Ich sitze wieder einmal im Zug. Nach einem Zwischenstopp am 25-jährigen Jubiläum meiner Organisation in Tilda, Chhattisgarh bin ich knapp reingesprungen. Der Zug war schon in Bewegung. Sehr langsam und mit offenen Türen. Der Rucksack zieht noch nach draussen, doch dann hält mich ein Junge mit einem Karohemd am Arm fest. Indiens Transportmittel sind ein Glück für Dauer-Zuspätkommende wie mich. Wobei in Indien kommt man nie zu spät. Die Uhren ticken anders oder gar nicht. Ich war kürzlich an einer Veranstaltung, die auf elf Uhr angesetzt war. Sie startete schliesslich um halb ein Uhr. Trotz der Verspätung sind alle sitzen geblieben, haben sich unterhalten und ausgiebig begrüsst. Meine Kollegen und Verwandten in der Schweiz wären längst über alle Berge gewesen. Indian time heisst zwischen einer und drei Stunden Verspätung. Auch wenn jemand seine Millionen vom Glückslos einstreichen kann oder der Premierminister empfängt.

Diesmal dauert die Zugfahrt nur zwölf Stunden. Ein Spaziergang. Der indische Zug ist eine zischende und tutende Schlange, an deren Kopf hunderte Zimmer hängen. Der Zug sieht noch genau gleich aus wie vor hundert Jahren als Gandhi mit der Bahn sein eigenes Land entdeckte. Ausser das vorne eine Elektro- anstatt Dampflokomotive zieht. Ich kann auf dem Land die gleiche Beobachtungen wie der Staatsgründer damals machen. Wie durch seine Augen eröffnen sich mir auch hundert Jahre später gleiche Bilder: Ochsen auf der Weide, Frauen in violetten Saris, die Reis ernten oder Tee pflücken, Frauen die ihre Wäsche im Fluss waschen, Männer, die Holzkarren voller Zuckerrüben vor sich her schieben, Kinder in Schuluniformen. Nur stehen an den Bahnübergängen heute Motorräder und Lastwagen, mehr Schornsteine ragen in den Himmel, Werbeplakate preisen Telefonanbieter wie Airtel oder Vodafone an und die Passagiere telefonieren mit einem Telefon aus der Tasche.

Ein Dorf auf Schienen

Ich habe eine Buchung für Sleeper-Class. Decken oder Kissen sucht man vergebens. Die sind nur in der First Class erhältlich. Ich reise zweite Klasse. Für den Preis eines Eises gibt es dafür eine halbe Europareise. Die indische Bahn ist kein Zimmer auf Schienen, sondern ein Schlafsaal in Bewegung. Der Waggon eines Nachtzuges umfasst rund zwölf Abteile mit je acht Schlafplätzen. Ein Waggon ist ungefähr 20 Meter lang. Der Zug weist dabei rund 20 Waggons auf und ist 400 bis 500 Meter lang. Das sind rund 1900 Menschen. Dabei müssen wir aber noch an die beiden General Class-Waggons vorne und hinten denken. Dort sind dreimal mehr Menschen als in den Sleeper-Waggons eingepfercht. Das heisst, hinter mir und vor mir versammeln sich 2000 Menschen. Ein Dorf auf Schienen, eine Suppe aus Geschichten. Im Zug treffen sich die Menschen, weil sie sich stunden- und manchmal tagelang ausgeliefert sind. Sich kennenlernen ist der beste Zeitvertreib.

2000 Menschen in einem Zug

2000 Menschen in einem Zug

Zwei Jungs reissen mich aus meinen Rechenübungen. Sie schütteln mir freundlich die Hand und sagen, sie seien Studenten. Sie sprechen beachtliches Englisch. Der eine steigt von seinem obersten Bett nach unten zu meinem Seitenbett und setzt sich neben die Füsse des alten Mannes, der bereits schläft. Dann fragen mich die beiden, ob mir Indien gefalle? Ich sage: „Sehr gut!“ Oder auf Hindi (आंत) both accha ausgesprochen. „Wie gefällt euch denn Indien überhaupt?“, frage ich zurück. Sie zucken mit den Achseln und deuten auf den Boden, der übersät ist von Erdnussschalen und Papptellern. Mein Gefallen an ihrem Heimatland erscheint den beiden jungen Herren suspekt. Schließlich komme ich aus einem sauberen, reicheren westlichen Land, wo es den Menschen beßer geht. Dass ich in ihrem Heimatland arbeite, verstehen sie noch viel weniger. Schließlich könnte ich doch in Europa jede Menge Zaster machen.

Will ich aber nicht, weil mich doch wie alle Westler irgendwie immer das schlechte Gewissen plagt, weil die Welt so ungerecht ist. Obwohl wir ausser ein paar hundert Franken zu spenden keinen Beitrag dazu leisten, dass diese Ungerechtigkeit endlich ein Ende hat. Würden wir die Welt nämlich wirklich ändern wollen, dürften wir weder ein iPhone besitzen, noch acht Stunden pro Tag arbeiten noch in den Urlaub fahren. So ein schlechtes Gewissen haben wir also doch nicht. Ich bin aber nicht hierher gekommen, mein Gut-Menschen-Drang auszuleben, sondern weil ich in erster Linie meinen Zivildienst absolviere. Wenn ich dabei die Welt gerechter machen kann, dann umso besser. Aber dann ist es Mittel zum Zweck und nicht der Zweck huldigt die Mittel. Große Worte, die zurzeit einen großen inneren Kampf in mir auslösen.

In der globalisierten Welt ist Glück Ansichtssache

„Wir haben zwar mehr Geld, aber weniger Zusammenhalt“, behaupte ich vor den Jungs. Familie bedeutet bei uns – wenn überhaupt – ein Treffen an Weihnachten oder an einer Beerdigung. Kinder hätten wir wegen unseres Karrierebestreben auch keine mehr. „Wir sind menschlich arm“, denke ich. Ich schäme mich im gleichen Augenblick über meine spöttische Distanz zu meiner Heimat. In meiner Welt geht es um die besondere Naht am besonderen Sneaker, um ein veganes Frühstück, um eine neue Sonnenbrille, um den neuen Job in der angesagten Agentur, um den nächsten Gästelistenplatz. Also eine Welt, die vor Glück strotzen müsste. Aber trotzdem sind wir ständig am nörgeln, notorisch unzufrieden. Unsere größte Sorge ist, keine Sorgen zu haben. Wir sind so übersättigt, dass wir nichts mehr reinkriegen. Trotzdem wollen wir noch mehr reinstopfen, kaufen jede Saison neue Klamotten und Möbel, gehen an Happening und Openings, schlafen mit wildfremden Personen, essen uns dick und umrunden den Planeten mit Flugzeugen. Gönnen uns eine Reise ins Paradies mit Meeranschluss oder zu uns selbst. Mehul und Pranath bieten mir zu unserem philosophischen Diskurs Chips an. Die Chips sehen genau gleich wie die Zweifel-Chips zu Hause aus. Also gibt es doch Gemeinsamkeiten zwischen einem der reichsten Länder der Welt, der Schweiz, und einem der ärmsten Länder der Welt, Indien. Wenigstens bei den Chips. Weit gefehlt. Als ich reinbeisse, brennt der scharfe Chili auf meiner Zunge und ich kriege einen Hustenanfall. Die beiden Jungs lachen.

Hoffnung auf Europa: Mehul und Pranath

Hoffnung auf Europa: Mehul und Pranath

Mehul und Sagar träumen von Europa, wie so viele Menschen aus anderen Ländern. Ich komme aus Europas Herzen und sollte diesen Traum in den letzten Jahren gelebt haben. Trotzdem wollte ich weg. In die grosse weite Welt, die echter erscheint als unser Nest, unsere Festung Schweiz. Für die beiden Jungs ist Europa ein Sehnsuchtsort. Für mich ein Fluchtort. Aber nicht ein Ort, wo ich Hilfe und Zuflucht finde, sondern von dem ich geflüchtet bin. Warum ist mein Zuhause, das ich manchmal kritisch sehe, ein solch begehrenswerter Platz? Was erhoffen sich die 18-jährigen Inder dort? „Geld, ein schnelles Auto und eine love marriage„, kommt wie aus der Pistole geschossen. Ausbrechen aus dem Kastensystem. Hin zum Materialismus, der mich so anödet? Für den es gar keine Ressourcen mehr auf diesem Planeten gibt. Für Mehul und Sagar ist der Westen ein Traum von Freiheit. Von der Freiheit, die Musik zu hören, die man will, die Jeans zu tragen, die man möchte und die Frau zu heiraten, die man wirklich liebt. Genau die Freiheit, die meine Generation so orientierungslos macht. Besitzen die Inder nicht viel mehr – eine Familie, Geschwister, Wärme? Vielleicht gar eine größere Zukunft als die Europäer. In Indien sind 65 Prozent der Bevölkerung unter 35 Jahre alt.

Europa als Museum

Schauen wir doch 50 oder 100 Jahre nach vorne. Ich möchte ja bald Zukunftsforscher werden. Was wird von Europa bleiben, außer einer überalterten Bevölkerung, die um Rente und Sozialwerke kämpft? Vielleicht werden die Kinder oder Kindeskinder von Mehul und Pranath aus dem Indien der Zukunft, in dem Millionen von Menschen reich sind, weil sie Land, Bodenschätze und Arbeitskräfte haben, nach Europa reisen. Dieses Europa ist dann nur noch ein Museum mit Akropolis, Kolosseum, Eiffelturm und Buckingham Palace. Zeuge der alten Mächte. Die Menschen, die in diesem sterbenden Abendland wohnen sind alt und krank – kaputt durch ihren Überfluss, den sie hatten. Ich inklusive. Was erwarte ich von meiner Zukunft, was erwarten die beiden Inder davon? Die Unterschiede sind grösser als die Meilen, die wir mit dem Zug zurücklegen. Aber etwas haben wir gemeinsam: Facebook. Mehul schickt mir eine Anfrage. Ich ziehe mein iPhone aus der Tasche, sie wollen es sich anschauen, fragen, wie viel es kostet. Dabei ist es doch bloß ein Taschentelefon. Für mich. Für sie nicht. Sie streben den Materialismus an, den ich hinter mir lassen will, weil er mir anlastet. Dieses Bestreben der Jungs zu hinterfragen ist aber aus meiner Sicht wiederum anmaßend. Aber für das Maß hatten wir Westler ja sowieso nie ein gutes Händchen.

Karge Menschen in kargen Landschaften

Draußen ziehen spärlich beleuchtete Häuser, Müllberge, Kuhherden und Felder vorbei. Karge Sträucher mit noch kargeren Menschen davor sind zu sehen. Sie durchsuchen den Abfall nach Essen. Pappteller purzeln aus dem Zug und klatschen den Menschen an den Gleisen an den Kopf. Ein kleiner Junge in zerfetzten Kleidern schlägt mit einem Stock auf ein Schwein ein. Eine sechsköpfige Familie steht vor einem Häuschen, das etwa so gross wie eine Hundehütte ist. Ein alter Mann mit einem weissbraunen Bart kackt in das Gebüsch. Hunde springen sich mitten in einem Müllberg laut kläffend an den Hals. Der Zug fährt nun schneller, Dunkelheit legt sich über diese Bilder, die Realität beginnt zu verschwimmen und verschwindet in der Nacht. Der Wind zieht meine schweren Gedanken nach draussen.

Bilaspur Junction

Bilaspur Junction

Mittendrin anstatt nur dabei

In den letzten Jahren bin ich oft geflogen. Zu irgendwelchen Pressereisen auf allen Kontinenten, zu meinen Freunden nach Paris, London, New York oder Lissabon und als Pendler Zürich-Berlin. Beim Zugfahren findet man hingegen zu sich selbst. Fliegen geht viel zu schnell und ist ohne Fensterplatz selten entspannend. Von aussen, also von einer europäischen Sicht betrachtet, ist die Indian Railway zwar auch alles andere als entspannt: Neben mir schnarcht eine Mann wie eine Sägerei, der Wind schleicht wie ein eisiges Tentakel zum Fenster hinein und die brettharte Pritsche drückt mir in den Rücken. Ich fühle Indien – und es fühlt sich gut an. Ich spüre, wie selbstverständlich es wird, zwischen all den 2000 Menschen zu liegen, und es mir nicht mehr seltsam erscheint, dass an der Decke Dutzende Ventilatoren hängen und Polizisten mit Maschinengewehren vorbei laufen. Das ist Indien – und da bin ich. Mittendrin anstatt wie ein Tourist nur dabei.

Das Landschaftskino

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