit Eierfüllung. Das machen Moshin und ich auch – tatsächlich gönne ich mir ein Toastsandwich, verspeise aber dazu auch Reis mit paneer, einem Käse wie aus Gummi.

Die Riesenmoschee mit See

Die Riesenmoschee mit See

Urlaub am Upper Lake

Wir brechen auf, weil wir vor Sonnenuntergang am See sein wollen. Ich freue mich auf den See. Er ist eine Verbindung zu meinen anderen beiden Städten Berlin und Zürich, wo es ebenfalls Seen gibt. Wobei wir in einer Stadt sind, in der eine Chemiekatastrophe stattgefunden hat. Wenn ich an die Kanalisation und die Bäche in der Stadt denke, bei denen das Wasser giftgrün ist und kaum am Müll vorbeifliessen kann, werde ich skeptisch. Doch als wir aus der Rikscha aussteigen, bin ich sofort wieder tief entspannt und im Ein-Stunden-Urlaub. Wir schlendern eine Promenade mit Palmen entlang, Kinder spielen mit Bällen, ein Händler verkauft farbige Luftballone, die Sonne spiegelt sich auf dem See. Bei einer Eisbude kaufe ich mir ein Eis und bin so entzückt ab der ganzen Darbietung, dass ich sogar vergesse, auf das Ablaufdatum des Eises zu achten. Weiter vorne gibt es Pedalos mit Schwanenköpfen, auf einem Hollywood-Schriftzug steht in zehn Meter hohen und beleuchteten Lettern Welcome to the city of lakes. An dieser Riviera sehe ich zum ersten Mal in diesem Land einen indischen Mann und eine Frau Händchen haltend auf einer Bank sitzen. Weil ich diese Idylle nicht erwartet hatte, strotze ich nun vor Glück.

Pedalos auf dem See

Pedalos auf dem See

Die chaotische und Autos durchflutete Innenstadt ist plötzlich ganz weit weg. Im Restaurant mit dem herrlichen Ausblick auf den See, der wie eine Meeresbucht geformt, trinken Menschen genussvoll ein Kingfisher-Bier und nicht zwanghaft einen billigen Wodka wie vor dem versteckten, vergitterten Alkohol-Laden beim grossen Markt. Ich geniesse die Aussicht, beobachte die aufgetakelten Studentinnen mit ihren schicken Saris und den überschminkten Gesichtern, die nebenan ihr Diplom feiern. Ich schaue den orangen Feuerball an, der über dem See untergeht und bin dermaßen in den Bann gezogen, dass ich meine Zigarette verkehrt herum anzünde. Ein Mann mit einer spitzen Nase und einem unpassend runden Gesicht dazu sagt mir freundlich: „Please change.“

Sonnenuntergang über dem See

Sonnenuntergang über dem See

Bhopal ist ein Schatz, auf den sich aber keine Touristen einlassen. Die Stadtverwaltung lässt ihre Sehenswürdigkeiten ausser Acht, vermarktet sie nicht, möchte sie den Besuchern nicht zugänglich machen. Einerseits wird die Altstadt dadurch nicht durch Kommerz und Tourismus zerstört, anderseits liegt Potenzial brach. Wie das verkümmerte naturhistorische Museum, das ganz nett gemacht ist. Aber wie Moshin sagt: „Die Inder gehen am Sonntag nicht ins Museum, sondern an Hochzeiten und in Tempel“. Die Familie verlangt an diesem Tag die ganze Aufmerksamkeit ab. Touristen wissen nichts von dem Museum. Die nette Frau am Eingang fragt mich beim Abschied, ob ich doch bitte noch einen Eintrag ins Gästebuch machen könnte. Es ist praktisch leer und wenn doch, dann nur in Sanskrit bekritzelt. Englische Feedbacks existieren nicht. Mit dem Stadtmarketing scheint Bhopal in der gleichen Zeit stehen geblieben zu sein wie die Denkmäler errichtet wurden. Die Stadt ist wie ein vergilbtes Buch, das man auf dem Dachboden findet, eine Staubschicht wegpustet und erst dann erkennt, wie schön es ist.