Im November 2000 spalteten sich 16 Distrikte von Madhya Pradesh ab und schlossen sich zum Staat Chhattisgarh zusammen. Er erfreut sich reicher Mineralienvorkommen, leidet aber unter gewalttätigen Aktionen von Naxaliten (maoistische Rebellen). Deshalb verirrt sich auch nur selten ein ausländischer Besucher hierher. Herausragende Sehenswürdigkeiten sind eher Mangelware. Für Besuche müssen Infos über die aktuelle Sicherheitslage eingeholt werden. Es kommt immer wieder zu gewaltsamen Zusammenstössen zwischen Naxaliten-Guerillagruppen und staatlich unterstützen Milizen. Das steht im Reiseführer über den Ort, an dem ich nach 34 Stunden Zugfahrt ausgespuckt werde. Mir begegnen aber keine gewalttätigen Rebellen (und zum Glück auch keine Touristen), sondern rund 2000 Menschen, die mich mit ihrer Herzlichkeit, ihrem Lachen und ihren Fragen „überfallen“. Ich fühle mich gleich aufgenommen in meiner indischen Entwicklungsorganisation-Familie.

Die Grassroot-Bewegung Ekta Parishad

Die Grassroot-Bewegung Ekta Parishad

Der Start meines Zivildienstes könnte nicht besser sein: Ich nehme im abgelegenen Tilda am 25-jährigen Jubiläum meiner Organisation teil, bei der ich meinen Zivildienst leiste. An diesem Ort gründete Rajagopal P.V. im Jahre 1990 Ekta Parishad (zu deutsch: solidarischer Bund). Seither setzt sich Ekta Parishad für die Rechte der ärmsten Bevölkerungsgruppen ein – der Dalits, den Adivasis und den Tribals, also den Ureinwohnern Indiens. Mehr als zwei Drittel der Bevölkerung Indiens leben auf dem Land und möchten  auch dort bleiben. Dies ist nur möglich, wenn das Landrecht geschützt ist und der Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen wie Anbauflächen, Wälder und Trinkwasser nicht durch Korruption und Großprojekte der Regierung und internationaler Unternehmen gefährdet wird.

Westliche Zeitungen berichten gerne von den Menschen aus Indiens neuem Mittelstand, die in klimatisierten Kaffeehäusern Cappuccino schlürfen oder in Shoppingmalls Sonnenbrillen kaufen. Manchmal glaube ich, die Medien möchten die Realität leugnen. Drei Viertel der Inder leben von weniger als 140 Rupien (2,50 Franken) pro Tag. 65 Prozent der Bevölkerung leben auf dem Land. Millionen Bauern bangen um ihre Existenz, weil der Zugang zu Land und Trinkwasser durch Korruption und Grossprojekte der Regierung und Unternehmen gefährdet wird. land grabbing – Landraub – nennt man das.

Indien trägt ein Drittel der Armen dieser Welt. Sie entstehen aus einem Ringen zwischen Traditionen und Kasten mit der Globalisierung. Die verkrusteten Lippen von bettelnden Kindern in Dörfern, der Husten alter Menschen in der verpesteten Luft der Grossstädte entstehen auch durch fehlendes Land. Deshalb fordert meine Organisation: land first! Ich stamme aus der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt. Wenn ich von der Armut hier erzähle, reagieren die Menschen mit Mitleid. Doch Mitleid schwächt und macht abhängig. „Jal, jungle aur jamin“ – Wasser, Wald und Erde rufen die Menschen auf dem Platz und fordern Rechte an Land. Ein Stück Erde steht für die Würde der Adivasi und Tribals, die durch ihr Handwerk und ihre Tradition reich sind, aber heute kaum mehr überleben können. Die Menschen hier wollen ein Stück Land. Mehr nicht.

Viele Menschen, viele Schuhe

Viele Menschen, viele Schuhe

Die Arbeit von Ekta Parishad folgt den Prinzipien des gewaltlosen Widerstands – ganz  nach Mahatma Gandhi, der nach der Unabhängigkeit von England 1948 zum Übervater Indiens wurde (sein Konterfei ist wie in England die Queen auf jeder Banknote abgebildet ). Rund 150 000 Personen aus über 5000 indischen Dörfern arbeiten mit Ekta Parishad zusammen. Rund 2000 nehmen am Jubiläum an diesem Wochenende teil. Mit den Märschen Janadesh 2007 und Jan Satyagraha 2012 mit jeweils 25 000 Menschen auf über 300 Kilometer von Gwalior nach Delhi hat Ekta Parishad eine grundlegende Landreform in Indien auf die politische Agenda gesetzt. Ein sinnvoller Marsch im Vergleich zu den Zusammenkünften wie Pegida, die zurzeit in Deutschland und bald wohl auch in der Schweiz stattfinden.

Eine Familie mit 2000 Mitgliedern

Ich bin einer unter vielen, falle aber trotzdem auf. Das bringt einerseits zahlreiche spannende Gespräche, anderseits muss ich mich wehren, gleichbehandelt zu werden. „Darf ich beim Einpacken helfen?“ Rashid schaut mich an, wiegt den Kopf, lächelt und sagt „No problem“. „Darf ich beim Dal ausschöpfen helfen?“ Ahmesh lächelt und sagt: „No problem“. Ähm, das ist aber nicht Ja oder nein, guys. Ich muss mich wehren, mit anpacken zu dürfen. Die meisten Menschen auf diesem Platz haben noch nie einen Weissen gesehen, geschweige denn einen, der ihnen Dal schöpft. Ich klinke mich einfach ein und wiederhole nochmals freundlich: „Ich möchte helfen.“ So etwa auch den schnäuzigen Männern beim Ayurveda-Stand. Seit einer Viertelstunde stemmen und balancieren sie ein wackliges Eisenregal, das sie zusammenbauen möchten. Als Ikea-Kind schlage ich vor, dass vorsintflutliche Billy-Regal auf den Boden zu legen, und die Löcher, in welche die Schrauben gehören, abzuzählen. Als Dank erhalte ich eine kuriose, längliche und verdorrte Pflanze. Der Stengel ist klebrig-feucht. Sie mache stark und soll „wie ein Energy-Drink“ wirken, sagen die Männer.

Die meisten Menschen auf diesem Platz haben noch nie einen Weißen gesehen, geschweige denn einen, der ihnen Dal schöpft. Ich klinke mich einfach ein. Ich schütte Hunderten von Menschen aus einem Bottich Dal in den Teller. Einige schauen mir in die Augen, blinzeln verlegen, einige lächeln. Die Frauen tragen farbige Kopftücher und Ringe in den Ohren. Die Männer haben furchige Gesichter von der Feldarbeit. Die Parolen der Dalits, Gandhianer, Marxisten später im Zelt richten sich gegen die Ausbeutung der Landesbevölkerung. Die Botschaften der einfachen Leute sind einfach, aber einprägend: “Politiker und Unternehmen arbeiten zusammen. Deshalb müssen wir auch zusammenarbeiten”. Ein Adivasi meint: “Jemandem Geld zu geben für sein Land bedeutet nicht, ihm Recht zu geben.” Die Menschen hier wollen ein Stück Land. Mehr nicht. Gewaltloser Widerstand ist die mächtigste Waffe der Welt, denke ich.

Die Töpfe mit den Kerzen symbolisieren einen Neuanfang

Die Töpfe mit den Kerzen symbolisieren einen Neuanfang

Der wichtigste Mann auf dem Platz, Rajagopal P.V., der sein Leben den Ärmsten gewidmet hat und als neuer Gandhi Indiens gilt, eröffnet die Zeremonie mit einer inspirierenden Rede: „Die Leute, die uns kritisieren, machen uns stärker“, sagte er. Und ergänzt: „Mit der Kraft der Armen können wir die Welt verändern.“ Um die nächsten 25 Jahren einzuläuten werden Kerzen in Töpfen entflammt. Eine indische Tradition, um einen Neuanfang zu symbolisieren.

Recht auf Land, Recht auf Leben

Am zweiten Tag folgt eine kleine Rede von Julius, einem deutschen Chemiker, der ein Freund der Organisation ist und hier von allen nur Mama Ji genannt wird. Julius ist ein gebildeter und belesener Mann. Er hat diese ruhige, weltgewandte Art, die sich nach der Pensionierung einstellt. „Indien wird und wurde in seiner Geschichte von so vielen Seiten beeinflusst. Dabei die Orientierung zu finden ist nicht einfach. Der Kampf um die Investoren wird zum Kampf der Armen“. Er erzählt mir von Gandhi, von Indien, empfiehlt mir Bücher und ich kann nicht aufhören, ihm zuzuhören. Auch, weil Julius zugänglich ist und mich auffordert, immer wieder zu reflektieren. Ich schätze solche weisen Herren mit weissem Haar sehr und wünsche mir, im stolzen Alter genauso zu sein. Mit so viel Wissen. Und vor allem Weitsicht über das ganze komplizierte Gefüge, dass sich Leben nennt.

Armut löst Nostalgie aus

Ich bin fasziniert vom einfachen und zugleich distinguierten Leben der Menschen. Vom Stolz auf ihr Dorf, auf das Gemüse, das sie aus dem Boden ziehen. Dass ich meine Hände als Besteck benutze, am Boden inmitten hunderter Menschen schlafe. Ich bin im echten Indien angekommen. Zugleich muss ich aufpassen, dass diese Haltung nicht aus Überlegenheit einer postkolonialen Einstellung heraus geschieht. Die Sehnsucht eines Westlers nach dem wahren Indien manifestiert sich schnell in einem lebendigen Bilderbuch: Kinder, die Cricket spielen, Frauen, die Kleider im Fluss waschen, ein Ochsengespann. Das sind aber Zeugen der Armut, nicht der Nostalgie. Romantische Vorstellungen sind fehl am Platz. Auch auf diesem Platz hier in Tilda.

Die Romantisierung dieses einfachen Lebens ist anmassend. Die Bauern würden ihren Acker lieber mit einem Traktor als mit einem Ochsengespann bewirtschaften – aber dafür fehlen ihnen die finanziellen Ressourcen. Viele Bauern sind so verzweifelt und verschuldet, dass der einzige Ausweg Suizid ist. Hunderttausende Menschen aus diesen Stämmen und Volksgruppen haben sich in den letzten Jahren das Leben genommen. Das ist aber nur die Spitze des Eisbergs. Die anderen versuchen mehr schlecht als Recht zu überleben. Ein Tee pro Tag reicht vielen als Mahlzeit.

Tanzend lachen

Tanzend lachen

Westliche Menschen sind fasziniert von den farbigen Saris, der Arbeit mit den Händen und dem absoluten Verzicht auf Luxus und Materialismus. Wir Europäer sehnen uns nach diesem einfachen Leben, den Adivasi macht dieses einfache Leben zu schaffen. Diese Menschen kämpfen jeden Tag ums Überleben. Im gleichen Augenblick frage ich mich, warum diese Menschen trotzdem lachen? Was ist das Geheimnis, trotz diesem absoluten Mangel an allem, glücklich zu sein? Die Antwort liegt in der Gemeinschaft, in den Familien, in den Kindern. In den Menschen. Denn leblose Luxusgüter machen uns eben doch nicht glücklich, sondern das Lachen der eigenen Kinder und das gemeinsame Essen als Familie.

Apropos Essen: Unser Abendessen besteht – wie auch schon das Morgen- und Mittagessen sowie das Zvieri und Bettmümpferli – aus Reis mit Dal. Ich esse nun bereits seit drei Tagen Reis mit Dal. Und Dal mit Reis. Und Reis mit Dal. Eben Tag für Tag, Day by Day, Dal by Dal. Und bevor ich es vergesse, möchte ich euch noch aufklären, wie das nach dem Essen abläuft: In Indien isst man mit der rechten Hand und scheisst mit der linken Hand! Es gibt nämlich – zumindest an so einem Jubiläum, das auf dem Land stattfindet – weder Besteck noch Toilettenpapier. Das klappt ganz gut. Bis ich feststelle, dass es hier auch keine Seife gibt.

Die Adivasi demonstrieren für das Recht an Land, Wasser und Wald

Die Adivasi tanzen und demonstriere für Recht an Land, Wasser und Wald